{"id":4360,"date":"2000-07-09T13:39:17","date_gmt":"2000-07-09T11:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4360"},"modified":"2024-02-29T13:41:16","modified_gmt":"2024-02-29T12:41:16","slug":"nirvana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/09\/nirvana\/","title":{"rendered":"Nirvana"},"content":{"rendered":"<p>So, nach dieser kleinen Pause will ich jetzt wieder T\u00c4GLICH Diary schreiben. Diese &#8222;Gewohnheit&#8220; hat sich mittlerweile verselbst\u00e4ndigt. Wenn ich mal aussetze, f\u00fchle ich das Fehlen des roten Fadens, der sich durch das Chaos dieser Welt zieht &#8211; schon komisch!<!--more--><br \/>\nMein Besuch ist abgereist. Wieder ist mir aufgefallen, dass die Menschen heute nirgendwo mehr ganz DA sind, sondern immer auch DORT: Das Handy verbindet auf seine verf\u00fchrerisch-dominante Art mit dem \u00dcberall, so dass es den Besitzer in eine Art Nirgendwo versetzt. Fr\u00fcher war das Reisen Abschied, Ferne, Sehnsucht, Ankunft &#8211; heute bleibt der Reisende stets in Kontakt mit seinem Herkommen und organisiert fortlaufend sein Weiterkommen. Per Internet das Auto mieten, das ab der n\u00e4chsten Station gebraucht wird, Reisezeiten der Z\u00fcge bei der Bahn abfragen, mit daheim Gebliebenen telefonnieren, um die Gewissheit nicht zu verlieren, dass alles beim Alten ist &#8211; der physische K\u00f6rper in einem konkreten Raum bedeutet keine Beschr\u00e4nkung mehr. Alle und alles ist erreichbar, kontaktierbar, abrufbar, steht zur Verf\u00fcgung f\u00fcr unseren Griff nach der Macht. W\u00e4re da irgendwo ein Gott, der uns zuschaut, er w\u00fcrde sich k\u00f6stlich am\u00fcsieren!<\/p>\n<p>Das konkrete HIER ist zum &#8222;Content&#8220; geronnen, der auf Filmen und Smartcards gespeichert, eingesammelt, aufgehoben, mitgef\u00fchrt und anderwo wieder vorgezeigt wird: Seht, so ist es DORT! Ich war DA! Zunehmend wird dieses eigent\u00fcmliche Verhalten durch die WebCams g\u00e4nzlich absurd: Wenn ich direkt hinsehen kann, jederzeit, von \u00fcberall &#8211; wozu noch fotografieren?<\/p>\n<p>Der Protest aus den Herzen der Fotografen meldet sich lautstark zu Wort: Aber Bilder sind doch nicht nur Information! Es ist mein konkreter Blick auf den unverwechselbaren Augenblick, meine Erinnerung, ein Teil von MIR. Ja? Warum sehen dann alle Toskana-Fotos so gleich aus? Auch ich war DORT und noch liegen ein paar TYPISCHE Fotos in diesem Karton auf dem Regal, der die Dinge enth\u00e4lt, die ich bisher nicht wegzuwerfen wagte (kommt aber noch!). Warum sollte ich sie zeigen? Jeder weiss ja, wie Toskana aussieht, und schon mein Blick, w\u00e4hrend ich in dieser Landschaft stehe, sucht das &#8222;Typische&#8220;, die alten, von gut situierten St\u00e4dtern liebevoll restaurierten Bauernh\u00e4user, die h\u00fcgelige Landschaft, die Zypressen, die mittelalterlichen Stadtteile mit den immer gleichen H\u00e4userfassaden, gr\u00fcne Fensterl\u00e4den, halb geschlossen, schmiedeeiserne Balkone und bunte W\u00e4sche &#8211; naja, so ist das halt.<\/p>\n<p>Meine DigiCam benutze ich nur, wenn mir die Idee f\u00fcr ein technisches Bild kommt: ein Bild, das nichts abbildet, sondern etwas bedeutet, das sich mit Worten nicht sagen l\u00e4\u00dft, eines, das erst am PC zustande kommt, wo ich frei bin, den &#8222;Content&#8220; zu inszenieren, wie ich ihn f\u00fchle. Bilder ohne Ort, wen wundert&#8217;s.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Wochenende werde ich nach N\u00fcrnberg fahren &#8211; wieder mal eine l\u00e4ngere Reise mit dem Zug. Das Dasein in den Verkehrsmitteln hat eine eigene Qualit\u00e4t: noch nicht dort und nicht mehr hier er\u00f6ffnet sich ein Raum der Stille, der deshalb ertr\u00e4glich ist, weil er in Bewegung bleibt: zeitgem\u00e4\u00dfes Nirvana. Was sich vorw\u00e4rts bewegt, je schneller desto besser, entlastet die Insassen kurzzeitig von eigenen Bem\u00fchungen um den Fortschritt. Ruhe inmitten der Bewegung, fast f\u00fchlt man sich als Dissident, doch Bildschirme und Handys sorgen auch in den Z\u00fcgen daf\u00fcr, da\u00df die Verbindungen nicht abbrechen. Das psychische Heraustreten aus dem Rennen ist nicht besonders beliebt: wer f\u00e4hrt schon Auto ohne das Radio einzuschalten? Selbst in den Fahrst\u00fchlen werden Netz-Terminals eingef\u00fchrt, um die Aufmerksamkeit zu absorbieren, die ansonsten unverwertet dem Individuum zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde, das sowieso immer weniger damit anfangen kann.<\/p>\n<p>Warum sind wir heute so MOBIL? In den St\u00e4dten leben viele Leute, die davon tr\u00e4umen, &#8222;irgendwo im Gr\u00fcnen&#8220; in einem Haus mit Garten zwischen Wiesen, Feldern und W\u00e4ldchen zu leben. Doch wer da lebt, h\u00e4lt es kaum aus: Sonntags sitze ich mit meinem liebsten Freund auf der Schlo\u00dfwiese und das ganze Schlo\u00df mit all seinen G\u00e4rten und idyllischen Pl\u00e4tzen geh\u00f6rt uns alleine. Die Mieter sind ausgeflogen nach Irgendwo, vermutlich auf der Suche nach einem MEHR, das sich vielleicht in den St\u00e4dten findet, wo die Bewohner im Smog und L\u00e4rm von der l\u00e4ndlichen Idylle tr\u00e4umen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So, nach dieser kleinen Pause will ich jetzt wieder T\u00c4GLICH Diary schreiben. Diese &#8222;Gewohnheit&#8220; hat sich mittlerweile verselbst\u00e4ndigt. 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