{"id":4352,"date":"2000-06-28T12:58:27","date_gmt":"2000-06-28T10:58:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4352"},"modified":"2024-02-29T13:00:43","modified_gmt":"2024-02-29T12:00:43","slug":"draussen-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/28\/draussen-sein\/","title":{"rendered":"Draussen sein"},"content":{"rendered":"<p>Je l\u00e4nger ich in den Netzen lebe, desto mehr geraten Ausfl\u00fcge ins &#8222;Real Life&#8220;, gelegentliche Bewegungen durch den physischen Raum zu Besuchszwecken, zu Expeditionen in eine seltsame Anderwelt. Dabei w\u00e4chst einerseits meine Wertsch\u00e4tzung nicht-medial vermittelter menschlicher Kontakte: Sich ungesch\u00fctzt und ohne Wahl jenseits jeder Notwendigkeit zu begegnen, ist alleine schon ein Ereignis, das zum feiern einl\u00e4dt. Man liefert sich freiwillig einer Situation aus, die nicht jederzeit &#8222;gecancelt&#8220; werden kann, wie all die Dinge, die ich t\u00e4glich am Bildschirm herbei und wieder weg-klicke. Das allein ist schon eine Liebeserkl\u00e4rung an den Mitmenschen, allerdings eine, die nur von denjenigen verstanden wird, die ihre Tage lange schon aus freien St\u00fccken im k\u00fchlen Schein der Monitore verbringen.<!--more--><\/p>\n<p>Im Regelfall treffe ich auf eine Anzahl disparater Monaden, physisch zwar im selben Raum versammelt, doch in ihren je individuellen Welten so verschieden, da\u00df noch nicht einmal ein Umeinander-Kreisen in gro\u00dfem Abstand m\u00f6glich ist, wie es die Planeten im Sonnensystem ohne Stress und Krafteinsatz zustande bringen. Die Abwesenheit aller Formen und gemeinschaftlichen Rituale, zwiesp\u00e4ltiges Erbe der 68er Kulturrevolution, versch\u00e4rft das Empfinden der Unverbundenheit noch. Man gibt sich aufgeschlossen &#8211; aber f\u00fcr WAS? Man wandert herum, spricht ein paar S\u00e4tze hier und ein paar Worte da &#8211; ist das nun zuviel oder zuwenig? Im Zweifel hilft der Alkohol, dem auf den meisten &#8222;Festen&#8220; entschlossen zugesprochen wird. Anders als Haschisch vertreibt er diese Wahrnehmungen, wahlweise helfen Bildschirme, die Blicke zumindest \u00e4u\u00dferlich in diesselbe Richtung zu lenken, auf ein Fu\u00dfballfeld, zum Beispiel.<\/p>\n<h2>Aus der Ferne bin ich den Menschen n\u00e4her.<\/h2>\n<p>In jungen Jahren treiben die Hormone zum Anderen &#8211; bis Mitte 30 war ich s\u00fcchtig nach Menschen, nie zuhause und nie allein; meine Wohnung ein reiner Schlafplatz, manchmal auch B\u00fchnenbild f\u00fcr sorgf\u00e4ltig inszenierte Gelegenheiten, wenn ich einen bisher Fremden verf\u00fchren wollte. Ich erwartete alles Gl\u00fcck, alle Liebe und Erkenntnis, alles Wunderbare und Abenteuerliche vom ANDEREN, mit dem ich am liebsten verschmelzen wollte in eine letzte Einheit ohne alle Trennungen und Zweifel. Oh heilige Naivit\u00e4t! Es brauchte viele schmerzliche Ent-T\u00e4uschungen bis meine Traumwelten endlich unsanierbar in Tr\u00fcmmern lagen und ich einsah, da\u00df der M\u00e4rchenprinz genauso wenig existiert, wie ich selber als &#8222;M\u00e4rchenprinzessin&#8220; zur Verf\u00fcgung stehe. Sch\u00f6n wars trotzdem und immer intensiv &#8211; doch sehne ich mich nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Formlose Treffen ohne jede bewu\u00dfte Inszenierung von Gemeinsamkeit suche ich heute nur noch selten auf. Die Erfahrung der Leere mach&#8216; ich lieber alleine. Dann ist sie das Geheimnis der Welt, aus dem die F\u00fclle kommt, der Raum der Freiheit. Sozial gesehen wirkt sie dagegen immer als Defizit, mit Ausnahme der seltenen Gelegenheiten, die ein gemeinsames Gewahrsein der Leere erm\u00f6glichen &#8211; und das sind immer bewu\u00dfte Inszenierungen.<\/p>\n<p>Wer trifft wen im &#8222;Real Life&#8220;? Treffen da noch Subjekte aufeinander, die sich \u00fcber Objektives verst\u00e4ndigen und verbinden k\u00f6nnen? Nein, diese Vorstellung trifft nicht mehr: Wir sind zersplittert in unendlich vielschichtige Ebenen, wo sich Individuelles punktuell miteinander vernetzt und verwebt. Wir lernen, Knoten zu kn\u00fcpfen und das Netz auf m\u00f6gliche Ankn\u00fcpfungspunkte zu scannen. Verbunden mit TEIL-Aspekten anderer Netzgeister kreieren wir spielerisch neue Formen, projizieren Gedanken und Gef\u00fchle hinaus in die Leere, um dem Tod etwas entgegenzuhalten, um ein bi\u00dfchen SINN zu machen. Wir sind verteilte Systeme, niemand wei\u00df mehr genau, wo der Andere beginnt.<\/p>\n<p>Die fluktuierende Ordnung der Beziehungen, die so aus dem Chaos entsteht, bewu\u00dft und manchmal kunstvoll komponiert von den Beteiligten hinter filternden Interfaces, findet im physischen Raum keine Entsprechung mehr. Dort sind wir Touristen, die einen Reisef\u00fchrer brauchen, der sagt: &#8222;Und hier sehen Sie einen Dorfplatz, fr\u00fcher einmal eine St\u00e4tte sozialer Begegnungen, bevor Ende des 20. Jahrhunderts die Shoppingmall eingef\u00fchrt wurde.&#8220; Oder einen Schamanen, der uns in Rituale hineinf\u00fchrt, die aus dem Nichts ein Bedeutungsnetz schaffen, das f\u00fcr kurze Zeit, f\u00fcr ein paar Augenblicke das Wunder des Zusammenseins sp\u00fcrbar werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Nein, das ist KEINE Klage. Nur wer zwischen hier &amp; dort schwankt, wer ganz DA und immer auch ganz DORT sein will, wird von der Unm\u00f6glichkeit zerissen. Ich schwimme lieber fr\u00f6hlich im Feld der M\u00f6glichkeiten, wenn das auch bedeutet, auf Realisierungen zunehmend zu verzichten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je l\u00e4nger ich in den Netzen lebe, desto mehr geraten Ausfl\u00fcge ins &#8222;Real Life&#8220;, gelegentliche Bewegungen durch den physischen Raum zu Besuchszwecken, zu Expeditionen in eine seltsame Anderwelt. 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