{"id":4380,"date":"2000-07-25T14:42:38","date_gmt":"2000-07-25T12:42:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4380"},"modified":"2024-02-29T14:46:15","modified_gmt":"2024-02-29T13:46:15","slug":"kind-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/25\/kind-sein\/","title":{"rendered":"Kind sein"},"content":{"rendered":"<p>Es sch\u00fcttet. <a>Von meinem Fenster aus<\/a> sehe ich die Zelte einiger Schlo\u00dfbesucher, die nach dem Fest am Samstag noch ein paar Tage bleiben wollten &#8211; ob sie dem wohl Stand halten?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4381\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2000\/07\/regen.jpg\" alt=\"Regen, Schlosswiese\" width=\"600\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2000\/07\/regen.jpg 600w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2000\/07\/regen-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Die sch\u00f6nste &#8222;unwichtige Kleinigkeit&#8220; an der Maisonette-Wohnung hier ist ein Oberlicht in der Diele, auf das der Regen h\u00f6rbar prasselt, durchsichtiges Hartplastik. Fast wie im Zelt &#8211; nur ohne die Nachteile! Zelten hat mir fr\u00fcher sehr gefallen, meine Eltern leisteten sich ab 1963 einen Camping-Urlaub in Italien. Es war das gro\u00dfe Abenteuer, auf das unsere Familie das ganze Jahr hinlebte &#8211; besonders f\u00fcr mich, denn in diesen vier Wochen konnte ich tun und lassen, was ich wollte, niemand k\u00fcmmerte sich um mich.<!--more--><\/p>\n<p>Die heutigen Kinder sind anders. Wenn sie keine &#8222;Anreize&#8220; bekommen und niemand ihnen sagt, was sie jetzt tun sollen, haben sie ein Problem. Ihr Terminplan ist \u00fcblicherweise voll, sie werden von hier nach dort gefahren, Schule, Kindergarten, Reiten, Tanzen, Nachhilfe &#8211; immer aktiv, hochmobil, und immer ist jemand da und daf\u00fcr zust\u00e4ndig, dass dem Kind etwas geboten wird, dass nichts passiert, dass keine L\u00fccken im Ablauf auftreten. Ein v\u00f6llig anderes &#8222;In-der-Welt-sein&#8220; als das Lebensgef\u00fchl, das ich als Kind kannte.<\/p>\n<p>Mein Ziel und &#8222;Normalzustand&#8220; war das Mir-selbst-\u00fcberlassen-sein. Sp\u00e4testens nach den Hausaufgaben verabschiedete ich mich &#8222;in den Hof&#8220;: Eine dreieickige Wiese mit Sandkasten und ein bisschen Geb\u00fcsch, die den Mittelpunkt des 50er-Jahre-Wohnblocks bildete, in dem wir lebten. Dort traf ich andere Kinder, Sommer wie Winter, erlebte wunderbare und schreckliche Dinge, und nie sagte uns jemand, was wir tun sollten. Jede Einmischung der Eltern erlebte ich als \u00dcbergriff, als Beschr\u00e4nkung der kleinen Freiheit, die diese paar Stunden am Tag f\u00fcr mich bedeuteten. Manchmal blieb ich ganz allein, weil die anderen Kids nicht kommen durften, dann lebte ich in meiner Fantasiewelt aus gutm\u00fctigen und gef\u00e4hrlichen Gespenstern, verrichtete meine Zaubereien, spielte f\u00fcr mich allein und war gl\u00fccklich, ohne es zu wissen.<\/p>\n<p>Irgendwie tun sie mir leid, die heutigen Kinder. Werden sie je &#8222;zu sich&#8220; kommen? Wie sollen sie sp\u00e4ter etwas aus sich heraus tun, wenn sie von Anfang an mit jeder Menge INHALTEN zugesch\u00fcttet werden? Wie kleine Monster sehe ich sie darum k\u00e4mpfen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und weil kein noch so bem\u00fchter Elternteil ihren Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen kann, werden sie schon fr\u00fch an die Medien und Apparate gesetzt, die unerm\u00fcdlich Action bieten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie IHRE Welt wohl aussehen wird? Angesichts solcher Gedanken erscheint es verdammt absurd, die Lebenszeit deutlich verl\u00e4ngern zu wollen. Was w\u00fcrde es mir bringen, in einer Welt zu leben, die auf ein ganz anderes Bewusstsein zugeschnitten ist? Ich w\u00fcnsch&#8216; mir ja auch keinen Urlaub auf dem Mars.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sch\u00fcttet. Von meinem Fenster aus sehe ich die Zelte einiger Schlo\u00dfbesucher, die nach dem Fest am Samstag noch ein paar Tage bleiben wollten &#8211; ob sie dem wohl Stand halten? Die sch\u00f6nste &#8222;unwichtige Kleinigkeit&#8220; an der Maisonette-Wohnung hier ist ein Oberlicht in der Diele, auf das der Regen h\u00f6rbar prasselt, durchsichtiges Hartplastik. 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