{"id":4356,"date":"2000-06-30T13:07:43","date_gmt":"2000-06-30T11:07:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4356"},"modified":"2024-02-29T13:29:14","modified_gmt":"2024-02-29T12:29:14","slug":"consumed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/30\/consumed\/","title":{"rendered":"Consumed"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Du suchst Musik, die dich ber\u00fchrt?&#8220; hatte er gefragt. Ja, und ich bin es lange schon satt, mir f\u00fcr&#8217;s &#8222;ber\u00fchrt werden&#8220; zehn bis 25 Jahre abgehangene Oldies anh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Sentimentale Besuche in den Sound-Museen der eigenen Vergangenheit langweilen mich. Selbst wenn ich niemals davon loskomme, wie ein Automat auf St\u00fccke wie &#8222;I &#8218;ve got life&#8220; (aus dem Musical &#8222;Hair&#8220;) oder &#8222;Avalance&#8220; von Leonard Cohen mit einchl\u00e4gigen Gef\u00fchlen zu reagieren, \u00f6det es mich doch schon an, w\u00e4hrend es geschieht. Also lebe ich seit den Zeiten der neuen deutschen Welle mangels Alternative in musikalischer Stille.<!--more--><\/p>\n<p>Was ich gerade h\u00f6re, heisst &#8222;Consumed&#8220; und ist von &#8222;plastikman&#8220; &#8211; tja, die Worte laden dazu ein, weiter zu schreiben: Und so h\u00f6rt es sich auch an&#8230; Das w\u00e4re allerdings eine Verf\u00e4lschung um des L\u00e4sterns willen, die vielleicht in den SPIEGEL passt, aber nicht in Mymedium, wo es mehr um den aufrechten Gang geht als um die Effekte.<\/p>\n<p>Der eher metallisch als plastikhaft klingende Sound, der sich hier rundum entfaltet und diese miese PC-Anlage bei weitem \u00fcberfordert, ist mir nicht v\u00f6llig fremd. Immerhin. Ich hatte mit allem gerechnet. Wer bereitwillig Musik-Favoriten von deutlich j\u00fcngeren Menschen ausprobiert, kann auch schwer auf den Bauch fallen, sich Ohr und Gem\u00fct nachhaltig besch\u00e4digen (meine Eltern haben das zu meiner Musik auch gesagt, nur weit weniger h\u00f6flich).<\/p>\n<p>Was hier t\u00f6nt, ist wieder einmal der beruhigende Sound der Maschine, den ich bei Kraftwerk, Mike Oldfield und in manchen New-Age-St\u00fccken kennen lernte &#8211; damals allerdings noch mit allerlei herzergreifenden Melodien versetzt. Im Techno hat sich die Musik ganz vom Herzen emanzipiert, in die unendlichen M\u00f6glichkeiten des Sound-Mixens vervielf\u00e4ltigt, nur noch einzuordnen in verschiedene &#8222;Richtungen&#8220; durch die Anzahl der Beats per Second. Zum Eingew\u00f6hnen f\u00fcr Over40s ist &#8222;Trance&#8220; als langsamste Variante sicher das Mittel der Wahl &#8211; man bekommt mehr vom Geist der Musik mit als bei den schnellen Formen, die den K\u00f6rper so gewalt\u00e4tig ergreifen und v\u00f6llige Unterwerfung verlangen.<br \/>\n<strong>\u00a0<\/strong><br \/>\n<strong>Was ist nun mit diesem Geist?<\/strong> Er ist gerade dadurch am besten beschrieben, da\u00df er eben vom Herzen wegf\u00fchrt. Und zwar nicht panisch oder aufgeregt, voll schierem Entsetzen \u00fcber das Leiden, sondern eher aus coolem \u00dcberdruss, aus Langeweile im Rad der ewigen Wiederkehr. Wir wissen ja so viel &#8211; aber wir k\u00f6nnen trotzdem nicht heraus. Ist das Kreisen in den Wissenswelten also alles?<\/p>\n<p>Nein, aber der Austritt kostet dich den Austretenden, das wu\u00dften Mystiker schon immer. Techno ist eine L\u00f6sung auf Zeit, Samadhi on demand, insoweit ich eben willens und f\u00e4hig bin, mich darauf einzulassen. Dieser Sound erz\u00e4hlt keine Geschichten und strebt nichts an. Wenn etwas Treibendes aufkommt, so ist es eher Tanz als Kampf. In jedem Fall verlockt es, zu vergessen, jegliche Spannung zwischen innen &amp; aussen, alle Spaltung, die durch Gedanken ins Leben tritt, zu verabschieden. Und tsch\u00fcss!<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt das nicht leicht. Ich f\u00fchle den Sog, der von den kreativ gesetzten Sounds, den seltsamen Ger\u00e4uschen und den mit Monotonie &amp; Aufmerksamkeit spielenden Rhytmen ausgeht. Es zieht gleichzeitig hinunter und hinauf, zur Basis allen Lebens, zum geradezu vegetativ-ekstatischen Sex, und zum reinen Geist, insofern Geist mit einem Stein oder einem Kristall verglichen werden kann.<\/p>\n<p>Doch ich will nicht mit. Ich verweigere regelm\u00e4\u00dfig das Paradies, nicht nur in der Trance-Musik. Obwohl ich diese Sehnsucht immer sp\u00fcre, gehe ich doch nicht weiter. Ich m\u00fc\u00dfte das &#8222;ich denke&#8220;, &#8222;ich erlebe&#8220; loslassen. Und das ist offenbar nicht drin, ich bleibe lieber im Sumpf von Freud &amp; Leid und schreibe dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Morgen h\u00f6r&#8216; ich in die andere CD, es waren ZWEI Favoriten&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Du suchst Musik, die dich ber\u00fchrt?&#8220; hatte er gefragt. Ja, und ich bin es lange schon satt, mir f\u00fcr&#8217;s &#8222;ber\u00fchrt werden&#8220; zehn bis 25 Jahre abgehangene Oldies anh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Sentimentale Besuche in den Sound-Museen der eigenen Vergangenheit langweilen mich. 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