{"id":4358,"date":"2000-07-04T13:33:24","date_gmt":"2000-07-04T11:33:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4358"},"modified":"2024-02-29T13:36:47","modified_gmt":"2024-02-29T12:36:47","slug":"selbstdarstellung-im-web","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/07\/04\/selbstdarstellung-im-web\/","title":{"rendered":"Selbstdarstellung im Web"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Immer wenn ich auf Deine Seiten komme (gestern z.B. im Forum) und dann sehe, wie Du Dich pr\u00e4sentierst, sagt mein erster Reflex: Meine G\u00fcte, ein bisschen selbstdarstellerisch ist sie schon. Auf der anderen Seite: Na und? Es ist pers\u00f6nlich und individuell statt abstrakter Clip-Art. Ich kann dazu nur sagen, dass jede Seite meiner Domains, auf denen ich was \u00dcBER mich schreibe, ein Zugest\u00e4ndnis an die Tatsache ist, dass ICH SELBST auch gerne was vom Menschen sehe &#8211; aber wohl f\u00fchle ich mich nicht dabei&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Besser &#8211; und zudem so freundlich &#8211; k\u00f6nnte man das Spannungsfeld, in dem sich nicht nur meine Art pers\u00f6nlichen Webpublishings bewegt, kaum auf den Punkt bringen! Ich danke dem Schreiber f\u00fcr den guten Aufh\u00e4nger, das Thema hat es in sich: ich sinne ihm denkend, schreibend, publizierend und experimentierend seit Jahren nach.<!--more--><\/p>\n<p>Wenn ich auf einer Website lande und irgend etwas finde, das meinen Besuch auch wert ist, suche ich sofort nach Links wie &#8222;\u00fcber uns&#8220;, &#8222;Impressum&#8220;, &#8222;\u00fcber den Autor&#8220;, &#8222;\u00fcber mich&#8220; oder \u00c4hnliches, das einen Blick hinter die Kulisse verspricht. Finde ich nichts dergleichen oder nur abstrakte Firmen- und Projektnamen mit Adressen wie info@irgendwas.de bin ich leicht beleidigt und ziehe meine Schl\u00fcsse. Ich wei\u00df, da\u00df diese Schl\u00fcsse nicht unbedingt der &#8222;Wahrheit&#8220; entsprechen m\u00fcssen:<\/p>\n<ul>\n<li>aha, hier will sich jemand verbergen, steht nicht zu dem, was er\/sie publiziert<\/li>\n<li>schau an, die haben noch nie was vom Telekommunikationsgesetz mitbekommen, das Name\/Adresse des Herausgebers vorschreibt<\/li>\n<li>Mensch, was muss das f\u00fcr ein \u00e4ngstlicher Sch\u00fcchterling sein, so eine tolle Site zu machen und sich nicht dazu zu bekennen&#8230;. Vielleicht ist er\/sie ja ein schreckliches Monster?<\/li>\n<li>wieder so ein Marketing-Blabla, dessen Verfasser glauben, ihr Gesicht \/ ihre Identity nicht zeigen zu m\u00fcssen, aber mir was verkaufen zu k\u00f6nnen&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Kann alles sein, mu\u00df aber nicht &#8211; trotzdem stehe ich zu meiner Kritik, denn ich erwarte vom Herausgeber einer Website <b>einen bewu\u00dften Umgang mit der M\u00f6glichkeit<\/b>, dass der Besucher solche Schl\u00fcsse zieht. V\u00f6llige selbstdarstellerische Askese ist also immer ein Fehler &#8211; es sei denn, der Charakter der Site fordert sie, wie z.B. eine Fake- oder Netzkunst-Seite.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte etwas vom anderen Menschen sehen &#8211; f\u00fchlt sich aber nicht wohl dabei, sich selber zu zeigen. So war auch mein Einstieg, mein Gef\u00fchl, als ich die ersten Projekte ins Netz stellte: haupts\u00e4chlich Gedichte und Prosatexte anderer, versammelt unter Projektnamen wie &#8222;Human Voices&#8220; und &#8222;Missing Link&#8220;, &#8211; oder N\u00dcTZLICHE Themen, optimal aufbereitet, und irgendwo versteckt, ganz bescheiden im Kleingedruckten: &#8222;Claudia Klinger&#8220;. Dem entsprechend waren auch meine ersten Artikel: verallgemeindernd und abstrahierend, wenig pers\u00f6nlich, so, wie man sie aus Printmedien kennt: pseudo-objektiv, journalistisch. Und nat\u00fcrlich hatte ich keine &#8222;Homepage&#8220;, sowas Furchtbares mit Foto, Hobbys, Verwandten und Freunden, Hund und Hamster, wom\u00f6glich Bilder vom letzten Urlaub&#8230; schauder!!!!! Kopfsch\u00fcttelnd schaute ich auf solche Seiten und f\u00fchlte mich meilenweit dar\u00fcber erhaben.<\/p>\n<p>Das aber ist eine Selbstt\u00e4uschung, der ich mich heute nicht mehr hingebe. Das freiwillige und eingendynamische Webben wirft immer wieder die Fragen auf: WAS? Warum? In welcher Form? Was hat das mit MIR zu tun? Was bringt es MIR?, und man muss schon ganz besonders ignorant sein, um nicht zu bemerken, dass auch die n\u00fctzlichsten Inhalte und ehrenvollsten Projekte (sofern sie nicht dem reinen Broterwerb dienen), ihren letzten Zweck darin finden, seine Majest\u00e4t, das ICH, in den Fokus der Aufmerksamkeit anderer zu bringen. Es kommt nat\u00fcrlich besser und vor allem BEIL\u00c4UFIG &#8218;r\u00fcber, wenn da lobenswerte Leistungen vorgezeigt werden, als wenn man massiv die eigene Person in den Mittelpunkt stellt.<\/p>\n<p>Als ich diese Tatsachen noch nicht sehen wollte, klebte ich mehr oder weniger am Zugriffsz\u00e4hler, verwandte 1996 viel Zeit und Energie darauf, die Abrufzahlen zu steigern, immer im Glauben, das h\u00e4tte mit mir wenig zu tun, sondern ich wolle nur &#8222;dienen&#8220;, den Autoren n\u00e4mlich, die ich da ausstellte, und nat\u00fcrlich den INHALTEN. Welche Einfalt! Als ich bei 200 Zugriffen\/Tag so langsam den Anforderungen nicht mehr nachkam &#8211; Links aktualisieren, immer nette Antworten schreiben, neue Links formulieren &#8211; fragte ich mich endlich, warum ich mir eigentlich diesen Stress machte. Und kam auf die einzig m\u00f6gliche Antwort, siehe oben.<\/p>\n<p>Meine Konsequenz war, nicht mehr soviel von anderen zu bringen, sondern &#8211; wenn schon, denn schon &#8211; MEINE Inhalte zu verwebben. F\u00fcr den Z\u00e4hler arbeitete ich nicht mehr, denn ich hatte gelernt, dass es nur eine Sache geschickter und beharrlicher PR ist, viele Zugriffe zu bekommen &#8211; was soll ich damit? Es sagt ja nichts weiter aus, als dass ich gut PR machen kann &#8211; und DAS ist es nun nicht, weshalb ich &#8222;angeklickt&#8220; werden will. Warum aber dann?<\/p>\n<p>Jetzt treten sie auf, die bekannten Allgemeinpl\u00e4tze wie &#8222;Jeder will geliebt werden&#8220; oder &#8222;Mensch ist Mensch nur unter Menschen&#8220; bis hin zu psychologischen Erkl\u00e4rungen, Erziehung, Kindheit, Konkurrenzgesellschaft, Individualisierung, etc.. Befriedigt mich alles nicht, eine Antwort auf die Frage h\u00e4tte ich erst, wenn das Begehren, das mich treibt, gestillt ist &#8211; dann k\u00f6nnte ich sehen, was die Ursache war. Vor allem w\u00e4re auch die absurde Tatsache aufzukl\u00e4ren, dass ich mich zwar ausdr\u00fccken und bemerkt werden will &#8211; aber es wirklich nicht sch\u00e4tze, im &#8222;Real Life&#8220; auf irgend ein Podium zu treten. Auch dann nicht, wenn der Auftritt erfolgreich abl\u00e4uft. Allgemein mag ich keine Menschenansammlungen und Leute, die &#8211; in welcher Hinsicht auch immer &#8211; hinter mir her sind, treiben mich eher in die Flucht, als dass ich daran Freude h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Inhalt &amp; Ich<\/b><\/p>\n<p>Da ich nun schon bereit war, anzuerkennen, dass ich &#8222;mich&#8220; zeigen wollte, stellte sich doch deutlicher die Frage: Was ist das Ich? Zu welchen &#8222;Inhalten&#8220; kann ich sagen: Das ist meins, das bin ich, das stell&#8216; ich aus auf der Domain www.claudia-klinger.de? Dass diese Domain \u00fcberhaupt existiert, ist schon die Folge der Einsicht, dass es KEINE Inhalte gibt, mit denen ich mich absolut identifiziere. Vorher hatte ich alle drei Monate ein neues Projekt, immer mit voller Begeisterung: DAS IST ES JETZT! Und wenig sp\u00e4ter begann es, mich zu langweilen: warum sollte ich immerzu die selbst geschaffenen Schubladen meiner Vergangenheit bedienen?<\/p>\n<p>Das Webdiary als formlose Form des Publishing hatte ich in einer Phase kennengelernt, als ich mir das Rauchen abgew\u00f6hnen wollte (3 Monate hat&#8217;s gedauert) und dazu t\u00e4glich ein Nichtraucher-Diary schrieb, um daraus Kraft und Stabilit\u00e4t f\u00fcr das Gift-freie Dasein zu ziehen. Kurz nachdem ich das Thema Rauchen totgeschrieben und das Diary beendet hatte, qualmte ich wieder wie ein Schlot &#8211; und startete das &#8222;Digital Diary&#8220;: Endlich eine B\u00fchne, deren Kulissen ich nicht dauernd verschieben muss, ein Theaterst\u00fcck, dass nicht alle paar Wochen einen neuen Namen braucht, weil meine Interessen und Vorlieben sich wieder einmal ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>INHALT des Diarys ist &#8211; wie Ihr wi\u00dft &#8211; alles und nichts. Mehr noch: wenn ich mal zur\u00fccklese, kann ich leicht sehen, dass zu vielen Themen die Gedanken und Gef\u00fchle wechseln wie das Wetter &#8211; manchmal auch MIT dem Wetter. Allein die Tatsache, dass all dieser Wust aus mir heraus auf Webseiten quillt, dass ich mich also schreibend als AUTORIN (auto: griech: &#8222;Selbst&#8220;) generiere, das blosse &#8222;Ursache sein&#8220; scheint zu gen\u00fcgen. Doch halt, nicht ganz: das jeweils in die Welt Ausgegossene muss m\u00f6glichst dicht dran sein an der &#8222;Wahrheit&#8220;, wie ich sie im Augenblick als meine Wahrheit erlebe &#8211; immerhin! Aber was heisst das schon, wenn ich doch keinen Tag diesselbe bin? Und mich nicht mal anstrenge, das zu verbergen, um wenigstens einen &#8222;stringenten Eindruck&#8220; zu machen?<\/p>\n<p>Warum um Himmels Willen w\u00fcnsche ich also, dass etwas bemerkt wird, von dem ich selber nicht weiss, was es ist?<\/p>\n<p>Lacan sagte: &#8222;Das Begehren begehrt das Begehren des Anderen&#8220;. Eine sch\u00f6ne Formulierung, die das R\u00e4tsel auf den Punkt bringt, aber nicht aufkl\u00e4rt. Begehre mich &#8211; aber bleib mir vom Leib, jede Konkretisierung w\u00e4re eine L\u00fcge und w\u00fcrde zur Fessel werden.<\/p>\n<p>Ich werde weiter experimentieren. Warum sollte nicht auch Webdesign &amp; Publishing ein Weg zur Selbst- und Welterkenntnis sein?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Immer wenn ich auf Deine Seiten komme (gestern z.B. im Forum) und dann sehe, wie Du Dich pr\u00e4sentierst, sagt mein erster Reflex: Meine G\u00fcte, ein bisschen selbstdarstellerisch ist sie schon. Auf der anderen Seite: Na und? Es ist pers\u00f6nlich und individuell statt abstrakter Clip-Art. 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