{"id":4355,"date":"2000-06-28T13:04:53","date_gmt":"2000-06-28T11:04:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4355"},"modified":"2024-02-29T13:07:27","modified_gmt":"2024-02-29T12:07:27","slug":"mensch-ein-raubtier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/28\/mensch-ein-raubtier\/","title":{"rendered":"Mensch: ein Raubtier?"},"content":{"rendered":"<p>Connie schrieb zum gestrigen Diary-Eintrag, in dem ich die Abschaffung der gesellschaftlichen Formen und Rituale bedauerte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Tja, das ist ein Punkt, an dem ich herumzuknapsen habe und der mich sehr besch\u00e4ftigt. Wir wollten die H\u00f6flichkeitsfloskeln und das Verlogene dabei abschaffen und nun stellen wir (oder zumindest ich) fest, da\u00df dabei die H\u00f6flichkeit selbst, n\u00e4mlich der Respekt vor dem Anderen, vor der W\u00fcrde und der Einmaligkeit des Anderen, vor der Unverletzlichkeit des Anderen, wenn er vielleicht gerade einmal schwach ist, auf der Strecke geblieben ist. Aus dem Muff, der unter den Talaren steckte oder in der Gesellschaft herrschte, ist ein obsz\u00f6nes, aggressives Klima, angeheizt von RTL und Konsorten, geworden und deren Einflu\u00df auf die Befindlichkeit der Menschen erscheint mir fast noch gef\u00e4hrlicher und heftiger als der Einflu\u00df des guten alten Axel Springer damals&#8230; Ist dieser Raubtier-Charakter, der sich \u00fcberall zeigt, das WAHRE, das ECHTE? Dann Gute Nacht!&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Connies &#8222;wir&#8220; meint die 68er, die das miefige Nachkriegsdeutschland in den Grundfesten ersch\u00fcttert und unsere Kultur gepr\u00e4gt haben, wie keine andere Generation. 1968 war ich gerade mal 14, aber voll begeistert von dem, was um mich herum vorging. Vom Politischen verstand ich nichts, doch merkte ich, da\u00df Eltern und Lehrer einen echten Machtverlust erlitten: das reichte mir, um mich zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen, ich probte den allgegenw\u00e4rtigen Protest in der Schule und registrierte mit Freude, dass (fast) alle Lehrer weisse Fahnen schwenkten und nur noch taten, was wir f\u00fcr gut befanden. Eine irre Zeit!<\/p>\n<p>Die Polit-Szene war zu alt und zu ernsthaft f\u00fcr mich, ich fand meine kulturelle und ideologische Heimat bei den Hippies: Free Love, Peace &amp; Happyness, Bewu\u00dftseinserweiterung durch interessante Drogen, Ordnung nein danke! Wir waren die erste Spa\u00df-Generation, Kinder der 70ger, \u00fcber die ich gerade las (leider vergessen, wo), sie seien die Generation, die schon immer zu klug war, um an irgend etwas richtig zu glauben. Das ist zwar \u00fcberspitzt gesagt, hat aber einen Kern von Wahrheit. Schlie\u00dflich war alles schon vorgedacht, als wir aus der Kindheit auftauchten, wir mu\u00dften uns bloss unsere Rollen aussuchen und da weitermachen, wo die 68er schon viel erreicht hatten. Wo man aber nicht selber das Neue erfindet und erk\u00e4mpft, entsteht auch keine tiefe eigene \u00dcberzeugung: Kein Problem, auch mal wieder umzudenken und andere Rollen auszuprobieren, wenn es ungem\u00fctlich wird.<\/p>\n<p>68er-Bashing ist heute in, was niemanden wundern mu\u00df, denn jede Jugend wendet sich gegen ihre Eltern: aufgewachsen unter stetem &#8222;Traurigw\u00fctendundbetroffensein&#8220; \u00fcber Dinge, die nur medial vermittelt, aber im Alltag nicht konkret erfahrbar sind, wendet man sich ab von den ewigen Kritikern und Bedenkentr\u00e4gern, die in jeder Suppe ein Haar finden, anstatt die Welt positiver M\u00f6glichkeiten aktiv zu gestalten. Das kann ich als &#8222;Zu-sp\u00e4t-Gekommene&#8220; noch gut verstehen, da ich zu einem durchpolitisierten Alltag auch nie willens und f\u00e4hig war. Doch bin ich andrerseits alt genug, um zu wissen, da\u00df &#8222;das Feld positiver M\u00f6glichkeiten&#8220; in diesem Land erst durch die 68er entstanden ist. (Unzufrieden, wie sie nun mal sind und bleiben, k\u00f6nnen sie sich nat\u00fcrlich nicht freuen, dass ihre Kinder es jetzt besser haben&#8230;:-)<\/p>\n<h2>Die Wahrheit?<\/h2>\n<p>&#8222;Ist dieser Raubtier-Charakter, der sich \u00fcberall zeigt, das WAHRE, das ECHTE? Dann Gute Nacht!&#8220;, schreibt Conny und bezieht sich damit auf ein Essential, eine grundlegende Denkfigur der 68er: Der Mensch ist AN SICH gut und wird nur b\u00f6se durch \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse, durch Medien, durch die Gesellschaft, das System, das Patriarchat, den internationalen Kapitalismus. Im Kampf gegen diese \u00e4u\u00dferen Bedingungen ereignet sich der Fortschritt hin zum Reich der Freiheit, in dem dann alle friedlich und solidarisch miteinander umgehen werden, weil nichts sie mehr auf schlechte Gedanken bringt.<\/p>\n<p>Falsch! Wie konnten diese \u00e4u\u00dferen Bedingungen je zustande kommen, w\u00e4ren da nicht Menschen, die sie so und nicht anders angerichtet haben? Wie k\u00f6nnte ein Medium mit Horror, Gewalt und dummdreistem Nonsens \u00fcberleben, w\u00e4re da nicht die Zielgruppe, die f\u00fcr die Quote sorgt? Die Antwort der 68er w\u00e4re das &#8222;falsche Bewu\u00dftsein&#8220; der Massen, das auch wieder durch DAS SYSTEM generiert wird &#8211; eine Katze, die sich in den Schwanz beisst und so als reine, wenn auch gut gemeinte, Ideologie entlarvt.<\/p>\n<p>Ein Punkt &#8211; jetzt mal direkt an die 68er gesprochen &#8211; scheint mir an dieser &#8222;Denke&#8220; besonders fatal: Der Impuls, der Euch in Bewegung versetzte, war das Schweigen der \u00c4lteren, das dr\u00f6hnende Schweigen der Mitl\u00e4ufer und der Beteiligten an den Nazi-Verbrechen. All dieses Furchtbare war k\u00fcrzlich geschehen, doch niemand sprach dar\u00fcber. Ihr wolltet ihnen die Masken von den steinernen Gesichtern reissen und sie zur Verantwortung ziehen. Alle Achtung! Das mu\u00dfte getan werden, je fr\u00fcher desto besser.<\/p>\n<p>Aber: Habt Ihr ihnen nicht gleichzeitig durch Euer einseitiges Menschenbild die Rechtfertigung geliefert, nach der sie suchten? Wenn der Mensch AN SICH gut ist, ist niemand schuld &#8211; nicht wir, Adolf Hitler ist es gewesen und auch der war ja nur Opfer seiner Erziehung und der &#8222;gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse&#8220;&#8230;<\/p>\n<p>Das Raubtier ist in uns, da hab&#8216; ich keinen Zweifel. Mensch ist gerade dadurch Mensch, dass alle G\u00f6tter UND alle Teufel in ihm (und ihr!) versammelt sind. W\u00fcrde, Verantwortung, Achtung &#8211; all diese Begriffe ergeben nur Sinn, wenn da ein Zwiespalt ist, wenn es in den jeweiligen Handlungen eine Wahl, eine Entscheidung f\u00fcr oder gegen das Raubtier gibt. Wenn wir intellektuell redlich sind, m\u00fcssen wir sogar zugestehen, dass das Raubtier unverzichtbar ist, solange die Welt &#8222;fortschreitet&#8220;. Woher sonst k\u00e4me die Motivation und Energie, sich mit eigenen Ideen und Interessen durchzusetzen und daf\u00fcr auch gegen andere (Ihr w\u00fcrdet sagen: das Bestehende) zu k\u00e4mpfen? Wir neigen dazu, die jeweils eigenen Interessen als das &#8222;Gute, Wahre &amp; Sch\u00f6ne&#8220; schlechthin darzustellen, weil wir uns dabei besser f\u00fchlen. Die &#8222;Ich-Generation&#8220; hat das nicht mehr n\u00f6tig, weshalb es f\u00fcr uns manchmal so aussieht, als werde &#8222;das Raubtier&#8220; erst jetzt neu geboren.<\/p>\n<p>So pflegt jede Generation ihre Illusionen und beeinflu\u00dft unbewu\u00dft ihre Nachkommen in die gerade NICHT gewollte Richtung. Ich denke, auch das, was heute l\u00e4uft, ist nicht DIE WAHRHEIT. Mensch wird den Kult des Ego genauso satt bekommen, wie das &#8222;traurigw\u00fctendundbetroffensein&#8220;. Vielleicht werden die Kinder der Spa\u00df-Generation zum Entsetzen ihrer Eltern auf den Konsumismus scheissen, alles Oberfl\u00e4chliche einschlie\u00dflich Outfit, Body-Styling, Aktiendepot und Kontostand verachten und auf ihre Weise nach dem Wichtigen und WAHREN suchen.<\/p>\n<p>Was bleibt, sind vermutlich die schwarzen Klamotten. :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Connie schrieb zum gestrigen Diary-Eintrag, in dem ich die Abschaffung der gesellschaftlichen Formen und Rituale bedauerte: &#8222;Tja, das ist ein Punkt, an dem ich herumzuknapsen habe und der mich sehr besch\u00e4ftigt. 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