{"id":4383,"date":"2000-07-27T14:49:02","date_gmt":"2000-07-27T12:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4383"},"modified":"2024-02-29T14:53:01","modified_gmt":"2024-02-29T13:53:01","slug":"schwarze-stimmung-mein-huhn-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/27\/schwarze-stimmung-mein-huhn-ist-tot\/","title":{"rendered":"Schwarze Stimmung: mein Huhn ist tot"},"content":{"rendered":"<p>Mein Huhn ist tot. <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/09\/mutter-geworden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Am 9.Juni<\/a> hatte ich ihm aus dem Ei geholfen, gestern ist es gestorben. Wahrscheinlich hatte es eine Lungenentz\u00fcndung, vielleicht ist es w\u00e4hrend eines heftigen Regens nicht in den Stall gekommen. Gestern morgen jedenfalls kam der Nachbarjunge und berichtete, dass es nicht frisst. Ich ging in den H\u00fchnerstall und wirklich: Es stand nur herum, w\u00fcrgte und atmete schwer. Da setzte ich es in eine warme Schachtel in die K\u00fcche und versuchte, es zu f\u00fcttern. Es trank nur noch einmal, am Nachmittag war es dann schon zu Ende.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Sechs Wochen Leben &#8211; war es das wert?<\/strong> Ich h\u00e4tte es gleich im Ei lassen sollen, aus dem es sich nicht selber befreien konnte, meint mein liebster Freud. Nicht eingreifen, alles seinen Gang gehen lassen&#8230; Vielleicht ist das richtig, doch h\u00e4tte es mich um die Erfahrung gebracht, so ein kleines Huhn zu erleben und selber h\u00e4tte es dann ja nicht mal sechs Wochen gelebt. Sechs Wochen &#8211; besser als nichts? Oder \u00fcberfl\u00fcssige Gelegenheit, am Leben h\u00e4ngen zu lernen und umso schwerer zu sterben?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-4328\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/huhnserie-650x752.jpg\" alt=\"Bilderserie Huhn\" width=\"650\" height=\"752\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/huhnserie-650x752.jpg 650w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/huhnserie-300x347.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/huhnserie-768x889.jpg 768w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/huhnserie.jpg 940w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/p>\n<p>Mit solchen Fragen bin ich nicht mehr in der H\u00fchnerwelt, klar. Sowieso war ich schon ab morgens furchtbar deprimiert, ganz ohne ersichtlichen Grund: hormonelle Einfl\u00fcsse, dachte ich, w\u00e4hrend ich so mit dem All haderte. Das mit dem Huhn brachte dann den Stimmungsgipfel, die ganze Existenz f\u00e4rbte sich schwarz: Wenn Gott keine Erfindung w\u00e4re, w\u00e4re er zumindest kein St\u00fcck besser als wir: Schafft die Welt mit all ihrem Elend, nur f\u00fcr den Geschmack von Himbeereis, f\u00fcr ein paar Sonnenunterg\u00e4nge und Orgasmen&#8230;. eine Zumutung!<\/p>\n<p>Meine Trauer um das sterbende Huhn: selbst eine himmelschreiende Absurdit\u00e4t. T\u00e4glich sterben Millionen Tiere und Menschen, gerade ist eine Concord vom Himmel gefallen &#8211; und ich trauere um ein Huhn! Gedanken an Tod &amp; Sterben verschlagen zuerst den Appetit, doch dann gel\u00fcstet es mich nach Fleisch. Ich h\u00e4tte sogar, w\u00e4re ich nicht von Gedanken angekr\u00e4nkelt, locker ein frisch geschlachtetes H\u00e4hnchen vom nahe gelegenen Bio-Hof kaufen, zubereiten und gen\u00fc\u00dflich verspeisen k\u00f6nnen. Ich beliess es bei einem Steak, eine Scheibe tote Kuh sollte zur Wiederherstellung meiner Laune gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zwei Wochen Karibik-Kreuzfahrt waren der Grund, weshalb sich hundert Leute in die Concorde setzten. Stand das daf\u00fcr? T\u00e4glich fliegen unz\u00e4hlige Menschen in den Urlaub und nur wenige denken daran, dass sie ihr Leben auf&#8217;s Spiel setzen, indem sie sich der Technik anvertrauen. Ja, ja, es ist sicherer als Auto fahren, sagen alle. Aber im Auto habe ich zumindest DAS GEF\u00dcHL, einen Einfluss zu haben, so wie der Pilot im Flugzeug weniger Grund zur Angst hat. Ausserdem stehen die \u00dcberlebenschancen beim Autounfall besser, es droht auch psychisch keine Situation, die dem Abst\u00fcrzen mit dem Flugzeug gleich k\u00e4me: Dasitzen und wissen, dass es jetzt runter geht&#8230;<\/p>\n<p>Ich fliege also nicht, bin nur zweimal im Leben geflogen, es ist schon lange her. Beide Male mit Todesangst, das zweite Mal war es besonders schlimm, da ich gegen meinen Willen am selben Tag zur\u00fcckfliegen mu\u00dfte: Ich war bereit gewesen, nach vielen Jahren ohne Urlaub f\u00fcr vier Wochen Tunesien mein Leben zu riskieren, eine bewu\u00dfte Entscheidung. Doch die Grenzer setzten uns in den R\u00fcckflug, weil der Pass meines Freundes abgelaufen war. Ich sa\u00df im Flieger und dachte: Wenn du jetzt abst\u00fcrzt, hast du noch nicht mal die vier Wochen Urlaub gehabt!<\/p>\n<p>Im ICE ergeht es mir nicht viel besser, aber ein paar Mal im Jahr gehe ich das Risiko ein. Und jedes Mal wird mir ganz mulmig, wenn die Ger\u00e4usche mal ein wenig seltsam sind oder es ein bisschen holpert. Einmal stoppte der Zug in einem viele Kilometer langen Tunnel, der Geruch von verbranntem Gummi breitete sich aus und wir standen 15 Minuten still. Die Leute taten alle so, als w\u00e4re nichts, bl\u00e4tterten in Zeitungen &#8211; doch ich sp\u00fcrte die wachsende Panikstimmung. Schrecklich. Der Zug hatte einen Motorschaden, rollte dann langsam in den n\u00e4chsten Bahnhof. Nochmal davongekommen!<\/p>\n<p>Angesichts von 6 Milliarden Menschen, die sich \u00fcber den Planeten ausbreiten und fortschreitend alles andere vernichten, ist dieses H\u00e4ngen am eigenen Leben unlogisch und verr\u00fcckt. Wir k\u00f6nnen denken, aber es hilft uns nichts. Die Biologie, die Physis, der K\u00f6rper hat seine eigenen Dogmen, \u00fcber die man nicht diskutieren kann. Und nicht einmal der WUNSCH, die Todesangst zu verlieren, ist haltbar: Sie ist ja nur die R\u00fcckseite der Lebensfreude, die niemand bereit w\u00e4re, loszulassen.<\/p>\n<p>Eine absurde Existenz, weil wir sehen und denken k\u00f6nnen. Sehen, wie die Natur in jedem Moment Myriaden von Wesen vernichtet oder gar nicht erst sich entwickeln l\u00e4sst. Wie sie auf Individuen, auf ganze Arten und auf Elend, Schmerz &amp; Leid scheisst. Wie auch wir selber als Natur da nicht herausk\u00f6nnen: jeder ist immer sich selbst der N\u00e4chste, nur in Situationen des Reichtums wird geteilt &#8211; manchmal.<\/p>\n<p>Und h\u00f6ren und lesen, wie \u00d6kologen, Natur-Freunde und Mystiker dies alles so WUNDERBAR finden, diese F\u00fclle, dieser Reichtum, die ganze Gro\u00dfartigkeit des Universums. Gelegentlich einstimmen ins gro\u00dfe JA, wenn gerade die Sonne scheint und kein Huhn stirbt.<\/p>\n<p>Weil aber gerade ein kleines Huhn gestorben ist, nehme ich mir einen kurzen Urlaub vom Lobgesang auf das Dasein. (Es gibt ja Anl\u00e4sse genug, das Huhn ist nur ein Schleusen\u00f6ffner!) In der SCHWARZEN STIMMUNG sehe ich keinen Grund, der NATUR etwas zu verzeihen. Kann im Gegenteil gut verstehen, dass man immer weiter &#8211; wenn auch erfolglos &#8211; versucht, sie zu \u00fcberwinden, sie auszutreiben, sie mittels Technik auf Abstand zu halten und in Medien zu virtualisieren, dass man sie lieber im Fernsehen in netten Tierfilmen erlebet als zuhause in der stinkenden \u00d6kotonne. Und warum nicht alles umbauen, neu konfigurieren? Pflanzen, Tiere, ja Menschen hinbasteln, die vielleicht BESSER sind als das, was uns der Moloch NATUR vorwirft? Wenn ich mir allein anschaue, was Menschen alles angerichtet haben und noch immer anrichten, ist doch kaum etwas dringlicher, als der Eingriff in die Keimbahn! Unsere Steaks k\u00f6nnten wir vielleicht direkt im Reagenzglas klonen, dann h\u00f6rt endlich das Schlachten auf. Und vom Rest behalten wir &#8222;von jedem Tier ein Paar&#8220; (naja, ein paar mehr&#8230;), gehalten in wunderbar artgerechten Zoos. Wie wir den Menschpark auf eine vertr\u00e4gliche Zahl herunterfahren, weiss ich nicht, vielleicht findet ja die Pharmaindustrie ein Verh\u00fctungsgas, das man der Atmosph\u00e4re beimischen k\u00f6nnte&#8230;.<\/p>\n<p>Genug gesponnen. Die schwarze Stimmung taugt nicht zu Taten, nicht einmal zu sinnvollen Gedanken. Da vertiefe ich mich lieber in Ciorans &#8222;Vom Nachteil, geboren zu sein&#8220; und warte, bis die angeborene Lebenslust wieder \u00fcberhand nimmt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Huhn ist tot. 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