{"id":438,"date":"2010-01-30T13:54:34","date_gmt":"2010-01-30T11:54:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=438"},"modified":"2010-01-30T14:12:24","modified_gmt":"2010-01-30T12:12:24","slug":"sterben-aus-angst-vor-dem-arzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/01\/30\/sterben-aus-angst-vor-dem-arzt\/","title":{"rendered":"Sterben aus Angst vor dem Arzt?"},"content":{"rendered":"<p>Man regt sich bei Anderen allermeist genau \u00fcber die Eigenschaften und Verhaltensweisen so richtig auf, zu denen man selber neigt. Das schicke ich gleich mal voraus, damit nicht der Eindruck entsteht, ich wolle hier ein wenig \u00fcber Kranke und Verr\u00fcckte herziehen, w\u00e4hrend ich mich selbst auf Seiten der Normalit\u00e4t ansiedle. <\/p>\n<p>Normalit\u00e4t? Ein Deutscher geht im Schnitt <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/gesundheit\/barmer-gek-studie-deutsche-gehen-immer-haeufiger-zum-arzt-1536817.html\">18 mal pro Jahr<\/a> zum Arzt (z.B. auch, weil man bei uns &#8222;krank geschrieben&#8220; werden muss). Dem entsprechend hat ein Arzt grade mal acht Minuten Zeit pro Patient, 30% weniger als im europ\u00e4ischen Durchschnitt, womit wir am Ende der Skala liegen. Da bleibt kaum Zeit zum Reden, geschweige denn zum abw\u00e4gen und diskutieren verschiedener Therapien: es WUNDERT NICHT, dass man auf dieses fabrikartige Durchwinken keine Lust hat.<\/p>\n<p>Zum Beispiel haben sich bei mir im Lauf der letzten 10 Jahre verschiedene, zunehmend behindernde Beschwerden eingestellt (vor allem am Bewegungsapparat wg. zu vielem Sitzen). Jedem dieser &#8222;Zipperlein&#8220; &#8211; ich verniedliche das gerne &#8211; hab&#8216; ich EINEN Arztbesuch geg\u00f6nnt, doch h\u00e4tte ich mir den auch sparen k\u00f6nnen. Weder interessierten sich die \u00c4rzte daf\u00fcr, den Dingen auf den Grund zu gehen, noch gab es eine richtige Diagnose, gar eine Behandlungsperspektive. Bei Orthop\u00e4den scheint es da allgemein besonders schlimm zuzugehen, wie ich auch aus verschiedenen Arzt-Bewertungsportalen mitbekam. Ich erforsche meine Symtome also im Internet und behandle sie so gut es geht selbst, was bei Beschwerden mit dem Bewegungsapparat ja auch halbwegs gut geht. <\/p>\n<h2>Trotzige Verweigerer<\/h2>\n<p>Nur ungern denke ich daran, wie das werden wird, wenn ich ernsthafte Krankheiten bekomme. Und im Prinzip verstehe ich diejenigen, die trotzig jeglichen Arztbesuch angesichts des &#8222;real existierenden Medizinwesens&#8220; verweigern &#8211; einerseits. Andrerseits erlebe ich es als krasse Verr\u00fccktheit, wenn mir jemand, dessen Sehkraft sich binnen Tagen so verschlechtert, dass er die Buchstaben auf seinem Monitor f\u00fcnf Zentimeter gro\u00df einstellen muss, erz\u00e4hlt, eine neue Brille w\u00e4re nutzlos, da es ja nicht nur das Augenlicht sei, was gerade den Bach runter gehe. Er habe im \u00fcbrigen alles getan, was er in diesem Leben tun wollte und <em>&#8222;wolle nicht behandelt werden&#8220;. <\/em><!--more--><\/p>\n<p>Ich glaube davon kein Wort! Der Lebenserhaltungstrieb ist uns allen eigen und l\u00e4sst sich nicht wegdiskutieren. Niemand tritt einfach so ab, weil er meint, &#8222;alles getan&#8220; zu haben. Hinter solchen Spr\u00fcchen steht die nackte Angst vor der manifestierten Diagnose, die man zwar schon zu wissen meint, doch lieber &#8222;nicht wirklich&#8220; gesagt bekommen will. Denn das &#8222;innere Kind&#8220; glaubt unverdrossen an die M\u00f6glichkeit, eines Morgens gesund aufzuwachen als w\u00e4re nichts geschehen. Hat man erst mal harte Fakten, ist das \u00dcbel durch die Messungen und Durchleuchtungen der Apparate-Medizin konkret geworden, sehen die Dinge anders aus. Dann ist man &#8222;Patient&#8220; und muss sich fortan mit den Therapien auseinander setzen, soll wom\u00f6glich ins Krankenhaus,  soll Medikamente schlucken, belastende Untersuchungen mitmachen oder Operationen \u00fcber sich ergehen lassen, die allesamt evtl. (so denkt man zumindest) nicht wirklich helfen, sondern nur das Elend verl\u00e4ngern. Ist es da nicht besser, gleich gar nichts zu tun und einfach abzuwarten?<\/p>\n<p>Nein, ist es nicht! Der irrationale, von den Symtomen und eigenst\u00e4ndigen &#8222;Forschungen&#8220; ge\u00e4ngstigte Geist redet sich selber ein, dass ein Arztbesuch sowieso nichts, bzw. nur \u00dcbles bringen w\u00fcrde. Fakt ist aber, dass es heute wirklich jede Menge leichter und schwerer Krankheiten gibt, die tats\u00e4chlich behandelbar sind. Ein einfaches Beispiel ist der Blindarmdurchbruch: daran stirbt man schnell, wenn er nicht alsbald operiert wird, geht aber binnen kurzem gesund nach hause, wenn die Standard-Op durchgef\u00fchrt wird. Als &#8222;Arztverweigerer&#8220; w\u00fcrde man mutwillig sein Leben wegwerfen &#8211; und das finde ich einfach verr\u00fcckt, feige und lieblos!<\/p>\n<p>Nun sagt der Artzverweigerer nat\u00fcrlich: <em>&#8222;bei mir ist es aber nicht sowas Harmloses wie der Blinddarm&#8230;&#8220; <\/em>&#8211; aber woher will er denn wissen, was es genau ist? Wie gesagt gibts eine Menge lebensbedrohlicher Komplikationen, die durchaus therapief\u00e4hig sind. Jede Menge Leute waren schon mal auf einer Intensivstation und gehen heute wieder fr\u00f6hlich ihrer Arbeit nach. Und auch bei unheilbaren Krankheiten machen Behandlungen oft einen gro\u00dfen Unterschied in Sachen Lebensqu\u00e4lit\u00e4t und Dauer der &#8222;Restlebenszeit&#8220; &#8211; und wo dem nicht so ist, kann man sich ja dann immer noch dagegen entscheiden. <\/p>\n<h2>Der Horror der Angeh\u00f6rigen<\/h2>\n<p>Arztverweigerer denken oft nicht nur falsch, sondern vor allem <strong>total egozentrisch.<\/strong> <em>&#8222;Ich habe alles getan und kann abtreten&#8220;<\/em> mag f\u00fcr einen Einsiedler im fernen Urwald als Aussage hingehen, nicht aber f\u00fcr einen Familienvater, einen Ehemann oder Beziehungspartner, und auch nicht f\u00fcr alle, die noch gute Freude haben, die sich um sie sorgen.  Wer da seine Verweigerungshaltung trotz immer schlimmer werdender Symptomatik beibeh\u00e4lt, scheisst auf die Gef\u00fchle der liebenden Verwandten und Freunde. Diesen Aspekt l\u00e4sst der Verweigerer gar nicht erst ins Bewusstsein treten, denn f\u00fcr ihn gehts ja schlie\u00dflich ums eigene Leben, das er aus schierer Angst vor dem, was im Behandlungsfall kommen k\u00f6nnte, innerlich loszulassen versucht. Da bleibt kein Restgef\u00fchl f\u00fcr die, die ihm nahe stehen: sie sind es ja, die weiter leben werden, sie haben aus seiner Sicht doch gar kein Problem!<\/p>\n<p>Konsequente Arztverweigerer sind in der Regel Menschen, die sich selber nicht wirklich lieben k\u00f6nnen. Und weil das so ist, sind sie auch nicht im Stande wahrzunehmen bzw. zu ber\u00fccksichtigen, was sie ihren Lieben antun. Dem Verweigerer reicht seine (vermeintliche) &#8222;innere Gewissheit&#8220; &#8211; wogegen die Nahestehenden ja nicht durch direkte Betroffenheit im Geiste vernebelt sind. Sie denken sehr wohl an all die M\u00f6glichkeiten, die es geben K\u00d6NNTE, w\u00e4re der Betroffene nicht so verstockt und w\u00fcrde verdammt nochmal zumindest &#8222;mal nachsehen&#8220; lassen. Mutwillig sein Leben wegwerfen ohne eine gesicherte Diagnose, das sagt den Angeh\u00f6rigen: <em>Eure Gef\u00fchle und Unsicherheiten sind mir egal! ICH bin mir sicher und das hat auch euch zu gen\u00fcgen! <\/em><\/p>\n<p>Bei alledem vergisst der Verweigerer auch gerne, dass man ja nicht pl\u00f6tzlich tot umf\u00e4llt.  In der Regel geht dem Tod eine l\u00e4ngere Zeit zunehmender Hinf\u00e4lligkeit und Pflegebed\u00fcrftigkeit voraus. Diese mit einem starrk\u00f6pfigen Verweigerer zu erleben und zu ertragen, ist dann nochmal eine doppelte Zumutung f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen &#8211; aber das ficht ihn ja alles nicht an! \u00dcber all das will er am liebsten gar nicht nachdenken, sondern pflegt nur seine vermeintlich heroische, in Wahrheit aber blo\u00df feige Entschlossenheit, einfach nichts zu tun, sich der Sache <em>nicht<\/em> zu stellen. <\/p>\n<p>Und weil er lieber nicht dar\u00fcber redet, entschwindet im weiteren Verlauf die Authentizit\u00e4t und innere N\u00e4he aus den Beziehungen zu den Angeh\u00f6rigen. Es gibt immer mehr, was nicht erw\u00e4hnt werden darf, man macht auf Smalltalk, tut, als ob nichts w\u00e4re &#8211; und ist doch verdammt besorgt, registriert jede Verschlimmerung der Symptomatik, hadert innerlich mit dem verstockten Kranken, reisst sich aber zusammen, frisst die Sorge in sich hinein&#8230; nun, ich muss das wohl nicht weiter ausmalen.<\/p>\n<h2>In Frieden gehen?<\/h2>\n<p>In Frieden diese Welt verlassen kann aus meiner Sicht nur einer, dessen Angeh\u00f6rige und Freunde ihn ebenfalls in Frieden gehen lassen. Und das kann man nicht, wenn es nicht mal eine definitive &#8222;finale Diagnose&#8220; gibt, sondern nur die Vermutungen des Betroffenen.  Vor dem Abtreten muss Klarheit f\u00fcr alle herrschen &#8211; auch bez\u00fcglich der Chancen und Risiken der vom Medizinbetrieb angebotenen Behandlungen. Wenn ein lieber Freund sagt: <em>&#8222;Ich habe (diagnostizierten!) Krebs im finalen Stadium. Mit noch einer Chemotherapie w\u00fcrde mein Leiden vielleicht drei Monate l\u00e4nger dauern. Darauf m\u00f6chte ich gerne verzichten&#8220;,<\/em> dann kann ich das als liebende Freundin nachvollziehen und akzeptieren und  w\u00e4re sogar im Stande, den Wunsch nach einem Freitod zu unterst\u00fctzen. Nicht aber ein diffuses, trotziges &#8222;ich geh nicht zum Arzt und will nicht behandelt werden&#8220;, das \u00fcber meine Gef\u00fchle einfach so hinweg trampelt! <\/p>\n<p>So, das wollte ich mir l\u00e4nger schon mal von der Seele schreiben. Und ich bin gespannt, was Ihr zu alledem sagt!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man regt sich bei Anderen allermeist genau \u00fcber die Eigenschaften und Verhaltensweisen so richtig auf, zu denen man selber neigt. Das schicke ich gleich mal voraus, damit nicht der Eindruck entsteht, ich wolle hier ein wenig \u00fcber Kranke und Verr\u00fcckte herziehen, w\u00e4hrend ich mich selbst auf Seiten der Normalit\u00e4t ansiedle. 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Ein Deutscher geht im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/438"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=438"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/438\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=438"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=438"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=438"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}