{"id":4396,"date":"2004-06-07T15:26:43","date_gmt":"2004-06-07T13:26:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4396"},"modified":"2024-02-29T15:31:40","modified_gmt":"2024-02-29T14:31:40","slug":"vom-buchstabenglueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/06\/07\/vom-buchstabenglueck\/","title":{"rendered":"Vom Buchstabengl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Schreiben hei\u00dft, ganz nah bei mir zu sein.<\/p>\n<p>Jetzt steht er da, dieser Satz. Zwar ist er nicht in Stein gemei\u00dfelt, h\u00f6rt sich aber so an. Und gleich f\u00fchlt sich das Denken provoziert und rattert Kommentare herunter: Stimmt nicht, wenn du \u00fcber Berlin oder HTML schreibst, bist du nicht bei dir. Und wenn dir nichts einf\u00e4llt, wo bist du dann? Und \u00fcberhaupt, was soll der Schei\u00df? Wer bitte ist hier bei wem? Woher f\u00e4llt etwas ein &#8211; und wohin f\u00e4llt es dann?<!--more--><\/p>\n<p>Wenn ich all diese Einw\u00e4nde als m\u00f6gliche Leserstimmen ansehen w\u00fcrde, k\u00e4me ich nicht einen Satz weiter. W\u00fcrde mich in Erl\u00e4uterungen verheddern, immer gleich dazu sagen wollen, was die Worte bedeuten und was nicht, w\u00fcrde Satzunget\u00fcme verbrechen, die kein Mensch mehr lesen mag und all das w\u00e4re erfolglos, denn mit jedem zus\u00e4tzlichen Wort schreibt sich das &#8222;Problem&#8220; nur fort. Die Bedeutung entsteht im Kopf des Lesers, daran kann ich nichts \u00e4ndern. Es gibt kein &#8222;Objektives&#8220; in der Welt der Sprache: Sage ich &#8222;Haus&#8220; sieht der eine die Berliner Mietskaserne, der andere eine Villa oder gar die Wellblechh\u00fctte in einem Drittwelt-Slum. Auch wenn ich das Haus n\u00e4her bestimme, bleiben die Bilder in den K\u00f6pfen unterschiedlich &#8211; siehst du das Mietshaus eher verkommen oder saniert? Mit Grafitti an den W\u00e4nden oder frisch gestrichen?<\/p>\n<p>Wenn es mit dem Haus schon so geht, wie ist es dann erst mit Begriffen wie &#8222;Freiheit&#8220;, &#8222;Liebe&#8220;, &#8222;Krankheit&#8220;, &#8222;Recht&#8220;, &#8222;Sch\u00f6nheit&#8220;? All diese Worte benutzen wir st\u00e4ndig und gehen davon aus, dass die Anderen schon irgendwie wissen, was gemeint ist. Zu unrecht, was sich nur allzu schnell zeigt, wenn man ein bisschen nachbohrt. Gerade las ich einen Artikel, der den Begriff &#8222;Freiheit&#8220; einzig f\u00fcr die innere Freiheit (= Freiheit von&#8230;) gelten lie\u00df und die \u00e4u\u00dfere Freiheit (Freiheit zu&#8230;) aus der Wortbedeutung ausschloss. Von den vielen m\u00f6glichen Bedeutungen des zu Tode genutzten Wortes &#8222;Liebe&#8220; will ich gar nicht erst anfangen!<\/p>\n<h2>Ein Wunder!<\/h2>\n<p>Dass wir \u00fcberhaupt kommunizieren k\u00f6nnen ist angesichts dieser Verh\u00e4ltnisse ein echtes Wunder. Eines, das seltsamerweise kaum auff\u00e4llt, solange wir reden, wohl aber, wenn man mit dem Schreiben beginnt. Das Hinschreiben ist ein viel bewussteres Tun als das gew\u00f6hnliche &#8222;Geschw\u00e4tz&#8220;, kaum will ein Gedanke Satzform annehmen, kommen von allen Seiten Fragen auf: Was meine ich damit genau? Ist es auch wichtig genug? Wie kann das missverstanden werden? Ist es &#8222;gut&#8220;? Der Versuch, zu schreiben, endet sogleich in der Schreibblockade, denn das Fragliche jeglichen Mit-Teilens wird drastisch sp\u00fcrbar und \u00fcberdeckt den urspr\u00fcnglichen Schreibimpuls: einen Eindruck zum Ausdruck bringen.<\/p>\n<p>Ob und wie man zum urspr\u00fcnglichen Impuls zur\u00fcck findet und in den Fluss des Schreibens kommt, ist f\u00fcr jeden anders. Bei mir war es das Schreiben AN ein konkretes Gegen\u00fcber: lange Briefe (Schneckenpost!) an einen Freund, der nach Italien gezogen war, Briefe an meinen Yoga-Lehrer \u00fcber die Erlebnisse in den \u00dcbungsstunden, sp\u00e4ter \u00fcber Gott und die Welt &#8211; und noch heute gibt es immer wieder mal einen solchen &#8222;ersten Leser&#8220;, dem gegen\u00fcber ich keinerlei Hemmungen habe, auch Intimes und Widerspr\u00fcchliches zur Sprache zu bringen.<\/p>\n<p>Gemeinsam ist diesen Adressaten, dass sie sich \u00fcblicherweise nicht ins &#8222;Dialogische&#8220; hineinziehen lassen, dass also keine ausufernden Rede-Zitat-Widerrede-Gespr\u00e4che entstehen, die mich nur innerlich zerfasern und an den Andern denken lassen anstatt an das, was ich ausdr\u00fccken m\u00f6chte. Sie m\u00fcssen mir wohlgesonnen sein, damit ich mich \u00fcberhaupt traue, &#8222;aus mir heraus&#8220; zu gehen, dabei aber v\u00f6llig souver\u00e4ne Individuen bleiben, in keiner Weise von mir abh\u00e4ngig. Wenn ich n\u00e4mlich Angst haben muss, zu entt\u00e4uschen, zu verletzen oder zu frustrieren, dann bin ich schon nicht mehr im Schreibfluss, in der eigenen Wahrheit des Augenblicks, sondern in taktischer Kommunikation.<\/p>\n<p>Schreiben hei\u00dft, ganz nah bei mir zu sein. Das konnte ich erst in der &#8222;Verlassenheit&#8220; entdecken, in Schreibsituationen also, in denen nicht gleich auf alles eine Antwort kommt, an der ich mich &#8222;ausrichte&#8220;, bewusst oder unbewusst. Ich wei\u00df dann einfach nicht, was der Andere \u00fcber meinen letzten Text denkt, und wenn ich weiter schreiben will, muss mir das egal sein. Genau an dieser Stelle befreie ich mich vom Anderen und wende mich mir selber zu. Schreibe vielleicht etwas, das so ziemlich das Gegenteil von dem sagt, was ich vor zwei Wochen meinte, einfach so, weil es eben gerade so ist. Immer noch kein Entsetzensschrei? Kein &#8222;aber du hast doch neulich gesagt&#8230;&#8220;? Wunderbar! Dann kann ich ja so weiter machen! Kann immer tiefer in mich hinein gehen und das Bewerten beiseite lassen, kann die kritische Vernunft bis zum n\u00e4chsten Gesch\u00e4ftsbrief beurlauben und einfach schreiben, was ich sehe, f\u00fchle, erlebe &#8211; Eindr\u00fccke zum Ausdruck bringen, ganz ohne Zensur. Ich erkenne, was ich bin und was ich nicht bin, und wie sich das fortlaufend ver\u00e4ndert.<\/p>\n<h2>Jemand sein: Das taktische Ich<\/h2>\n<p>Irgendwann gibt es keinen Weg mehr zur\u00fcck. Das &#8222;taktische Ich&#8220; existiert zwar immer noch, doch es erscheint als Last und Beschr\u00e4nkung, wo immer es sein angstvolles und gefalls\u00fcchtiges Haupt erhebt. Nicht nur beim Schreiben, sondern auch im Leben. Auf einmal sp\u00fcre ich genau, wenn der Fluss stockt, wenn ich mit der m\u00fchevollen Arbeit des &#8222;Jemand Seins&#8220; beginne &#8211; und das f\u00fchlt sich \u00fcberhaupt nicht gut an. SO oder anders sein, um zu gefallen, ist keine Methode, das Gl\u00fcck zu gewinnen, sondern der k\u00fcrzeste Weg in die H\u00f6lle.<\/p>\n<p>Dabei ist ganz egal, ob ich mir selbst gefallen will oder Anderen, genau besehen ist das sogar dasselbe. Im Zorn auf die Anderen zu schauen, sei es als &#8222;Gesellschaft&#8220;, &#8222;breite Masse&#8220;, &#8222;Mainstream&#8220; oder &#8222;die Herrschenden&#8220;, um sich dann zwanghaft abzugrenzen und &#8222;anders zu sein&#8220;, ist auch nur eine Form der Unfreiheit. Dabei wird versucht, einem &#8222;Selbstbild&#8220; zu entsprechen, das in Auseinandersetzung mit einem &#8222;Weltbild&#8220; entsteht. Alles nur Bilder, Bilder einer Ausstellung, deren Besuch ich niemandem empfehlen kann.<\/p>\n<p>Gehe ich selbst noch hin? Leider ja &#8211; immer wieder mal meine ich, keine Wahl zu haben und verfalle dem subtilen Terror des allt\u00e4glichen Funktionierens. Versuche also, Erwartungen zu entsprechen, einem Publikum oder einer Einzelperson zu gefallen, alles &#8222;richtig&#8220; zu machen und niemanden zu irritieren oder gar zu verletzen. Bin dadurch sofort im Reich der Angst (zu versagen, etwas zu verlieren, nicht zu erreichen&#8230;) und in der Welt des Kampfs. Sehe nicht mehr, was ist, sondern zwinge alles in eine Richtung, die sein soll. Was die Anderen denken, was sie verstehen oder nicht verstehen, wird auf einmal sehr wichtig. Ich muss diskutieren, mich auseinander setzen, mich durchsetzen oder m\u00fchsam anpassen &#8211; auf einmal verhandle ich wieder \u00fcber Dinge, die ich bereits gelernt hatte, alleine zu meistern, rechte herum \u00fcber die &#8222;richtige Sicht&#8220;, lasse mich beliebig in Frage stellen und versuche, GUT zu sein.<\/p>\n<p>Forget it! Es ist nicht nur anstrengend, sondern auch nutzlos. Jeder &#8222;Erfolg&#8220; bedeutet nur einen neuen Trakt im selbst gebauten Gef\u00e4ngnis, denn ich muss ja alledem, was ich &#8222;um zu&#8220; erschaffe, ohne dass es wirklich aus mir selber kommt, auch k\u00fcnftig gen\u00fcgen. Zumindest solange, wie das &#8222;taktische Ich&#8220;, das all das zu brauchen meint, das Sagen hat.<\/p>\n<p>Wenn ich mich aber hinsetze, um zu schreiben, ist all das wie weggewischt. Dann setze ich mich nicht mit etwas oder jemandem auseinander, sondern mit mir selbst zusammen. Ich habe kein Thema, sondern schaue dem Film des Daseins zu, werde still und warte ab, was f\u00fcr &#8222;wichtige Szenen&#8220; sich zeigen werden. Nicht der Text, der am Ende heraus kommt, ist das Entscheidende, sondern die Haltung, die ich dabei zu &#8222;allem, was ist&#8220; einschlie\u00dflich meiner selbst einnehme. Einmal einge\u00fcbt, will ich sie nicht mehr missen. Sie f\u00fchlt sich an wie das Baden in einer k\u00fchlen klaren Quelle nach einer langen anstrengenden Wanderung.<\/p>\n<p>Ich nenne es Buchstabengl\u00fcck.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreiben hei\u00dft, ganz nah bei mir zu sein. Jetzt steht er da, dieser Satz. Zwar ist er nicht in Stein gemei\u00dfelt, h\u00f6rt sich aber so an. Und gleich f\u00fchlt sich das Denken provoziert und rattert Kommentare herunter: Stimmt nicht, wenn du \u00fcber Berlin oder HTML schreibst, bist du nicht bei dir. 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