{"id":4372,"date":"2000-07-18T14:21:02","date_gmt":"2000-07-18T12:21:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4372"},"modified":"2024-02-29T14:23:48","modified_gmt":"2024-02-29T13:23:48","slug":"immer-mehr-und-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/18\/immer-mehr-und-dann\/","title":{"rendered":"Immer MEHR &#8211; und dann?"},"content":{"rendered":"<p>Da hat Deutschland also die WM 2006 ergattert, die Wirtschaft jubelt, der Standort wird boomen, \u00fcber Jahre wird das runde Leder die Medien dominieren &#8211; ach, Fu\u00dfball \u00f6det mich seit jeher an, ob ich nicht besser auswandern soll? Nach S\u00fcdafrika, zum Beispiel? Da es auch einer engagierten Sport-Ignorantin nicht m\u00f6glich ist, den Nachrichten ganz zu entkommen, ist mir nicht verborgen geblieben, dass DER DEUTSCHE FUSSBALL derzeit eine eher peinliche Veranstaltung ist. Dar\u00fcber hinaus hat das ruckende Deutschland, in dem neuerdings hier und dort schon Sch\u00fcler mit dem B\u00f6rsengeschehen vertraut gemacht werden, einen Impuls wie die WM gar nicht n\u00f6tig. Jedenfalls nicht SO n\u00f6tig, wie etwa S\u00fcdafrika. <!--more--><\/p>\n<p>Kaum freut man sich ein wenig dar\u00fcber, dass hierzulande die &#8222;verkrusteten Strukturen&#8220; aufbrechen, der &#8222;Reformstau&#8220; abklingt und junge Menschen endlich mal eine Arbeitswelt vor sich sehen, die den Geschmack von Freiheit &amp; Abenteuer vermittelt, zeigt der Kapitalismus schon gleich wieder seine langweiligste Fratze: Mehr, mehr und nochmal mehr!<\/p>\n<p>In dem sehr lesenswerten ZEIT-Artikel <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"http:\/\/www3.zeit.de\/tag\/aktuell\/200029.new_econnomy_.html\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Supergl\u00fcckliche Malocher<\/a> heisst es:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Macht was ihr wollt, aber macht es profitabel&#8220;, der Slogan hat bei vielen Internet-Firmen l\u00e4ngst das Kommando- und Kontrollsystem der alten Arbeitsorganisation ersetzt. Aus abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten sind Teilhaber geworden. Rendite zu erwirtschaften wird zu ihrem ureigensten Interesse.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie lange sie wohl brauchen werden, um zu bemerken, dass &#8222;Rendite erwirtschaften&#8220; m\u00fcssen eine der engsten Fesseln ist, die man sich denken kann? Nein, ich habe nichts gegen die StartUps: die Firma als Wohngemeinschaft &amp; Community ist genau das Umfeld, das ich mir mit 20 gew\u00fcnscht h\u00e4tte, anstatt der \u00f6den Firmenhierarchien und der Beh\u00f6rdenmentalit\u00e4t, die mir aus den damaligen B\u00fcrowelten entgegenschlug, wo die Angestellten ihr verbliebenes Engagement in die Urlaubsplanung steckten und ansonsten resigniert dem Feierabend entgegend\u00e4mmerten.<\/p>\n<p>Lesen wir weiter:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Freiwillig geben sie ihre Kreativit\u00e4t, ihre Ideen, ihre emotionale Intelligenz und immer wieder ihre Zeit der Firma. All das haben sie ihren fr\u00fcheren Arbeitgebern vorenthalten, obwohl die h\u00f6here Geh\u00e4lter zahlen. Ingo Bertzen macht darauf aufmerksam, dass bei DooYoo alle Leute mit leuchtenden Augen herumlaufen. Selbst die Ringe darunter k\u00f6nnen den Glanz nicht verdunkeln.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Arbeiten mit Engagement, Wirtschaft als zivilisierte Form von &#8222;In den Krieg ziehen&#8220;, St\u00e4mme und Banden bilden und sich gemeinsam gegen andere behaupten &#8211; ja, das macht grossen Spass, ohne Zweifel! In jungen Jahren weiss man nicht so recht, was man ist und was man will, m\u00f6chte sich also vor allem ausprobieren, Erfolge erleben und von anderen anerkannt werden. Dieses Kraft-Potenzial f\u00fcr die Wirtschaft wieder nutzbar zu machen ist eine positive Ver\u00e4nderung &#8211; das &#8222;dagegen sein&#8220;, wie es f\u00fcr meine Generation der Post-68er typisch war, ist ja auf Dauer keine abendf\u00fcllende Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Und ich bin gespannt, was die &#8222;Supergl\u00fccklichen Malocher&#8220; so anstellen, wenn sie da durch sind, wenn sie jede Menge Erfolg und Geld angeh\u00e4uft haben. Ob sie dann so fest in den Mechanismen der Profit-Maschine stecken, dass sie sich niemals fragen &#8222;Wozu?&#8220; und immer so weitermachen? Dass die New Economy-Erfahrung noch nicht Selbstverwirklichung ist, wissen ja schon die Einsteiger, die gern erz\u00e4hlen, dass sie jetzt mal ein paar Jahre &#8218;ranklotzen wollen, um die Kohle f\u00fcr den Rest des Lebens zu erbeuten, sprich: um DANN vielleicht frei sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Quantit\u00e4t ist nicht Qualit\u00e4t und Geld ist nunmal nur ein Joker. Einen Joker setze ich ein, wenn mir eine ganz bestimmte Karte fehlt &#8211; doch ein Spiel nur mit Jokern ist undenkbar. Wer sein ganzes Streben auf das Sammeln von Jokern ausrichtet, lernt nie, zu erkennen, welche Karte ihm fehlt, welches Spiel er \u00fcberhaupt machen will.<\/p>\n<p>Der Zwang zum MEHR ohne jeden Blick auf das WAS und WARUM ist die grosse \u00d6dnis im Kapitalismus. Das sag&#8216; ich ohne Vorwurf und Alternative. Immerhin hat der Einzelne die Chance, zu lernen und sich anders zu orientieren, wenn auch der unausweichlich erforderliche Austausch mit der Umwelt es erfordert, Kompromisse zu machen, den Moloch ein bi\u00dfchen zu f\u00fcttern.<\/p>\n<p>Ich stelle mir gerade vor, wie dieses Diary wohl sein m\u00fc\u00dfte, um PROFITABEL zu sein! Andere Themen, intime Geschichten, anderes Outfit, viele Bilder, allerlei Shops, Banner bis zum Abwinken und 1000 Besucher am Tag &#8211; schon w\u00fcrde es flutschen, doch auf EUCH ca. 80 Besucher\/Tag m\u00fc\u00dfte ich verzichten, eure komischen unprofitablen Nischeninteressen w\u00fcrden im Relaunche untergehen. Daf\u00fcr w\u00fcrde ich MEHR GELD verdienen, das ich dazu verwenden k\u00f6nnte, mich pers\u00f6nlich bestens zu inszenieren &#8211; in der Hoffnung, damit vielleicht Menschen, wie ich sie mag, von mir einzunehmen. Ein paar von euch 80 w\u00e4ren sicher darunter, wenn ich Gl\u00fcck habe.<\/p>\n<p>Absurdes Theater, nicht? Aber der UMSATZ w\u00fcrde stimmen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da hat Deutschland also die WM 2006 ergattert, die Wirtschaft jubelt, der Standort wird boomen, \u00fcber Jahre wird das runde Leder die Medien dominieren &#8211; ach, Fu\u00dfball \u00f6det mich seit jeher an, ob ich nicht besser auswandern soll? 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