{"id":4390,"date":"2004-07-30T15:14:03","date_gmt":"2004-07-30T13:14:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4390"},"modified":"2024-02-29T15:16:12","modified_gmt":"2024-02-29T14:16:12","slug":"vom-kreativen-leerlauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/07\/30\/vom-kreativen-leerlauf\/","title":{"rendered":"Vom kreativen Leerlauf"},"content":{"rendered":"<div id=\"maintext\">\n<p>In meinen Schreibkursen gebe ich manchmal die Aufgabe, den &#8222;inneren Kritiker&#8220; zu Wort kommen zu lassen. Es entstehen dann lustige Texte, in denen sich diese &#8222;Teilwesenheit&#8220;, die nichts im Sinn hat au\u00dfer N\u00f6rgeln und Niedermachen, voll ausleben darf. Besonders f\u00fcr Anf\u00e4nger ist es eine tolle \u00dcbung, sie befreit von der Dominanz dieses Kritikers und zeigt, dass niemand anders als der Autor bzw. die Autorin in den inneren Welten letztlich das Sagen hat. Der Kritiker ist Dienstpersonal, man kann ihn rufen, wenn man ihn braucht, ihm aber auch f\u00fcr eine gewisse Zeit den Mund verbieten.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist dieses spezielle &#8222;Gespenst&#8220; kein Problem mehr, daf\u00fcr kann mich eine andere Teilwesenheit aus dem inneren Kosmos zur Wei\u00dfglut treiben: die &#8222;Kreative&#8220;. Ich sollte sie vielleicht besser die &#8222;Kreativ-Maschine&#8220; nennen, eine, die sich selber einschalten kann und nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche zum Stoppen zu bringen ist.<\/p>\n<p>Ideen haben, wom\u00f6glich ganz neue, Konzepte und Projekte entwerfen, die einigerma\u00dfen Hand und Fu\u00df haben, all das gilt in der Infogesellschaft als hoher Wert. Ist ja auch sch\u00f6n, wenn einem leicht &#8222;was einf\u00e4llt&#8220;, etwas, das tats\u00e4chlich &#8222;umsetzbar&#8220; erscheint und gleich auch Spass, Spannung, ja sogar M\u00f6glichkeiten, Geld zu verdienen in Aussicht stellt.<\/p>\n<p>Was aber, wenn sich solche Ideen und Projekte &#8222;am laufenden Band&#8220; ins Bewusstsein dr\u00e4ngen? Wie soll ich damit umgehen? Kaum ein lockeres Gespr\u00e4ch, zu zweit oder zu mehreren, in dem meine Ideenmaschine nicht anspringt: man k\u00f6nnte doch auch&#8230; wie w\u00e4re es denn mit&#8230; mal angenommen, man w\u00fcrde&#8230; &#8211; und schon bin ich mitten drin, im Kopf entsteht ein tolles &#8222;Projekt&#8220;, f\u00e4chert sich auf in schillernde, verf\u00fchrerische M\u00f6glichkeiten. Je nachdem, wer gerade mein &#8222;Kreativpartner&#8220; ist, entwickeln sich in Windeseile ganze Jahresprogramme m\u00f6glicher Aktivit\u00e4ten, die sich, wenn ich sie einzeln bedenke, durchaus weiter auff\u00e4chern in noch mehr &#8222;interessante Projekte&#8220;. Im Kopf hab&#8216; ich so schon jede Menge Arbeitspl\u00e4tze geschaffen &#8211; warum zum Teufel wird davon sowenig Wirklichkeit?<\/p>\n<h2>K\u00f6nnen? Wollen?<\/h2>\n<p>Es liegt nicht an mangelnden F\u00e4higkeiten. Ich KANN umsetzen, wenn ich&#8230; ja WAS???? Was ist es, das aus Ideen und Pl\u00e4nen Wirklichkeit schafft? Ich beobachte das schon lange, versuche, heraus zu sp\u00fcren, was es ist, das mich zu Taten treibt oder, wie in den meisten F\u00e4llen, einfach zur Tagesordnung \u00fcbergehen l\u00e4sst, bis zum n\u00e4chsten &#8222;Anfall&#8220;.<\/p>\n<p>Erfolge kann ich bei dieser Beobachtung noch kaum vorweisen. Es ist, als stocherte ich in einer Nebelbank herum, die mir die Sicht vertellt. Wenn ich nichts sehe, kann ich nur denken, nur spekulieren, und das ist ein sehr begrenztes Instrument in Sachen Selbsterkenntnis.<\/p>\n<p>Immer wieder erlebe ich, dass meine Ideen nur wenig sp\u00e4ter von anderen verwirklicht werden. Klar, es gibt viele kreative Geister und die Themen liegen quasi &#8222;in der Luft&#8220;. Einerseits f\u00fchle ich mich dadurch best\u00e4tigt: Ich spinne nicht nur wild herum, meine Ideen sind tats\u00e4chlich &#8222;machbar&#8220;. Andrerseits frag ich mich: Warum machen es Andere, w\u00e4hrend ich weiter hier herum sitze, meine \u00fcblichen Aufgaben abarbeite und zeitweise lieber nicht auf den Kontostand gucke?<\/p>\n<p>Bin ich schlicht zu faul? Was ist Faulheit? Ich geh\u00f6re zu denen, die lieber arbeiten als ausspannen, denen der reine M\u00fc\u00dfiggang nur kurze Zeit Freude macht. Gelegentlich muss ich mich geradezu zwingen, mich vom Computer zu entfernen und mir mal die Beine zu vertreten. Vor dem Monitor bin ich &#8222;im Cockpit der Macht&#8220; &#8211; aber was MACHE ich wirklich? Jetzt zum Beispiel schreibe ich Diary, zuvor war der morgendliche Mail-Check dran, eine kurze Antwort an jemanden, der vielleicht demn\u00e4chst seine Website umgebaut haben will. Mehr &#8222;Arbeit&#8220; war da f\u00fcrs erste nicht. Nachher werde ich die Texte meiner Kursteilnehmer kommentieren und neue Schreibaufgaben stellen. Meinen alten PC muss ich heut&#8216; auch noch verpacken, denn mittags holt ihn ein befreundeter Familienvater ab, der ihn dringlich f\u00fcr seine Kinder braucht. Wie sch\u00f6n: ich kann einer Familie n\u00fctzen, ein bisschen Stress abbauen helfen mit einem Ger\u00e4t, das bei mir nur sinnlos Platz wegnimmt.<\/p>\n<p>Und dann? Das ist f\u00fcr heute das &#8222;Minimum&#8220;. Jeder Tag beinhaltet so ein Minimum absolut zwingender &#8222;To-Dos&#8220;, die ich auf jeden Fall abarbeite. Jenseits dieser unaufschiebbaren Dinge liegt dann das Feld der &#8222;auch noch anstehenden&#8220; Aufgaben: weniger dringliche, aber doch klar definierte Arbeiten: ein Update auf Schreibimpulse.de, ein bisschen Pflege f\u00fcr eine Kunden-Website, ein Brief ans Finanzamt (ihhhh!) &#8211; wenn ich l\u00e4nger \u00fcberlege, kommt da einiges zusammen, teils sind es reine Idiotenarbeiten, teils Dinge, die mich kreativ fordern und auch Freude machen, wenn ich erst mal &#8222;drin&#8220; bin. WENN&#8230;.<\/p>\n<p>Heute ist Freitag, sagt eine innere Stimme. Wochenende! G\u00f6nn dir einen fr\u00fchen Schluss, geh&#8216; raus und genie\u00dfe den Sommer! Richtig ranklotzen reicht auch ab Montag noch gut &#8211; und wenn&#8217;s dir danach ist, kannst du ja auch Samstag mittag oder Sonntag fr\u00fch was tun, in diesen wunderbar stillen Stunden, in denen niemand aus der Arbeitswelt mit Recht etwas von dir wollen kann!<\/p>\n<p>Je nachdem, wie erfolgreich diese Schluss-f\u00fcr-heut-Stimme ist, komme ich an einem ganz normalen Tag von den unaufschiebbaren Arbeiten zu mehr oder weniger &#8222;anstehenden&#8220; Aufgaben. Und dann gel\u00fcstet es mich nach &#8222;Freizeit&#8220;, wobei es mir meistens reicht, mal kurz einkaufen zu gehen, mir was zu kochen oder drau\u00dfen zu essen. Wenn ich dann nicht verabredet bin, lande ich schon bald wieder vor dem PC, auch mal vor der Glotze, oder ich leg mich mit einem Buch ins Bett. Ah, endlich nicht mehr sitzen!<\/p>\n<p>So sind meine &#8222;ganz normalen Tage&#8220;.. Sie haben ihre eigene Schwerkraft, ihre befl\u00fcgelten und eher langweiligen Phasen. Ich schaffe mehr oder weniger, bin entsprechend zufrieden oder unzufrieden mit mir &#8211; aber dahinein nun allein aus mir heraus ein neues Projekt zu platzieren, scheint so entlegen, wie zwischendurch mal eben auf den Teufelsberg zu steigen. Ja, der Teufelsberg ist tats\u00e4chlich n\u00e4her, denn er bietet immerhin k\u00f6rperliche Abwechslung.<\/p>\n<h2>Begeisterung und innere Filter<\/h2>\n<p>F\u00fcr ein neues Projekt brauche ich auch f\u00fcrs Umsetzen den inneren Kontakt zur Begeisterung, die ich beim &#8222;Ausspinnen&#8220; empfinde. Zumindest, um damit zu beginnen. Bin ich mal drin, entfaltet sich die Freude am kreativen Tun von selber, da muss ich mich dann nicht mehr gro\u00df k\u00fcmmern. Aber wie gelange ich dahin, zu diesem ernsthaften &#8222;Beginnen&#8220;?<\/p>\n<p>In vielen F\u00e4llen zeigt mir ein n\u00fcchterner Blick auf das neulich noch so begeistert entwickelte Ideen-Werk: Ja, das ist gar nicht schlecht, sogar durchaus realisierbar &#8211; aber will ich das? Will ich tats\u00e4chlich im Rahmen dieses Vorhabens monatelang arbeiten und Verantwortung tragen? Wird mir das Tun als solches wirklich Freude machen? Will ich die Menschen, die ich daf\u00fcr treffen muss, wirklich sehen und f\u00fcr sie arbeiten? Es ist eine Sache, eine &#8222;Zielgruppe&#8220; ins Auge zu fassen, die vielleicht diese oder jene Dienstleistung gut brauchen k\u00f6nnte &#8211; eine andere Frage ist, ob ich mit dieser Zielgruppe pers\u00f6nlich etwas zu tun haben will.<\/p>\n<p>Oder, das kommt auch vor, die Idee f\u00fchrt mich zu weit weg von den Arbeitsfeldern, die ich gut kenne. Luxuswohnungen an reich gewordene Chinesen zu verkaufen ist gewiss eine gute Idee, zum Marketing f\u00e4llt mir auch jede Menge ein &#8211; aber meine Erfahrungen und Kompetenzen als Immobilienh\u00e4ndlerin sind nun wahrlich nicht gro\u00df! Klar, ich k\u00f6nnte mit meinen Ideen zu einem Makler gehen, der solche Wohnungen anbietet &#8211; aber es ist erst mal eine &#8222;H\u00fcrde&#8220;, ein neues Feld, auf das ich mich innerlich einstellen m\u00fcsste. Und meistens liegt es dann weit n\u00e4her, &#8222;das \u00dcbliche&#8220; zu tun und nicht das Neue.<\/p>\n<p>Der Druck, Geld zu verdienen, motiviert mich nicht dazu, mit neuen Projekten anzufangen, sondern dr\u00fcckt mich eher dahin, die schon vorhandenen Dienstleistungen auszubauen: neue Webdesign-Kunden finden, wenn man eine lange Latte Referenzen zeigen kann, erscheint sehr viel erfolgversprechender als das mit den Chinesen! :-) Endlich die Schreibkurse f\u00fcr den Herbst ins Web stellen liegt weit n\u00e4her, als einen &#8222;Gedicht-Shop&#8220; zu realisieren (nein, nicht einfach Gedichte verkaufen, das l\u00e4uft nicht &#8211; aber&#8230;. das verrat ich jetzt nicht, vielleicht mach&#8216; ich&#8217;s ja doch noch mal!).<\/p>\n<h2>Tr\u00e4ge Sommertage<\/h2>\n<p>Entweder, die Ideen scheitern aus solchen Gr\u00fcnden, oder aber &#8211; meistens! &#8211; versacken sie einfach im Alltag. Sobald ich morgens Mail abrufe, bin ich mitten drin im Business as usual, und damit auch in einem Bewusstseinszustand &#8222;wie gew\u00f6hnlich&#8220;.<\/p>\n<p>Aber im Gew\u00f6hnlichen erschafft sich das Neue nicht! Wenn ich das will, muss ich mir nicht nur &#8222;einen Ruck geben&#8220;, sondern daf\u00fcr sorgen, mir den Zustand der Begeisterung zu erhalten, bzw. ihn neu zu erzeugen, wenn ich mit der Arbeit beginne.<\/p>\n<p>Einmal hat das schon gut geklappt. Ein lieber Freund hat mich als Coach dazu bewegt, morgens nicht mit &#8222;dem \u00dcblichen&#8220; zu beginnen, sondern mit dem Neuen: Frech das eigene, gerade mal als Ideensammlung vorliegende Vorhaben mitten in die Hauptarbeitszeit legen. Das hat es gebracht! So ist im Sommer 2003 das Kursprojekt schreibimpulse.de entstanden, das ich auch tats\u00e4chlich als &#8222;zweites Bein&#8220; in meiner Arbeitswelt etablieren konnte. Es macht wirklich Freude und ich entwickle es weiter, aber ich kann es zeitlich nicht so verdichten, dass es mehr Einkommen bringt. Mein inneres Potenzial, mit Gruppen zu arbeiten, ist begrenzt, ich kann mich nicht vervielfachen, brauche Pausen und Phasen &#8222;ohne Gruppe&#8220;.<\/p>\n<p>Also w\u00e4r&#8216; eigentlich das n\u00e4chste Projekt dran. Ein &#8222;drittes Bein&#8220; &#8211; aber welches? Unerm\u00fcdlich arbeitet die innere Kreativ-Maschine, nutzt jeden inspirierenden Dialog, um ihre Einf\u00e4lle in die Welt zu bringen, die dann auf die beschriebene Weise an den pers\u00f6nlichen &#8222;Filtern&#8220; scheitern oder im Alltag versacken.<\/p>\n<p>Der Sommer ist eine Zeit allgemeiner Verlangsamung. Das Drau\u00dfen lockt, viele sind in Urlaub, alles Organisatorische zieht sich l\u00e4nger hin als sonst &#8211; es ist, als h\u00e4tte die Welt auf einmal einen l\u00e4ngeren, entspannteren Atem. Eine sch\u00f6ne Zeit! Aber gleich danach, das kenn ich schon gut, folgt eine Phase verst\u00e4rkter Aktivit\u00e4t. Im fr\u00fchen Herbst geht es wieder richtig los. Und ja, ich w\u00fcrde gerne mitgehen, zu neuen Ufern aufbrechen, eines meiner Projekte umsetzen &#8211; aber WIE \u00fcberwinde ich nur dieses innere &#8222;H\u00e4ngertum&#8220;?<\/p>\n<p>Es beobachten ist das erste, dr\u00fcber schreiben das zweite. Schon viele Male hat sich dann &#8222;etwas ergeben&#8220;, als g\u00e4be es eine innere Instanz, die man nur genug in den Hintern treten muss &#8211; oder sie anbetteln: Nun mach doch bitte mal!!! Und irgendwann passiert er dann ganz pl\u00f6tzlich: der &#8222;Ruck&#8220;, der erste Schritt in die Verwirklichung, der die nachfolgenden leicht macht.<\/p>\n<p>Na, ich arbeite dran und hoffe das Beste. Noch ist ja Sommer&#8230;<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinen Schreibkursen gebe ich manchmal die Aufgabe, den &#8222;inneren Kritiker&#8220; zu Wort kommen zu lassen. Es entstehen dann lustige Texte, in denen sich diese &#8222;Teilwesenheit&#8220;, die nichts im Sinn hat au\u00dfer N\u00f6rgeln und Niedermachen, voll ausleben darf. 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