{"id":436,"date":"2010-01-20T12:29:18","date_gmt":"2010-01-20T10:29:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=436"},"modified":"2010-01-20T14:33:49","modified_gmt":"2010-01-20T12:33:49","slug":"vom-glauben-an-die-wahrheit-der-bildschirm-texte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/01\/20\/vom-glauben-an-die-wahrheit-der-bildschirm-texte\/","title":{"rendered":"Vom Glauben an die Wahrheit der Bildschirm-Texte"},"content":{"rendered":"<h2>Wo die Worte fehlen<\/h2>\n<p>Schon lange bemerke ich schmerzlich, dass in unserer deutschen Sprache wichtige Worte fehlen. Vor allem vermisse ich einen Begriff, der dem &#8222;Druck&#8220; entspricht: Einen Text abdrucken, in Druck geben, einen Drucktermin einhalten &#8211; was sagt man da, wenn es sich um Web-Ver\u00f6ffentlichungen oder die Anzeige auf anderen Ger\u00e4tschaften handelt? <\/p>\n<p>Neben der Eingabemaske, in die ich diesen Text gerade tippe, steht ein Button mit der Aufschrift &#8222;Publizieren&#8220;. Ok, das ist &#8211; genau wie &#8222;ver\u00f6ffentlichen&#8220; &#8211; ein Begriff auf h\u00f6herer Abstraktionsebene, den wir hilfsweise gebrauchen, um den Mangel zu umschiffen. Will ich aber \u00fcber das Ver\u00f6ffentlichen digitaler Texte etwas sagen, das nicht zugleich auch gedruckte Texte meint, wird es schwierig. Auch die englische Sprache, bei der wir uns in solchen F\u00e4llen oft bedienen, hat da nichts im Angebot. Wie seltsam nach nun doch schon gut 15 Web-Jahren!<\/p>\n<h2>Wenn der Tricorder Wirklichkeit wird&#8230; <\/h2>\n<p>Aber zur Sache:  Ein Leser hat unter meinem <a href=\"http:\/\/www.webwriting-magazin.de\/durchsichtige-medienkampagne-gegen-google\/\">Artikel zum derzeitigen &#8222;Google-Bashing&#8220;<\/a> angemerkt, dass &#8222;Informationsmonopole&#8220; immer schlecht seien. Er meinte damit die kurzen Erkl\u00e4rungstexte, die Google (bzw. die Anwendung &#8222;Goggles&#8220;) auf entsprechenden Handys anzeigt, wenn man mit ihnen auf einen Gegenstand zeigt, z.B. ein \u00f6ffentliches Geb\u00e4ude. Zudem seien diese Texte &#8222;unter Wikipedia-Niveau&#8220;. <\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch gut an die beliebte Serie &#8222;Raumschiff Enterpreis&#8220;, in der die Helden regelm\u00e4\u00dfig mit dem sogenannten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Star-Trek-Technologie#Tricorder\">&#8222;Tricorder&#8220;<\/a> auf unbekannte Gegenst\u00e4nde zeigten und so eine ungef\u00e4hre Antwort auf die Frage &#8222;was ist das?&#8220; erhielten. Mit <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/digital\/internet\/2009-12\/google-goggles-echtzeit\">&#8222;Goggles&#8220;<\/a> kommt man dieser einst so futuristisch wirkenden Funktionalit\u00e4t nun schon ziemlich nahe. Und doch scheint das manche Menschen mehr zu verst\u00f6ren als zu erfreuen &#8211; warum nur?<\/p>\n<h2>Nicht Gottes Wort, nur Goggles Suchergebnis<\/h2>\n<p>Immerhin ist der Leser, der den Kommentar schrieb, \u00fcber Wikipedia-Texte offenbar im Bilde: es handelt sich NICHT um die Offenbarung von Gottes Wort, sondern um freiwillig und unbezahlt verfasste Texte vieler Aktiver, die sich im besten Fall gegenseitig korrigieren, manchmal aber auch nicht. Das zu wissen, ist ein wichtiger Teil heutiger Medienkompetenz &#8211; bez\u00fcglich verschiedenster anderer Bildschirmanzeigen scheint es da aber noch sehr zu mangeln. <\/p>\n<p>Was auf einem Handy als Erkl\u00e4rtext erscheint, hat zu stimmen &#8211; und weil das so ist, spricht man auch gleich vom &#8222;Informationsmonopol&#8220; des Anbieters dieser Texte. Dabei ist auch Goggle nichts als eine automatisierte Suche quer durch Daten, die Google gesammelt hat, Daten, die irgendwann irgendwo von irgendjemandem ins Netz gestellt wurden, allenfalls mittels statistischer Abgleiche etwas mehr mit &#8222;Wahrheitsvermutung&#8220; versehen als eine reine Zufallsauswahl. <\/p>\n<h2>Was man schwarz auf wei\u00df nach hause tr\u00e4gt&#8230;<\/h2>\n<p>Wie lange hat es gedauert, bis Menschen begriffen haben: Was in einem Buch steht, muss nicht unbedingt die Wahrheit sein? Was man &#8222;schwarz auf wei\u00df nach Hause tragen&#8220; konnte, galt noch bis k\u00fcrzlich als deutlich glaubw\u00fcrdiger als die Meinung des Nachbarn oder die Rede des Vorgesetzen.  Dem entsprechend war &#8222;ein Buch schreiben&#8220; eine unglaublich honorige T\u00e4tigkeit, die der Gestalt des &#8222;Autors&#8220; eine hohe Reputation brachte &#8211; alles vorbei! Sp\u00e4testens seit das Book on Demand (Bod) das &#8222;B\u00fccher machen&#8220; ganz ohne Verlage und Lektoren jedem erm\u00f6glicht, der sich die Arbeit machen will, ist den allermeisten einst so Buch-Gl\u00e4ubigen klar: GEDRUCKT hei\u00dft nicht gleich WAHR!<\/p>\n<h2>Medienkompetenz durch Mitschreiben<\/h2>\n<p>Das Web war nun, anders als der Buchdruck, vom Start weg ein Mitmach-Medium. 1996 war HTML noch so einfach, dass jeder Ahnungslose binnen weniger Stunden eine Webseite online bringen konnte. Allerdings interessierten sich noch nicht viele daf\u00fcr und in den Folgejahren wurde es komplexer und komplizierter: nur die Autodidakten der Anfangszeit konnten locker mitlernen, was es Neues gab. F\u00fcr Neueinsteiger wirkte das Web schon bald viel zu elaboriert, um noch auf die Idee des Selber-Machens zu kommen. Erst die Blogs der Nuller-Jahre machten mittels ihrer vereinfachten Nutzungsweise wieder klar: Jeder kann ins Web schreiben, was er mag. Und dieses Mal wurde die Chance auch massenhaft ergriffen &#8211; und beil\u00e4ufig gelernt: Was im Web steht und in den Google-Suchergebnissen angezeigt wird, muss noch lange nicht &#8222;die Wahrheit&#8220; sein.<\/p>\n<p>Wer allerdings noch nie selbst etwas im Netz ver\u00f6ffentlicht hat, \u00edst immer noch leicht emp\u00f6rt angesichts dessen, was es da so alles zu lesen gibt. Der alte &#8222;Glaube ans Gedruckte&#8220; \u00fcbertr\u00e4gt sich unbewusst aufs Web und dem entsprechend gro\u00df ist die Frustration: Soviel Schrott, Extremes, Oberfl\u00e4chliches, Hingerotztes &#8211; furchtbar, dieses Internet! Nat\u00fcrlich gibts auch jede Menge Passendes und sogar &#8222;Richtiges&#8220;, aber &#8211; oh Schreck! &#8211; man muss SELBST beurteilen, wem man glaubt und wem nicht. Sich zu orientieren und die vielen Info-Quellen zu filtern und zu beurteilen, ist eine F\u00e4higkeit, die erst gelernt werden muss. Das ist unbequem, braucht Zeit und Befassung, weshalb sich viele damit begn\u00fcgen, das zu kritisieren, was ihnen vorgesetzt wird &#8211; zum Beispiel vom <a href=\"http:\/\/blog.techdivision.com\/die-200-parameter-des-google-algorithmus\/\">Google-Suchalgorithmus<\/a>. <\/p>\n<h2>Mobil machts auch nicht wahrer!<\/h2>\n<p>Indem das Netz mobil wird und das &#8222;Cockpit PC&#8220; als Zugang zum neuen &#8222;Ged\u00e4chtnis der Menschheit&#8220; immer entbehrlicher wird, wird die Situation noch un\u00fcbersichtlicher: Anzeigen auf kleinen Handy-Screens kann noch nicht &#8222;jeder&#8220; selbst erstellen &#8211; aber doch viel mehr Leute als der gemeine Alt-Handy-User gewohnt ist. Zigtausende I-Phone-Apps werden von den Programmierern der Welt schon zum Download angeboten &#8211; und Google macht mit seinem offenen &#8222;Nexus&#8220; der Abschottungs-Strategie von Apple (= es kommt nur ins Angebot, was Apple absegnet) Konkurrenz. Was im Web zu sehen ist, kann in vielerlei Formen auf dem Smart-Handy erscheinen -wird aber durch diesen Transfer nicht etwa WAHRER! <\/p>\n<p>Und so werden zuk\u00fcnftig noch viele Menschen in Sackgassen landen, die an die 100%ige Stimmigkeit ihrer jeweiligen Navis glauben. Die &#8222;Street-View&#8220;, die so viele Vorgartenbesitzer auf die Palme bringt, veraltet verdammt schnell und zeigt falsche Ansichten. Und was als Erl\u00e4uterung zu den Dingen der Welt als Erkl\u00e4rungstext erscheint, ist auch nur das, was irgend jemand mal zu diesem Gegenstand geschrieben hat. Durch Ger\u00e4te und Alghoritmen haben wir nicht etwa ein Abo auf die Wahrheit. Sondern nur einen anderen Zugang zu unserer beschr\u00e4nkten, immer mal wieder fehlerhaften menschlichen Sicht der Dinge. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo die Worte fehlen Schon lange bemerke ich schmerzlich, dass in unserer deutschen Sprache wichtige Worte fehlen. 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