{"id":4393,"date":"2004-06-14T15:23:26","date_gmt":"2004-06-14T13:23:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4393"},"modified":"2024-02-29T15:53:23","modified_gmt":"2024-02-29T14:53:23","slug":"ueber-sein-und-sollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/06\/14\/ueber-sein-und-sollen\/","title":{"rendered":"\u00dcber Sein und Sollen"},"content":{"rendered":"<p>Braucht es eigentlich eine &#8222;Lizenz zum Dasein&#8220;? Muss mir erst jemand erlauben, SO zu sein, wie ich gerade bin? Habe ich die Pflicht, mich daf\u00fcr zu rechtfertigen? Muss ich gar Gr\u00fcnde und Ursachen benennen, wissenschaftliche Forschungen heran ziehen, mein Denken, F\u00fchlen und Verhalten stets mit dem Denken und Meinen anderer abgleichen? Zwingt mich irgend etwas dazu, heute genauso zu sein wie gestern oder vorige Woche? Muss ich &#8222;logisch nachvollziehbar&#8220; bzw. &#8222;vern\u00fcnftig&#8220; sein? Oder gar politisch korrekt?<!--more--><\/p>\n<p>Viele meiner Mitmenschen, wie sie mir im &#8222;realen Leben&#8220; und per Text im Internet begegnen, scheinen gewisse Probleme mit dem eigenen &#8222;So-Sein&#8220; zu haben. Es kommt zumindest selten vor, dass jemand mal einfach so von sich erz\u00e4hlt &#8211; ohne gro\u00dfe Vorreden, ohne Bez\u00fcge auf das, was &#8222;man sollte&#8220; oder was &#8222;man tut&#8220;. Und auch ohne eigene Folgerungen, was &#8222;man tun sollte&#8220;.<\/p>\n<p>Statt dessen werden abstrahierte Meinungen \u00fcber Gott und die Welt ausgetauscht, die irgendwo in der Zeitung, in B\u00fcchern oder anderen Medien stehen k\u00f6nnten, w\u00fcrde man sie ordentlich ausformulieren. Und vermutlich stammen sie da ja auch her.<\/p>\n<h2>Sich zeigen?<\/h2>\n<p>Was will ich, wenn ich mit Menschen in Kontakt trete? Will ich chaotisch zusammengestellte, unprofessionell pr\u00e4sentierte Medieninhalte konsumieren? Gewiss nicht. Dass ein menschliches Gehirn &#8222;Textbausteine&#8220; ganz gut kombinieren kann, muss ich mir nicht immer wieder vorf\u00fchren lassen, das ist mir bekannt. Da greif ich lieber zum Original meiner Wahl, das ist besser aufbereitet und ich kann es nutzen, wenn&#8217;s mir danach ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich will ich auch &#8222;\u00fcber die Welt&#8220; sprechen und nicht nur \u00fcber mich. Jemand, der st\u00e4ndig nur von sich erz\u00e4hlt, kann ganz sch\u00f6n egozentrisch wirken &#8211; ich frag mich dann: Gibt&#8217;s f\u00fcr den eigentlich nichts anderes? Kein &#8222;da drau\u00dfen&#8220;, keine Gesellschaft, keine Wirtschaft, keine Politik, keine &#8222;Welt&#8220;? Nur dieses kleine hypertrophierte Ego und sein Wohl und Wehe?<\/p>\n<p>Aus der Betrachtung m\u00f6glicher Extreme l\u00e4sst sich wenig lernen, au\u00dfer vielleicht resignative Erkenntnisse \u00e1 la &#8222;wie man&#8217;s macht, ist&#8217;s falsch&#8220;. Also bleib ich dran an dem, was ich selbst empfinde: Solange ich nicht wei\u00df, WER jemand ist, er also noch nichts von sich erz\u00e4hlt hat, bleiben seine Aussagen f\u00fcr mich weitgehend bedeutungslos. Wenn ich au\u00dferhalb technisch-organisatorischer Alltagshandlungen in Kontakt trete, will ich nicht Informationen austauschen, sondern das je eigene Erleben. Das gilt im Internet genauso wie auf jeder anderen Kommunikationsebene. Es ist nun mal ein himmelweiter Unterschied, ob ich mit einem 150-Kilo-Mann \u00fcbers Dick-Sein spreche oder mit einer Magers\u00fcchtigen. Ein Gespr\u00e4ch ist f\u00fcr mich dann bereichernd, wenn es zwischen dem Pers\u00f6nlichen und dem Allgemeinen, zwischen &#8222;Ich&#8220; und &#8222;Welt&#8220; oszilliert &#8211; und ich erlebe Sternstunden, wenn das mit Leichtigkeit geschieht, ohne Blockaden und Tabu-Zonen.<\/p>\n<p>Viele wollen nichts von sich erz\u00e4hlen, weil sie f\u00fcrchten, von anderen abgelehnt zu werden. Mit dieser Angst setzt sich vermutlich jeder mal auseinander, dem der Gr\u00f6\u00dfenwahn nicht in die Wiege gelegt ist. Wer \u00f6ffentlich schreibt, sei es in Foren oder auf Homepages und Diarys, begegnet ihr bewusster, denn Schreiben ist nun mal ein bewussteres Tun als das blo\u00dfe spontane Miteinander-Reden. Aber gerade das ist die Chance, der Vorteil des Schreibens. Indem ich mir \u00fcber meine Bef\u00fcrchtungen klar werde, besinne ich mich auch auf das, was ich eigentlich will. Was gewinne ich denn, wenn ich einen m\u00f6glichst dichten Nebel um meine Person erzeuge? Werde ich dadurch eher gesch\u00e4tzt, geliebt und anerkannt? Gewinne ich an Glaubw\u00fcrdigkeit, wenn ich mich aufs Allgemeine beschr\u00e4nke, vielleicht garniert mit ein paar wissenschaftlichen Erkenntnissen und Zitaten anerkannter Autorit\u00e4ten? Was hat das alles noch mit mir zu tun?<\/p>\n<p>Schlimmer noch, wenn ich bewusst ein falsches Bild abgebe. Das muss ich ja dann st\u00e4ndig aufrecht erhalten, muss mir merken, was zu meiner &#8222;erfundenen Identit\u00e4t&#8220; passt und was nicht &#8211; was f\u00fcr ein Stress und wie nutzlos! Mag ja sein, dass die Leute auf meinen &#8222;Kunstcharakter&#8220; abfahren &#8211; aber was bringt MIR das? ICH bin&#8217;s ja dann nicht, die sie m\u00f6gen. Warum dann nicht gleich Drehb\u00fccher f\u00fcr Soap-Operas schreiben und mit dem eigenen Erfindungsgeist richtig Geld verdienen, wenn diese Art Akzeptanz schon ausreicht?<\/p>\n<h2>Von den Wertegebern<\/h2>\n<p>Es ist kein leichtes Gesch\u00e4ft, sich von den Bewertungen und Urteilen anderer frei zu machen. In uns lebt das Erbe der Affenhorde: immer erst mal gucken, was das Alpha-M\u00e4nnchen oder die starken M\u00fctter gerade tun. Dabei hatten sie es damit noch einfach. In unseren entwickelten Mediengesellschaften werden wir zugesch\u00fcttet mit unz\u00e4hligen, einander oft widersprechenden Vorgaben, wie ein &#8222;richtiges&#8220; bzw. &#8222;gutes&#8220; Leben zu leben sei. (Man denke nur allein mal an die verschiedenen, im Lauf der Jahre wechselnden Ern\u00e4hrungslehren!). Durch schiere Vielfalt und Masse ist es praktisch unm\u00f6glich geworden, von &#8222;da drau\u00dfen&#8220; eine schlichte Handlungsanweisung zu beziehen, wenn es sich nicht gerade um so banale Dinge wie den Aufbau eines IKEA-M\u00f6bels handelt.<\/p>\n<p>Und doch lebt der Wunsch weiter, es &#8222;richtig&#8220; zu machen, sich bei &#8222;den Guten&#8220; zu sehen und daf\u00fcr zumindest ein Schulterklopfen zu ernten. Wie aber w\u00e4re das denn \u00fcberhaupt zu erreichen, wenn man sich schon mal dazu bekennt? Mit einem &#8222;Common Sense&#8220; ist heute nicht mehr ernsthaft zu rechnen. Letztlich halten wir es inmitten der un\u00fcberschaubar gewordenen Werte und Wahrheiten dann doch wie die Affen: je n\u00e4her mir jemand steht, desto mehr bedeutet mir seine Meinung, sein Urteil, sein je pers\u00f6nliches &#8222;Man sollte&#8230;&#8220;. Daran richte ich &#8211; mit oder auch mal ohne Diskussion &#8211; mein Denken und Verhalten aus und nenne das dann vielleicht &#8222;Harmonie&#8220; (und wenn es mal keine Einigung gibt, ist es ein &#8222;Ungl\u00fcck&#8220;). Erst wenn ich feststelle, dass ich &#8211; das fremde &#8222;Rezept&#8220; befolgend &#8211; immer wieder im Leiden strande, bediene ich mich aus dem gro\u00dfen Pool der Alternativen und such mir eine aus, die meinen W\u00fcnschen und Gef\u00fchlen besser entspricht.<\/p>\n<p>Die Befreiung von den Eltern ist die erste Station, die so bew\u00e4ltigt wird. In der Regel folgt aber nicht das &#8222;ganz Andere&#8220;, schon gar nicht das &#8222;Eigene&#8220;, sondern nur ein neues Korsett aus Werten und Weisungen, bezogen von anderen Menschen, die auf einmal wichtiger geworden sind &#8211; z.B. die Peergroup der Jugendlichen, sp\u00e4ter die jeweiligen Beziehungs- oder Ehepartner.<\/p>\n<p>Da die menschliche Gesellschaft doch ein bisschen mehr auf dem Kasten hat als die Affenhorde, lernen wir noch eine ganze Reihe Instanzen kennen, deren Wertesysteme und Beurteilungskriterien im Lauf des Lebens Bedeutung gewinnen: der Arbeitsplatz als Karriereleiter, politische Initiativen und Parteien, Vereine und Verb\u00e4nde, Kirchen und\/oder spirituelle Gruppen, schlie\u00dflich unz\u00e4hlige Subkulturen und einzelne Autorit\u00e4ten und &#8222;Lehren&#8220;, die in ihnen etwas gelten. Auch im eigenen Karnickelz\u00fcchterverein m\u00f6chte man sich nicht ohne Not unm\u00f6glich machen!<\/p>\n<p>Von Wertegebern umstellt, immer bem\u00fcht, es allen recht zu machen &#8211; ist so das Gl\u00fcck zu gewinnen?<\/p>\n<h2>Sich selbst sehen<\/h2>\n<p>Zugunsten des Hineinwachsens in die Gesellschaft lernen wir, vor allem anderen zu beachten, was von au\u00dfen kommt. (Auch wer stets eine Haltung der Ablehnung und des Widerstands gegen\u00fcber allem &#8222;Herrschenden&#8220; einnimmt, schaut nach au\u00dfen.) Gleichzeitig sind wir f\u00fcr uns selber blind, denn das Denken ist von diesem ach-so-wichtigen Au\u00dfen vollst\u00e4ndig okkupiert: Selbst WENN der Blick sich mal nach innen wendet, vielleicht, weil \u00fcble Gef\u00fchle nach Beachtung verlangen, dann geschieht doch nichts weiter, als dass wir die \u00fcbernommenen Denksysteme und ihre Bewertungskriterien benutzen, um Defizite zu bemerken und uns selbst zu be- und zu verurteilen.<\/p>\n<p>Bei mir dauerte das bis ins 36. Jahr. Damals war ich auf einem Tiefpunkt angekommen, der sich gewaschen hatte. Ein Jahrzehnt als Polit-Aktivistin, Stadtteilarbeiterin, Sanierungsbeir\u00e4tin, Betroffenenvertreterin, Zeitungsmacherin, Stra\u00dfenfest-Veranstalterin, Kulturvereins-Vorstandsmitglied, Fraktionsassistentin und schlie\u00dflich als Kneipenwirtin lag hinter mir. Ich hatte allen in meinem Stadtteil existierenden &#8222;fortschrittlichen Initiativen&#8220; gedient und selbst noch neue dazu gegr\u00fcndet, hatte alle Zeit, die nicht zum Schlafen drauf ging, f\u00fcr den &#8222;Kampf&#8220; verwendet, immer begeistert und \u00fcberzeugt von allem, was ich tat. &#8222;Pers\u00f6nliche Interessen&#8220; kannte ich nicht, ich &#8222;verwirklichte&#8220; mich ja gerade in diesem Herumwirbeln an vielen Fronten. Vorher war ich nichts und niemand, jetzt hatte ich Macht, konnte wirken, konnte die Welt ver\u00e4ndern! Und ich verachtete alle Mitstreiter, die noch so etwas wie ein Privatleben hatten, als Deserteure: egoistische Spinner, die nicht wissen, was wirklich wichtig ist.<\/p>\n<p>Aber das &#8222;innere Imperium&#8220; schlug zur\u00fcck. Ich sp\u00fcrte, wie meine Begeisterung nachlie\u00df und wusste nicht, warum. Bemerkte auf einmal, dass ich zwar viele Neider und Bewunderer hatte, aber kaum Freunde &#8211; nur Mitstreiter, die genau wie ich die halbe Nacht in der Kiezkneipe zubrachten, dort weiter die &#8222;wichtigen Dinge&#8220; ausmauschelten und sich dabei zunehmend betranken. G\u00e4nzlich ungewohnte Gedanken kamen auf, z.B. &#8222;was hab ICH eigentlich davon?&#8220;.<\/p>\n<p>Doch jenseits meines \u00fcbervollen Funktion\u00e4rinnen-Daseins war nichts als be\u00e4ngstigende Leere. Ich begann, mit zunehmender Fluchtgeschwindigkeit aus meinem bisherigen Leben heraus in diese Leere hinein zu fallen. Nach und nach baute ich meine &#8222;Funktionen&#8220; ab und versuchte, weniger exponiert zu leben, aber das \u00e4nderte nichts am zunehmend verzweifelten Lebensgef\u00fchl. Schlie\u00dflich realisierte ich, dass ich mittlerweile ein Alkoholproblem hatte, doch in meinem Macher-Wahn glaubte ich noch lange, ich k\u00f6nne mir selber helfen und probierte die verschiedensten &#8222;kleinen Fluchten&#8220;: Auslandsaufenthalte, eine Ausbildung in klassischer Massage &#8211; alles zwecklos. Das Rezept &#8222;mehr vom selben&#8220; funktionierte nicht mehr, es n\u00fctzte Nichts, die ART meiner Aktivit\u00e4ten zu ver\u00e4ndern, ich selbst h\u00e4tte mich \u00e4ndern m\u00fcssen. Aber wie sollte das gehen, solange ich mich nur als falsch funktionierendes Problemfeld wahrnahm und nur versuchte &#8222;mehr Druck&#8220; auszu\u00fcben? Es ging nicht. Ich war mit meinem Latein am Ende &#8211; und irgendwann sah ich es auch ein: Ich gab zu, dem Alkohol gegen\u00fcber machtlos zu sein und nicht mehr zu wissen (!), wie das Leben zu meistern sei.<\/p>\n<p>Einerseits markierte diese Einsicht den Tiefpunkt der Erfahrung, in die ich mich hineingelebt hatte, andrerseits war sie der erste Schritt aus ihr heraus. Und gleichzeitig Teil des &#8222;neuen Konzepts&#8220; vom richtigen Leben, das ich nun von den Anonymen Alkoholikern \u00fcbernahm. Anders als alle bisherigen Wertesysteme, die ich gelebt hatte, richtete es den Blick nach innen: das Seelenheil, in diesem Rahmen fassbar gemacht als &#8222;N\u00fcchternheit&#8220;, wurde oberster Wert, dem sich s\u00e4mtliches Denken und Verhalten unterzuordnen hatte.<\/p>\n<h2>Grundloses Dasein<\/h2>\n<p>Diese Geschichte hab&#8216; ich schon an anderer Stelle ausf\u00fchrlich erz\u00e4hlt. Hier geht es mir nur um den einen Unterschied, der mein In-der-Welt-Sein drastisch ver\u00e4ndert hat: Nicht mehr &#8222;urteilend&#8220; von au\u00dfen nach innen schauen, um das eigene SoSein zu manipulieren bzw. &#8222;in den Griff&#8220; zu bekommen, sondern zun\u00e4chst einmal nur sehen, was da eigentlich ist &#8211; und sich dann danach richten. Wenn ich mich in einer Situation aus was f\u00fcr Gr\u00fcnden auch immer (Langeweile, Psychostress etc.) so f\u00fchlte, dass ich mich betrinken h\u00e4tte m\u00fcssen, um zu bleiben, dann war es eben angesagt, zu gehen.<\/p>\n<p>Auf einmal war das Leben sehr einfach. Keine inneren Brandreden mehr (ich sollte jetzt aber, ich m\u00fcsste, ich darf nicht&#8230;), sondern sehen, was ist, und mich danach richten. Mein &#8222;SoSein&#8220; in seinen 1000 Gestalten braucht keine Rechtfertigung und kein Konzept. Als &#8222;Nicht-Konzept&#8220; wird diese Haltung schon bald allumfassend, hebt v\u00f6llig vom &#8222;Anwendungsfall Sucht&#8220; ab und wird selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Jetzt erst fiel mir auf, was das &#8222;ganz normale Leben&#8220; \u00fcblicherweise bedeutet: Den Versuch, jegliche Lebens\u00e4u\u00dferung, alle Gedanken, Gef\u00fchle, Empfindungen und Handlungen in einen stimmigen, logisch nachvollziehbaren Zusammenhang zu zwingen &#8211; abgepr\u00fcft anhand akzeptierter Wertesysteme. Was reinpasst, ist gut, der Rest ist wegzudr\u00fccken, zu verleugnen, zu bem\u00e4nteln, zu bet\u00e4uben. Ja, er wird in der Regel gar nicht mehr gesehen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.<\/p>\n<p>Sehen, was ist, und mich danach richten &#8211; das bedeutet in der Praxis, dass es nicht zuvorderst darauf ankommt, was f\u00fcr einen Eindruck ich bei Anderen mache. Dieser Blickwinkel verschwindet zwar nicht v\u00f6llig, existiert aber nur noch unter &#8222;ferner liefen&#8230;&#8220;. An der Stelle w\u00e4chst das Bewusstsein f\u00fcr die Grenzen des Reichs der Notwendigkeit: Wenn ich z.B. das Angebot mache, eine bestimmte Dienstleistung zu erbringen, dann will und muss ich den Eindruck erwecken, dass ich den Dienst auch verl\u00e4sslich und nach den Regeln der Kunst leisten kann. Wenn ich f\u00fcr ein kommerzielles Printmedium schreibe, habe ich die dort geforderten Schubladen zu bedienen, mein spontaner Selbstausdruck ist beschr\u00e4nkt. Auch im Umgang mit meiner Vermieterin, im Einhalten von Vertr\u00e4gen, Gesetzen und Vorschriften kann ich nicht nach Gusto agieren, sondern muss &#8222;stimmig&#8220; handeln, auch dann, wenn in mir grad ein Chaos herrscht.<\/p>\n<h2>Konsistenz und Tugendhaftigkeit?<\/h2>\n<p>Ansonsten aber &#8211; z.B. in diesem Diary, im Umgang mit Freunden und Bekannten, im Kontakt mit beliebigen Fremden, in allen Aktivit\u00e4ten, die NICHT einem Lebensbasis-erhaltenden Zweck verpflichtet sind, kann ich sein, wie ich nun mal gerade bin: weder immer gleich, noch immer gut. Konsistenz und Tugendhaftigkeit existieren nur als Fallout von Wertesystemen, sind nachtr\u00e4gliche Bewertungen, nicht origin\u00e4re Realit\u00e4ten. Es ist ungeheuer entspannend, sich dessen stets bewusst zu sein. Und ungemein lehrreich, zu beobachten, was aus den &#8222;wichtigen Dingen&#8220; (z.B. Liebe&#8230;) wird, wenn man sie nicht durch ein Gestr\u00fcpp aus Konzepten betrachtet, die sagen, wie alles &#8222;sein sollte&#8220;, sondern nur wahrnimmt, was tats\u00e4chlich ist.<\/p>\n<p>Einen Artikel wie diesen schreibe ich nicht, um die Welt zu belehren, sondern um mir selbst neu vor Augen zu f\u00fchren, was ich schon lange wei\u00df &#8211; was ich \u00fcber lange gute Zeiten lebe, aber doch auch immer wieder mal zu verlieren drohe. Dann verengt sich der Blick wieder, ich bin mit mir uneins, gerate in &#8222;Auseinander-Setzungen&#8220; mit Anderen, denke allen Ernstes \u00fcber Konzepte nach, wie man sein sollte, und versacke in allerlei Suchtverhalten.<\/p>\n<p>Schreiben ist dann ein wunderbares &#8222;Gel\u00e4nder&#8220;, an dem ich mich festhalten und wieder finden kann, wenn ich dabei bin, mich zu verlieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Braucht es eigentlich eine &#8222;Lizenz zum Dasein&#8220;? 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