{"id":4378,"date":"2000-07-22T14:37:49","date_gmt":"2000-07-22T12:37:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4378"},"modified":"2024-02-29T14:39:51","modified_gmt":"2024-02-29T13:39:51","slug":"motivation-zero","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/22\/motivation-zero\/","title":{"rendered":"Motivation Zero"},"content":{"rendered":"<p>Das schwergewichtige Thema von gestern mu\u00df ich wohl an einem anderen Tag weiterschreiben. Michaels ausschweifender Kommentar im Forum freut mich, doch im Moment packe ich es einfach nicht, &#8222;niveauvoll&#8220; zu sein. Ganz allgemein hab&#8216; ich derzeit Schwierigkeiten mit der Motivation, keine rechte Lust zu gar nichts. Aber: was heisst hier \u00fcberhaupt &#8222;Schwierigkeiten&#8220;? Eine \u00fcberfl\u00fcssige Bewertung! Warum zum Teufel soll mensch dauernd motiviert sein? Wohin soll&#8217;s denn gehen? Was sollte ich denn erreichen? Fehlt mir was? Nein, leider nicht! :-)<!--more--><\/p>\n<p>In fr\u00fcheren Zeiten bin ich in solchen Phasen unverdrossen ein St\u00fcck in Richtung Selbstzerst\u00f6rung gegangen: mich betrunken bis zum Anschlag, krank geworden, Depressionen geschoben, Schuldige gesucht, die unkaputtbaren \u00dcbel der Welt verantwortlich gemacht, theatralisch an der gro\u00dfen Sinnlosigkeit gelitten &#8211; na, jedenfalls mich in ein tiefes Loch gest\u00fcrzt, bis es nicht mehr auszuhalten war. Und: da war sie dann wieder, die vermisste Motivation! Sich m\u00fchevoll aufzurappeln und wieder halbwegs Welt-kompatibel zu machen, ist ja auch eine Aufgabe, wenn schon sonst nix anliegt.<\/p>\n<p>Vorbei! Nicht mal schlechte Laune kommt auf, w\u00e4hrend ich eine begonnene Mail an eine Diskussionsliste mitten im Schreiben l\u00f6sche, weil mich die Frage \u00fcberf\u00e4llt: Wozu? Tr\u00e4gst du hier was n\u00fctzliches zur Welt bei? Hat es vielleicht dein Ego n\u00f6tig, wieder mal Rad zu schlagen? Und weil das NEIN so unvermittelt, ohne \u00dcberlegung und in aller Sch\u00e4rfe vor mir steht, dr\u00fccke ich die Delete-Taste &#8211; ohne Wehmut, sogar ohne mir innerlich auf die Schulter zu klopfen, aber mit einer gewissen Verwunderung.<\/p>\n<p>Nicht, dass da keine Ideen, Vorhaben und Pl\u00e4ne w\u00e4ren! Im Gegenteil, ein regelrechter R\u00fcckstau von sch\u00f6nen Projekten k\u00f6nnte mich von morgens bis Abends vielf\u00e4ltig besch\u00e4ftigen. K\u00f6nnte! Doch im Moment geht es mir damit wie mit den allgemeinen Weltrettungsgedanken: Warum hier helfen und nicht dort? Warum dieses tun und nicht lieber jenes, das ist doch ebenso verlockend? Fr\u00fcher bewegte ich mich wie ein Automat zwischen den wechselnden Aufgaben und Anforderungen hin und her, es kam gar keine Frage auf, ob es das jetzt wirklich ist, allenfalls w\u00e4lzte ich recht intellektuelle \u00dcberlegungen als Rationalisierung f\u00fcr das, was ich sowieso tat.<\/p>\n<p>Auch vorbei! Irgendwann hab&#8216; ich es aufgegeben, meine Handlungen &#8211; vermeintlich &#8211; aus dem Denken zu entwickeln, aus meinen aktuellen Meinungen, was jetzt gerade n\u00fctzlich und sinnvoll w\u00e4re. Das bedeutet, nicht mehr der eigene Sklaventreiber zu sein, sondern eher ein Experiment: Ich schau&#8216; zu, was mich SO SEHR mitreisst, dass ich aktiv werde &#8211; und auch w\u00e4hrend des Tuns sehe ich, was mich bei der Stange h\u00e4lt und wann der Faden abreisst. Das ist sehr lehrreich, weil dabei schnell klar wird, dass die Motivationen und Energien sich keineswegs &#8222;an der Sache&#8220; oder an den jeweiligen Zielen ausrichten, sondern eher an zuf\u00e4lligen Ereignissen, am Wetter, an kleinen unwichtig scheinenden Ver\u00e4nderungen, am Ma\u00df der k\u00f6rperlichen Bewegung, am essen und verdauen &#8211; so vieles hat einen Einfluss, dass es wirklich l\u00e4cherlich w\u00e4re, zum jeweiligen Ergebnis &#8222;Ich&#8220; zu sagen und sich voll damit zu identifizieren.<\/p>\n<p>Ich sehe schon manchen Leser bedenklich die Stirne runzeln: Ist das eine Lizenz zur Unverantwortlichkeit? Soll man vielleicht &#8222;aus dem Bauch&#8220; leben, nicht lange fackeln (=\u00fcberlegen) und einfach zuschlagen, wenn mal ein Ha\u00df aufkommt?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was man soll. Auch den Gedanken, selber etwas zu sollen, hab&#8216; ich lange verabschiedet (Worte reichen nicht aus, zu vermitteln, was das f\u00fcr eine Befreiung war. Als w\u00fcrde man von jetzt auf gleich 20 Kilo Gewicht verlieren!). Ich kann nur berichten, dass durch die beobachtende Haltung ein absoluter Pragmatismus entsteht, dessen oberster Wert so etwas wie &#8222;Seelenfrieden&#8220; ist. Nichts ist da kontraproduktiver als \u00fcblen Gef\u00fchlen automatenhaft entsprechende Handlungen folgen zu lassen, die neue \u00fcble Gef\u00fchle erzeugen, bzw. diese ewig lang in der Psyche festhalten. Auch sie zu leugnen oder zu rechtfertigen heisst nur, sie festzuhalten. Verantwortung &#8211; sofern das Wort hier noch einen Sinn hat &#8211; bedeutet, das Wissen anzuwenden, das sich aus dem Anblick des unberechenbaren Chaos &#8222;Ich &amp; Welt&#8220; ergibt: mal ein bi\u00dfchen die Bedingungen durcheinander sch\u00fctteln, vielleicht mal wieder &#8218;raus gehen, Unkraut j\u00e4ten, Nacktschnecken vergiften oder etwas anpflanzen. Oder sich geistig ganz anderen Ebenen zuwenden &#8211; es gibt ja soviele Anreize und Gelegenheiten und wenn sich der &#8222;Umraum&#8220; \u00e4ndert, \u00e4ndern sich auch meine Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Wer allerdings das &#8222;Sollen&#8220; untergr\u00e4bt, holt auch das &#8222;Wollen&#8220; vom Sockel. W\u00fcnsche und Vorstellungen sind einfach nur noch W\u00fcnsche und Vorstellungen &#8211; sie kommen und gehen und verursachen nicht mehr automatisch entsprechende Aktivit\u00e4ten. Im Gegenteil, ich schaue eher kritisch auf die W\u00fcnsche und wiege sie gleich ab gegen die M\u00fchsahl, die es mit sich bringen mag, sie zu verwirklichen. Abwarten ist das mindeste &#8211; und meist zeigt sich dann: die Vorstellung verschwindet und wird durch eine andere abgel\u00f6st (man spart so \u00fcbrigens viel Geld!).<\/p>\n<p>Gelegentlich befinde ich mich auf diese Weise in einer seltsamen Motivations-W\u00fcste: Nichts ist derart verlockend, dass ich loslegen k\u00f6nnte &#8211; doch weil ich nun mal mit einem eher aktiven als kontemplativen Temperament geschlagen bin, gerate ich in eine Anmutung von Unzufriedenheit. Einfach so &#8218;rumsitzen f\u00fcllt mich nicht aus. Lieber schreibe ich die n\u00e4chste Mail an eine Diskussionsliste, oder rufe den Webeditor auf, bastle an Projekt X &#8211; bis mir wieder die Delete-Taste ins Auge f\u00e4llt&#8230;<\/p>\n<p>Naja, auch dieser Zustand wird vor\u00fcbergehen. Und nichts ist so sicher wie das Ende.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das schwergewichtige Thema von gestern mu\u00df ich wohl an einem anderen Tag weiterschreiben. 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