{"id":4392,"date":"2004-06-22T15:18:51","date_gmt":"2004-06-22T13:18:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4392"},"modified":"2024-02-29T15:21:08","modified_gmt":"2024-02-29T14:21:08","slug":"sich-verstehen-und-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/06\/22\/sich-verstehen-und-dann\/","title":{"rendered":"Sich verstehen &#8211; und dann?"},"content":{"rendered":"<p>Oft wundere ich mich, wie empfindlich Menschen auf das reagieren, was ein Anderer ihnen schreibt &#8211; zum Beispiel auf einem Webboard oder in privater Email. Schon 1996, als ich eine gro\u00dfe Mailingliste zum Thema &#8222;Webkultur&#8220; moderierte, war ich haupts\u00e4chlich damit besch\u00e4ftigt, die &#8222;Stimmung zu balancieren&#8220;: alles mitlesen, bemerken, wenn sich jemand auf den Schlips getreten f\u00fchlt, selber provoziert, nur noch Albernheiten oder gar Feindseliges postet &#8211; und eingreifen, die Wogen gl\u00e4tten, Klarheit und Freundlichkeit verbreiten, soweit eben m\u00f6glich. Tat ich es nicht, konnte ich zusehen, wie schnell die negativen Gef\u00fchle \u00fcberhand nahmen, und als Listenveranstalterin bekam ich dann auch gleich die Austritte mit, die sich zu solchen Gelegenheiten h\u00e4uften.<!--more--><\/p>\n<p>Es scheint, als l\u00e4gen die Nerven besonders blank, wenn wir von einem Menschen &#8222;Text only&#8220; mitbekommen &#8211; und nicht das gesamte Repertoire an Mimik und Gestik, das in einem Gespr\u00e4ch &#8222;von Angesicht zu Angesicht&#8220; die Rede begleitet und erg\u00e4nzt. Wir sehen das verbindliche oder fragende L\u00e4cheln nicht, sondern lesen nur die &#8222;knallharten&#8220; Worte. Die verstehen wir dann jeweils so, wie wir uns gerade f\u00fchlen und \u00fcber uns selbst denken. Wer sich selbst negativ bewertet, sich unsicher f\u00fchlt und vor allem \u00c4ngste in sich bewegt, erlebt \u00c4u\u00dferungen Anderer leicht als Angriff oder Beleidigung. Wer selber kaum je die eigene Wahrheit schreibt, sondern nur &#8222;spielerisch&#8220; dies und das postet, geht davon aus, das die Anderen das genauso halten und sieht keinen Grund, vorsichtig zu sein, um fremde Gef\u00fchle nicht zu verletzen. Und wer das eigene Leiden, wo immer es sp\u00fcrbar wird, sofort mit Aktivit\u00e4ten verdr\u00e4ngt, wird sich gefordert f\u00fchlen, Leidens\u00e4u\u00dferungen Anderer mit guten Ratschl\u00e4gen und rationalen Relativierungen zu beantworten.<\/p>\n<h2>Verstrickungen<\/h2>\n<p>Das alles hab&#8216; ich selber mitgelebt und mitgelitten. Vor allem in den ersten Netzjahren hatte ich tiefsch\u00fcrfende Dialoge mit Menschen, die ich noch nie im Leben gesehen hatte. Ich fieberte ihren Mails entgegen und konnte einen halben Tag verst\u00f6rt sein, wenn jemand mich &#8222;nicht richtig verstanden&#8220; hatte. Im Versuch, die Dinge richtig zu stellen, erlebte ich dann zu meinem Schrecken, dass sich alles nur noch verschlimmerte. Es war, als verwickelte man sich gemeinsam in ein immer dichteres und dornigeres Gestr\u00fcpp &#8211; und zwar umso dichter und dorniger, je wichtiger es mir war, dass der Andere mich &#8222;richtig&#8220; versteht.<\/p>\n<p>Es hat gedauert, bis ich erkannte, was da eigentlich stattfindet. Dass ich immer dann, wenn starke Gef\u00fchle auftreten, nicht wirklich mit dem Anderen spreche, sondern mit meinen eigenen \u00c4ngsten und dunklen Seiten. Es g\u00e4be n\u00e4mlich keinen Grund, mich aufzuregen, wenn mein Gegen\u00fcber etwas &#8222;Falsches&#8220; \u00fcber mich denkt, w\u00e4re da nicht ein Thema angesprochen, mit dem ich tats\u00e4chlich Schwierigkeiten habe: Ich will\/darf auf keinen Fall SO sein, also darf man &#8222;sowas&#8220; von mir auch nicht denken. Die Worte des Anderen rei\u00dfen die nur notd\u00fcrftig verpflasterte Wunde auf und bringen mein inneres Gleichgewicht in Gefahr. Wenn ich das Gef\u00fchl habe, reagieren zu M\u00dcSSEN, kann ich sicher sein, dass nicht der Andere das Problem ist, sondern ich selbst.<\/p>\n<p>Nennt mich zum Beispiel jemand eine L\u00fcgnerin, wird mich das nur dann aus der Fassung bringen, wenn es zu meinem Selbstbild geh\u00f6rt, niemals zu l\u00fcgen. Frauenfeindliche Spr\u00fcche k\u00f6nnen mich nur verletzen, solange ich mich als Frau tats\u00e4chlich unsicher und unterdr\u00fcckt f\u00fchle und fortlaufend strampeln muss, um mir und der Welt das Gegenteil zu beweisen. Ein Mann wird sich angegriffen f\u00fchlen, wenn ihm unterstellt wird, er kommuniziere dies oder jenes allein aus Gr\u00fcnden &#8222;sexueller Anmache&#8220; &#8211; aber nur, solange er selbst ein Problem mit dem eigenen erotischen Verlangen hat. Und wer nach Macht \u00fcber Andere strebt, sich dies aber nicht eingestehen kann, wird von jeder Bemerkung provoziert werden, in die er einen entsprechenden Vorwurf hineinlegen kann &#8211; und sei es nur ein schnoddriges: &#8222;Oh, Peter meldet sich zu Wort!&#8220;<\/p>\n<h2>Das Theater verlassen<\/h2>\n<p>Sich selbst in alledem erkennen hei\u00dft, auch Andere zu erkennen. Und auf einmal bin ich nicht mehr &#8222;drin&#8220;, sondern stehe daneben und erlebe ein zunehmend langweiliges Theaterst\u00fcck, in dem ich alle Rollen schon kenne, weil ich sie viele Male spielte &#8211; engagiert und g\u00e4nzlich identifiziert.<\/p>\n<p>Damit ist es dann pl\u00f6tzlich vorbei: zwar sp\u00fcre ich gelegentlich noch den Impuls, im Sinne der &#8222;Rolle&#8220; zu agieren, wenn jemand eine meiner Empfindlichkeiten anspricht, doch das alleine reicht nicht mehr aus, um mich in Aktion zu versetzen. Ich kenn&#8216; mich ja schon, es rei\u00dft mich einfach nicht mehr vom Hocker, was ein Anderer \u00fcber mich denken und sagen mag. Entweder er hat recht oder er irrt &#8211; so what? Kein Grund, mich zu erregen. Zeitgleich lese ich mit, was er durch seine \u00c4u\u00dferungen \u00fcber sich selber mitteilt, doch w\u00e4re es sinnlos, ihm das ungefragt transparent machen zu wollen. Es w\u00fcrde nicht funktionieren, er geht ja ganz in seiner Rolle auf.<\/p>\n<p>Zuerst ist es befreiend, das Theater als solches zu erkennen und keinen Zwang mehr zu versp\u00fcren, es mitzuspielen. Wie sch\u00f6n, wenn der Schmerz nachl\u00e4sst! Kein Psychostress mehr, kein automatenhaftes Reagieren, kein Grund mehr, in dornigem Kommunikationsgestr\u00fcpp um ein m\u00f6glichst verletzungsarmes Durchkommen zu k\u00e4mpfen &#8211; wunderbar!<\/p>\n<p>Wenn die Freude \u00fcber die Befreiung dann aber mal verflogen ist, kommt die Leere. Das Mitspielen im Theater hat immerhin einen gro\u00dfen Teil des Lebens ausgemacht, hat Gef\u00fchle erregt und Gedanken bewegt, mir Leiden und Freude beschert und mich \u00fcber alles m\u00f6gliche tagelang gr\u00fcbeln lassen. Was tritt nun an diese Stelle? Womit f\u00fcllt sich der Raum, der da aufrei\u00dft? &#8222;Der Andere&#8220; ist nicht mehr Teufel und auch nicht mehr Gott, der Mitmensch ist genauso entzaubert, wie ich mir selbst nichts mehr &#8222;Besonderes&#8220; bin. Nun gut &#8211; aber was kommt jetzt?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Schon l\u00e4ngere Zeit lebe ich in diesem Zustand und denke mir: das kann es doch nicht schon gewesen sein! Aus purer Langeweile spiele ich hier und da mal eine Rolle im Theater mit, der &#8222;Wellness-Gedanke&#8220; hat an Bedeutung gewonnen, ich besuche die Sauna, gehe gern spazieren und treibe Sport. Auch Sex ist mir wichtiger geworden &#8211; immerhin liegt im Erotischen ein &#8222;Spielpotenzial&#8220;, das ich fr\u00fcher gar nicht nutzen konnte, weil mein Selbstwertgef\u00fchl noch ganz davon abhing, was der Andere \u00fcber mich denkt.<\/p>\n<p>Einige wenige Menschen lasse ich &#8211; als ganze Menschen, nicht nur als Text &#8211; ganz nahe an mich heran, zeige mich mit allen hellen und dunklen Seiten, ohne mich noch drum zu k\u00fcmmern, ob das Ganze ein &#8222;stimmiges Bild&#8220; ergibt (tut es nicht!). Wenn es in solcher N\u00e4he dann doch vorkommt, dass ich wieder mal &#8222;am Anderen leide&#8220;, dann wei\u00df ich: da ist noch ein Restbestand an Unausgegorenem, ein St\u00fcck Blindheit in Bezug auf mich selbst. Ich versuche dann, es beobachtend zu erkennen und stelle regelm\u00e4\u00dfig fest, dass jetzt Best\u00e4nde auf dem Problemtisch liegen, von denen ich nicht mehr sagen kann, ob das noch &#8222;ich&#8220; bin, oder ob das schon &#8222;Welt&#8220; ist. Ja, diese ganze Begrifflichkeit beginnt, zu verschwimmen.<\/p>\n<p>Auf einmal geht es um die Frage nach den Basics des Mensch-Seins: von jeder Menge Leiden kann ich mich durch Selbsterkenntnis befreien, aber es bleibt offenbar ein Rest, der nicht verschwinden wird, solange ICH nicht verschwinde. Den bekomme ich niemals weg, er l\u00e4sst sich allenfalls &#8222;transzendieren&#8220; indem ich ihn akzeptiere. Da ich dieses Gesch\u00e4ft aber immer neidlos den Heiligen und Erleuchteten dieser Welt \u00fcberlassen habe, muss ich halt mit manchem Stachel im Fleisch leben. Bisher l\u00e4sst es sich ja auch recht gut aushalten. <i>(&#8230;sagte der aus dem 20.Stock St\u00fcrzende, als er am 7. Stockwerk vorbei flog&#8230; )<\/i>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft wundere ich mich, wie empfindlich Menschen auf das reagieren, was ein Anderer ihnen schreibt &#8211; zum Beispiel auf einem Webboard oder in privater Email. 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