{"id":4377,"date":"2000-07-20T14:35:17","date_gmt":"2000-07-20T12:35:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4377"},"modified":"2024-02-29T14:37:33","modified_gmt":"2024-02-29T13:37:33","slug":"denken-ein-feature-von-gestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/20\/denken-ein-feature-von-gestern\/","title":{"rendered":"Denken &#8211; ein Feature von gestern?"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4re es mir vor zehn Jahren zugestossen, dass jemand einen Text von mir als &#8222;nicht sehr einfallsreich und intellektuell&#8220; bezeichnet h\u00e4tte, w\u00e4re ich tief deprimiert gewesen und h\u00e4tte alles daran gesetzt, nun ein Zitat-gespicktes, anspielungsreiches und kunstvoll komponiertes Denkwerk aus schillernden Begriffsgewittern abzulassen: gerade soweit verst\u00e4ndlich, dass es ein Geheimnis zu bergen scheint, doch auf jeden Fall so unverst\u00e4ndlich, dass sich der Leser ein bisschen bl\u00f6d bis gnadenlos ungebildet vorkommt.<!--more--><br \/>\nWarum ist das vorbei? Man k\u00f6nnte denken, es sei eine reine Altersfrage: Wer mit Mitte 40 noch immer nicht drauf pfeift, was Kritiker meinen, verpasst die wahre Freude am Publizieren. Aber nein, das ist es nicht allein: Heute als &#8222;nicht-so-intellektuell&#8220; bewertet zu werden, wendet sich fast schon in Richtung Lob. Und nicht erst seit Zlatko ein Star ist.<\/p>\n<p>Die verbliebenen Schwergewichte kritisch-intellektuellen Denkens, wie z.B. die ZEIT, beklagen bitterlich den Verfall der humanistischen Bildung, das Verschwinden eines Kanons und die allgemeine Verflachung jedweder Bildung zum Infotainment. In den Leserbriefspalten wird die letzte Schlacht um Sinn oder Unsinn von Altgriechisch und Latein gef\u00fchrt, wobei die Ver\u00e4chter deutlich die besseren Argumente haben. Und dass bei den ZEIT-Bestsellern Dietrich Schwanitz Kompendium &#8222;Bildung&#8220; auf Platz zwei steht, legt den Schlu\u00df nahe, dass eine bemerkenswert gro\u00dfe Zahl von K\u00e4ufern denkt: Wie sch\u00f6n, BILDUNG jetzt in nur EINEM Buch! Wie praktisch, das nehmen wir mal so mit, wer weiss, wozu man es mal brauchen kann. (Ich \u00fcberlege gerade, es auch zu kaufen, damit ich mitbekomme, was MAN, also der kollektive Bestseller-Leser, ab jetzt unter Bildung versteht).<\/p>\n<p><b>Bildung, kritisches Denken, Wissen, historisches Bewu\u00dftsein, Intellektualit\u00e4t<\/b> &#8211; all das spielt seltsamerweise eine Verlierer-Rolle bei der Herausbildung der &#8222;Wissensgesellschaft&#8220;. Pers\u00f6nlich neige ich dazu, immer gern bei einer Minderheit Mitglied zu sein (generationstypisch!), und so lebt in mir die Intellektuelle auf, wenn ich von Flachdenkern umgeben bin, doch beginne ich, die Oberfl\u00e4che (und den FUN!) in den h\u00f6chsten T\u00f6nen zu loben, wenn meine Gegen\u00fcber auf der ewigen Suche nach Sinn &amp; Tiefe bestehen, wom\u00f6glich noch in Codes, die allein den Zweck haben, gegen die bl\u00f6de Restwelt abzuschotten.<\/p>\n<p>Dass sich das Verh\u00e4ltnis zum kritischen Denken und tradierten Wissen derzeit gewaltig ver\u00e4ndert, ist allerdings ein Fakt, spanndend, dar\u00fcber zu meditieren, woher es kommt und wohin es f\u00fchrt.<\/p>\n<p><b>Das Faktenwissen<\/b> wandert in die Datenbanken, das ist bereits klar. Es ist lange schon zuviel, um von einem einzelnen Gehirn sinnvoll ausgewertet zu werden. Wir werden mit den Datenbanken verwachsen und lernen, jederzeit auf die gerade ben\u00f6tigten Informationen zuzugreifen. (Das Wissen, wann Karl der Gro\u00dfe wo welche Schlacht gewonnen hat, erlebt ganz sicher weniger Zugriffe als das Herunterfahrproblem in Windows&#8217;98.) Ich wundere mich selbst, wie schnell der Ged\u00e4chtnisverlust stattfindet &#8211; ohne Festplatte und Netzzugang bin ich ein halber Mensch, wissensm\u00e4\u00dfig gesehen.<\/p>\n<p>\u00dcber <b>Bildung<\/b> wird es nie wieder einen Konsens geben, da hilft kein Jammern &amp; Klagen. Und weil akademische Bildung nicht mehr unverzichtbare Eintrittskarte in den sozialen Aufstieg bedeutet (bei den Dot.Coms soll ein Studium eher st\u00f6rend sein&#8230;), wirkt sie mehr und mehr als Glasperlenspiel, als beliebige Kunst einer kleinen Gruppe, die ihren Denk-Hobbys nachgeht und in wachsenden Rechtfertigungsdruck gegen\u00fcber der zahlenden Gesellschaft ger\u00e4t. Man will verwertbare ANWENDUNGEN sehen, akademische Wissensarbeiter m\u00fcssen neuerdings ihre N\u00dcTZLICHKEIT kommunizieren &#8211; und zwar in allgemein verst\u00e4ndlichen Worten.<!--more--><br \/>\nEin <b>anderes Bewu\u00dftsein<\/b> entsteht: Trotz des Erfolges der Harry-Potter-B\u00fccher ist nicht zu leugnen, dass der Mensch nicht mehr vorrangig durch lineare Texte konditioniert wird, sondern durch Bilder, Filme, Videospiele und Hypermedien. Mit diesen Inputs sinnvoll umzugehen, d.h. nicht blosser Konsument zu bleiben, sondern zu produzieren und zu projizieren, erfordert sehr viel unterschiedlichere F\u00e4higkeiten, als das gem\u00fctliche Lesen und Schreiben eines linearen Textes. W\u00e4hrend ich dies schreibe, sind z.B. verschiedene Programme offen, mit denen ich st\u00e4ndig arbeite: Editor, Bildbearbeitung, Mail, FTP, Scanner-Prog, Webbrowser, Windows-Explorer, Bild-Datenbank, Netzverbindung &#8211; ein Leser schrieb mir neulich, es falle ihm schwer, den Faden der eigenen Aktivit\u00e4t nicht zu verlieren: man schaltet hin und her, tut dies und jenes und vergisst, warum man angefangen hat und wohin man wollte &#8211; schadet aber nicht viel, komischerweise!<br \/>\nSo entwickeln wir Multi-Tasking-F\u00e4higkeiten nach dem Vorbild unserer PCs, doch wir verlieren das historische Bewu\u00dftsein und gro\u00dfe Teile des Ged\u00e4chtnisses und der Konzentrationsf\u00e4higkeit. Die J\u00fcngeren und erst recht die Kinder entwickeln diese Features gar nicht mehr, bzw. nur noch rudiment\u00e4r &#8211; so etwa wie ein Blinddarm noch der Rest einer fr\u00fcheren &#8222;Anwendung&#8220; zu sein schein. (Ich versuche, das Positive zu sehen: wer vergi\u00dft, vergi\u00dft vielleicht auch, wo der Feind steht&#8230;:-)<\/p>\n<p><b>Das kritische Denken<\/b>, Dreh- und Angelpunkt des Geisteslebens im 20.Jahrhundert, ist dabei, abzudanken. Damit geht es wirklich ans Eingemachte unseres bisherigen Weltverst\u00e4ndnisses. Viele Ursachen wirken daran mit: In einer Welt knapper G\u00fcter und beschr\u00e4nkter M\u00f6glichkeiten muss zwangsl\u00e4ufig um das Vorhandene heftig gestritten werden: KRITIK lebt ja davon, dass ich etwas anders haben will, als es ist, aber nicht einfach so mir nichts dir nichts eine Alternative leben kann. Mit der Vernetzung, Digitalisierung (=keine Raumbegrenzung, Copy &amp; Paste) und Virtualisierung \u00e4ndert sich die Lage: Auf vielen Ebenen des Alltags bin ich nicht darauf angewiesen, mich mit Machthabern und Eigent\u00fcmern auseinanderzusetzen, sondern kann statt dessen selber etwas anderes machen &#8211; mit Leuten, die schon gleich auf meiner Welle liegen. Dank des Netzes kann ich sie leicht FINDEN, und muss nicht die, die nun mal da sind, m\u00fchsam von meinen Vorhaben (meiner sowieso h\u00e4ufig wechselnden &#8222;Linie&#8220;) \u00fcberzeugen. Modulartig schlie\u00dfen sich Projekt-Netze von Individuen zusammen und l\u00f6sen sich bei Bedarf wieder &#8211; Ringen um Konsens? Vorgestrig&#8230;. und viel zu LANGSAM! Wer Recht hat, enscheidet der Markt&#8230;<\/p>\n<p>Und: Ich h\u00e4tte selber nicht gedacht, dass der Zusammenbruch des Ostblocks derartige Folgen f\u00fcr das kritische Denken hat &#8211; schlie\u00dflich hat ja kaum einer der hiesigen Denkerinnen und Denker fraglos mit den real existierenden sozialistischen Regimen symphatisiert. Trotzdem bedeutet der (praktisch kampflose) Siegeszug des digitalen Kapitalismus offensichtlich einen Wegfall der &#8222;gro\u00dfen Alternative&#8220; &#8211; selbst wenn diese immer nur eine Utopie war. GRUNDS\u00c4TZLICH kann man den Kapitalismus heute nicht mehr kritisieren, denn es ist nicht zu leugnen, dass das Konkurrieren, das Hauen &amp; Stechen, der Wettbewerb, der Kampf bis hin zum Krieg menschliche Eigenheiten sind, die nicht durch eine zwangsweise einzuf\u00fchrende andere \u00d6konomie wegzubekommen sind. Nur Tr\u00e4umer k\u00f6nnen noch so denken.<\/p>\n<p>Schlussendlich: Das durchschlagende Argument gegen das Lamento \u00fcber den Niedergang kritischen Denkens, historischen Bewu\u00dftseins und aller damit zusammenh\u00e4ngenden Kultur ist die Tatsache, dass auch MIT diesen Features die Welt im 20.Jahrhundert in einen furchtbaren Zusand geraten ist (vom Holocaust bis zu Artenschwund und Klimakatastrophe) und nichts die Hoffnung am Leben h\u00e4lt, das kritische Denken alleine werde da etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Soweit f\u00fcr jetzt, sicher ist das Thema hier nicht ersch\u00f6pfend behandelt &#8211; und absurd ist so ein Artikel auch, ist er doch von Anfang bis Ende kritisches Denken, das doch gerade abdankt&#8230; Ich hoffe, es gelingt mir, weiter auf dem Zaun zwischen<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4re es mir vor zehn Jahren zugestossen, dass jemand einen Text von mir als &#8222;nicht sehr einfallsreich und intellektuell&#8220; bezeichnet h\u00e4tte, w\u00e4re ich tief deprimiert gewesen und h\u00e4tte alles daran gesetzt, nun ein Zitat-gespicktes, anspielungsreiches und kunstvoll komponiertes Denkwerk aus schillernden Begriffsgewittern abzulassen: gerade soweit verst\u00e4ndlich, dass es ein Geheimnis zu bergen scheint, doch auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[231],"tags":[1322,1323,1325,1324,1326],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4377"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4377"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4377\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4377"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4377"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4377"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}