{"id":4363,"date":"2000-07-12T13:49:57","date_gmt":"2000-07-12T11:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4363"},"modified":"2024-02-29T14:00:31","modified_gmt":"2024-02-29T13:00:31","slug":"oberflaechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/12\/oberflaechen\/","title":{"rendered":"Oberfl\u00e4chen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich so auf die Oberfl\u00e4che dieses Webeditors starre und darauf warte, dass irgendwelche S\u00e4tze Gestalt annehmen, frag ich mich manchmal, ob das eigentlich die richtige Umgebung f\u00fcr&#8217;s Schreiben ist. Ob dieser Anblick nicht schon unmerklich die Themen beeinflusst, die Stimmung, die Wortwahl, ja, die ganze Haltung zur Welt? <!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-4364\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/editor-650x488.gif\" alt=\"Editor\" width=\"650\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/editor-650x488.gif 650w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/editor-300x225.gif 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/editor-768x576.gif 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/p>\n<p>Und ob jemand, der noch &#8222;unter Winword&#8220; schreibt, vielleicht die Worte anders setzt? Das w\u00e4r&#8216; doch mal was f\u00fcr Leute, die Texte lieber analysieren als lesen: Schau auf meinen Desktop, und du verstehst&#8230;. :-)<\/p>\n<p>Zu meiner Verwunderung lese ich tats\u00e4chlich die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/10\/cosmo-pollite\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">begonnene SciFi-Satire &#8222;Cosmo Pollite&#8220;<\/a> weiter, obwohl doch meine freundschaftliche Resonanzplicht dem Autor gegen\u00fcber (Hi Andreas!) mit dem Diary-Beitrag vom 10. Juli abgeleistet war (h\u00e4tte ich das Buch beschissen gefunden, h\u00e4tte ich es hier trotzdem nicht erw\u00e4hnt!). Umso verwunderlicher, da doch &#8222;Die Anrufung des blinden Fisches&#8220; von Bachmann-Preistr\u00e4ger Georg Klein wartend herumliegt, daneben Susanne Riedels &#8222;Kains T\u00f6chter&#8220; &#8211; sie erhielt den &#8222;Preis der Jury&#8220; und war meine pers\u00f6nliche Favoritin der Klagenfurter Veranstaltung, die ich erstmalig mit Spannung verfolgt hatte. Vielleicht bin ich f\u00fcr die &#8222;richtige Literatur&#8220; ja doch nicht die richtige Zielgruppe, jedenfalls ist mein Rezeptionsverhalten eher schleppend, selbst dann, wenn ich mal ernsthaft interessiert bin, mitzubekommen, wie &#8222;zeitgen\u00f6ssische Literatur&#8220; heute aussieht.<\/p>\n<p>Riedel hab ich schon angelesen, im Klappentext hei\u00dft es: &#8222;Ein Buch, das fremd in unserer literarischen Landschaft steht. Inmitten der sch\u00f6nen neuen Leichtigkeit hat die Autorin den Mut, sich einer verdr\u00e4ngten Erfahrung zu n\u00e4hern &#8211; da\u00df das Leben unverf\u00fcgbar und die Liebe schrecklich ist&#8220;. Die Sprache beeindruckt mich, doch die Art der Erz\u00e4hlung strengt mich an. Alles ist so furchtbar konkret, fortlaufend beschreibt sie Menschen, Tiere, Pflanzen, Ereignisse in einer extrem bildhaften Weise, zwingt mich in die Wahrnehmung von Einzelheiten, die ich normalerweise \u00fcbersehe, weil ich sie als unbedeutend einstufe, so dass ich mich nach ein paar Seiten f\u00fchle, als m\u00fcsse ich geistig Gewichte heben. Es sind Schilderungen, die absichtlich ganz nah an den Dingen, an der HARDWARE bleiben &#8211; und ich mag das nicht, es ist nicht meine Weise, die Welt wahrzunehmen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Bakkers \u00c4lteste hatte niedliche, kleine Schwei\u00dfperlen auf der Nase und trug ein billiges Kaufhaus-Parfum: gr\u00fcner Apfel, Pfirsich oder Kloreiniger. Die drei dicken M\u00e4nner nebem dem Pfarrer stie\u00dfen sich an, als sie ihnen die Waffeln servierte. Ich verschob den Stuhl und betrachtete Elsie, die jeden Bissen aufkaute, bis er fl\u00fcssig wurde. Dann zog sie den Brei zwischen den Z\u00e4hnen hindurch.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich nehme diese Schreibe als einen Versuch, dem &#8222;realen Leben&#8220; ganz nah zu kommen: was man sieht, h\u00f6rt, riecht, wird geschildert, nur selten, was man denkt. Ein Haften am Sinnlich-tats\u00e4chlichen, das sogar Gef\u00fchle in Ereignisse \u00fcbersetzt (&#8222;..sie waren mir alle unertr\u00e4glich, als w\u00e4re meine Freundlichkeit mit Mutter im Otsch ertrunken&#8220;.)<\/p>\n<p>Jenseits der konkreten Schilderungen (die manchmal durch staunen-machende Metaphern durchflochten sind!) empfinde ich ein solches Schreiben heute als Demonstration: Seht doch endlich mal wieder genau hin! Da, wo der durchgekaute Brei zwischen den Z\u00e4hnen durchgezogen wird, liegt das echte Leben, liegt Wirklichkeit und Wahrheit, nicht in euren von der Erde abgehobenen Gedanken, all diesen zusammencollagierten Begriffsgewittern voller Anspielungen und schillernd-beliebigen Bedeutungen, aus denen die medialen Sekund\u00e4rwelten gebaut sind.<\/p>\n<p>Ich sehe die Legitimit\u00e4t dieses Versuchs, doch wird mich auch Riedel nicht bekehren, nicht befreien aus den Meta-Welten der Gedanken, die sich ungerufen auf alle Sinnlichkeit legen, solange ich es ihnen nicht absichtlich verwehre &#8211; manchmal wie Mehltau, aber \u00f6fter wie ein sch\u00fctzendes Kraftfeld, das mir die Unabh\u00e4ngigkeit gibt, selbst zu entscheiden, ob ich jetzt Lust habe, den durchgekauten Brei zwischen den Z\u00e4hnen des Mitmenschen an mich heranzulassen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich so auf die Oberfl\u00e4che dieses Webeditors starre und darauf warte, dass irgendwelche S\u00e4tze Gestalt annehmen, frag ich mich manchmal, ob das eigentlich die richtige Umgebung f\u00fcr&#8217;s Schreiben ist. 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