{"id":4373,"date":"2000-07-19T14:24:08","date_gmt":"2000-07-19T12:24:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4373"},"modified":"2024-02-29T14:26:03","modified_gmt":"2024-02-29T13:26:03","slug":"der-wallert-virus-pressekritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/19\/der-wallert-virus-pressekritik\/","title":{"rendered":"Der Wallert-Virus (Pressekritik)"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich vom Schlo\u00df Gottesgabe aus zum Einkaufen fahre, schalte ich manchmal das Radio ein, NDR4-Info, oder so \u00e4hnlich, und lasse mich von den Nachrichten und anderen Sendungen von den Fronten der Welt berieseln. Und immer \u00f6fter schalte ich gleich wieder aus, weil ich den Anfall von Menschenverachtung nicht ertrage, der dadurch ausgel\u00f6st wird. Nicht etwa Entr\u00fcstung \u00fcber die verschiedenen Kriege und K\u00e4mpfe macht mir zu schaffen, sondern der zunehmende Ekel \u00fcber die Art der Berichterstattung, und die R\u00fcckschl\u00fcsse auf &#8222;das Volk&#8220;, das solcher Berichterstattung zum Erfolg verhilft.<!--more--><br \/>\nGestern und vorgestern war&#8217;s zum Beispiel der Wallert-Virus, der sich durch s\u00e4mtliche Sendungen ausbreitete. Renate Wallert von morgens bis abends (Radio und TV), jedes banale Wort (&#8222;es geht mir gut&#8220;), jedes Zucken des Mundwinkels, jede Menge Spekulationen und Vermutungen, die journalistische Belagerung des Hauseingangs &#8211; wenn ich ein Wallert-Familienmitglied w\u00e4re, w\u00fcrde ich zur Waffe greifen, anstatt einen Honorar-Vertrag abzuschlie\u00dfen. Die Ausweidung des Ereignisses, das ja in einer Zeile ersch\u00f6pfend darzustellen w\u00e4re (&#8222;Renate Wallert ist frei, es geht ihr den Umst\u00e4nden entsprechend&#8220;), erzeugt heftigen Ekel: Ekel vor den Medien, vor den Menschen, die fraglos jede Distanz hinter sich lassen, um der Emotions-geilen Masse Stoff ins ansonsten offensichtlich vertrocknete Gem\u00fct zu dr\u00fccken, und Ekel vor den Menschen \u00fcberhaupt, die durch diese Mechanismen als Ratten-hafte Reiz-Reaktions-Automaten entlarvt werden. Da hilft nur noch abschalten.<\/p>\n<p>Jeder Journalist und Reporter, der auch nur einmal das Mitrennen im Pulk um einen &#8222;Prominenten&#8220; (das kann ja heute jeder sein) mitmacht, muss definitiv jede Form von Sensibilit\u00e4t, R\u00fccksichtnahme, Achtung vor dem Anderen in der eigenen Psyche unterdr\u00fccken, um mithalten zu k\u00f6nnen. Was f\u00fcr ein hoher Preis f\u00fcr einen Job &#8211; und der gilt sogar noch als erstrebenswert!<\/p>\n<p>Informationspflicht der Presse? Dass ich nicht lache! \u00dcber Wochen sehe ich &#8211; sofern ich noch hinsehe, abends in der Tagesschau z.B. &#8211; die Geiseln, wie sie im Camp herumsitzen, wieder und wieder. Dazu wird gesagt, dass sie nun schon soundsoviel Tage dort sind, dass es der einen oder anderen besser oder schlechter geht, dass Bem\u00fchungen im Gange sind, usw. usf.. Aber wann h\u00e4tte ich mal erfahren, was diese &#8222;Moslem-Rebellen&#8220; eigentlich bewegt? Warum dort Geiselnahme als legitimes Mittel der Geldbeschaffung zu gelten scheint? Wo sind die Interviews mit den Rebellen oder mit ganz normalen Anwohnern aus der Gegend? F\u00fcr Freunde des Absurden w\u00fcrde sich auch die simultane Berichterstattung von den nahegelegenen &#8222;Robinson-Inseln&#8220; von RTL und Sat1 anbieten, wo das &#8222;Survival of the Fittest&#8220; Big-Brother-like inszeniert wird.<\/p>\n<p>Naja, heute ist wohl nicht mein Tag. Es gelingt mir nicht, auch nur einen Hauch von positiver Stimmung zu erzeugen. Und so geht es immer, wenn ich mir zuviel Medien-Input zumute &#8211; und dann noch die S\u00fcnde begehe, das dadurch aufger\u00fchrte Gem\u00fct in Worte zu fassen und erneut ein Medium zu produzieren &#8211; eitler Wahnsinn!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich vom Schlo\u00df Gottesgabe aus zum Einkaufen fahre, schalte ich manchmal das Radio ein, NDR4-Info, oder so \u00e4hnlich, und lasse mich von den Nachrichten und anderen Sendungen von den Fronten der Welt berieseln. 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