{"id":4351,"date":"2000-06-23T12:55:36","date_gmt":"2000-06-23T10:55:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4351"},"modified":"2024-02-29T12:58:23","modified_gmt":"2024-02-29T11:58:23","slug":"wenigerwerden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/23\/wenigerwerden\/","title":{"rendered":"Weniger werden"},"content":{"rendered":"<p>Seit Anfang Mai bin ich schwer geschrumpft: Sieben Kilo weniger trage ich mit mir herum. Das ist eine ganze Menge, man stelle sich das mal in Form von Briketts vor! Manchmal gehe ich herum, springe ein bi\u00dfchen auf und nieder und wundere mich, wie LEICHT sich das auf einmal anf\u00fchlt.<!--more--><\/p>\n<p>Nein, ich mache KEINE Di\u00e4t. Abgesehen davon, da\u00df mir dazu immer schon die Selbstdisziplin fehlte (ein paar Tage, aber dann&#8230;), sehe und lese ich ja \u00fcberall, wie wenig erfolgreich das &#8222;wissenschaftliche&#8220; Abnehmen ist. Da vertiefen sich die Leute in Set-Point und BMI, Fettmasse und Muskelmasse, Kalorien und &#8222;unverzichtbare&#8220; N\u00e4hrstoffe, proben verschiedene GESUNDE Ern\u00e4hrungen, z\u00e4hlen und bewerten den t\u00e4glichen Input, forschen \u00fcber das richtige Verh\u00e4ltnis zwischen Di\u00e4t und Sport, verschlingen B\u00fccher, die alle etwas Unterschiedliches empfehlen und ber\u00fccksichtigen Erkenntnisse, die erfahrungsgem\u00e4\u00df alle paar Jahre wechseln. Leiden dann am &#8222;Jojo-Effekt&#8220;, der nach der Di\u00e4t mehr Kilos drauf schafft als vorher &#8211; oder sind st\u00e4ndig in einer asketischen Bem\u00fchung begriffen, das eigene Gewicht &#8222;im Griff&#8220; zu halten.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, da\u00df ich mich nicht &#8222;in den Griff&#8220; bekomme &#8211; wer sollte da auch wen festhalten? Wenn ich \u00fcbergewichtig bin, ist das der aktuelle und WAHRE Ausdruck meiner Haltung gegen\u00fcber dem Leben. Unz\u00e4hlige, zu gro\u00dfen Teilen unbewu\u00dfte Regelmechanismen greifen auf der psychisch-physischen Ebene ineinander und erzeugen ein bestimmtes E\u00dfverhalten, dessen Folgen sich dann als Gewicht messen lassen. Das zuviel essen selbst ist schon FOLGE anderer, komplex vernetzter, letztlich un\u00fcberschaubarer Ursachen, es liegt also auf der Hand, da\u00df ein Eingreifen am Ende der Ursachenkette sehr m\u00fchevoll ist und nichts wirklich ver\u00e4ndert. Was habe ich schon von einem &#8222;Wunschgewicht&#8220;, das mich den ganzen Tag auf Trab h\u00e4lt? Wie oft habe ich doch schon mitbekommen, da\u00df Leute ABNEHMEN, dabei aber in Gedanken stets um&#8217;s essen kreisen: der richtige Zeitpunkt, die richtige Menge und Zusammensetzung, die gesunden und kalorienarmen Rezepte &#8211; man klebt fest und klebt immer weiter am ESSEN, ESSEN, ESSEN.<\/p>\n<p>Wie hat es sich also ver\u00e4ndert? Vorausgegangen ist eine Phase des bewu\u00dften Fressens. Zu Ende des Winters stellte ich fest, da\u00df meine Besuche am K\u00fchlschrank h\u00e4ufiger geworden waren, da\u00df ich selbst beim Tanken nicht vor dem Einschieben von Schokoriegeln und Minisalamis zur\u00fcckschreckte (f\u00fcr mich einer der Gipfel verr\u00fcckten Fre\u00dfverhaltens!) und da\u00df das abendliche Kochen mehr und mehr zum lustvollen H\u00f6hepunkt des Tages geriet. Ich beobachtete diese seltsame Gier, die nach immer neuen Geschmackserlebnissen verlangt und auch nach einer gewissen MENGE an stofflichem Input, ohne die ein Gef\u00fchl der LEERE eintritt, das sich im Zustand der Sucht unangenehm anf\u00fchlt. (Ja klar ist das Sucht, was sonst?)<\/p>\n<p>Trotzdem kam ich nicht auf den Gedanken, etwas zu &#8222;unternehmen&#8220;. Lange schon war ich daran gew\u00f6hnt, nicht dem schlanken Sch\u00f6nheitsideal zu entsprechen und hatte keine Probleme, mein nicht geringes Selbstbewu\u00dftsein aus anderen Bereichen zu ziehen. Doch erreichte ich so langsam ein Grenzgewicht, an dem das ganze zum sp\u00fcrbaren Leiden wird: mensch f\u00fchlt sich tr\u00e4ge, jede Bewegung wird zur Last, die Klamotten spannen, Yoga-\u00dcbungen sind mit zunehmender Leibesf\u00fclle ein beschwerliches Unternehmen. Auch ohne eine Waage zu befragen, steht pl\u00f6tzlich das GEWICHT im Bewu\u00dftsein, es tut auf einmal weh.<\/p>\n<p>Leiden ist, soviel ich heute wei\u00df, eine Voraussetzung f\u00fcr Ver\u00e4nderung, aber noch kein hinreichender Grund. Die Suchtstruktur ist ja gerade darauf angelegt, auf \u00fcble Empfindungen und Gef\u00fchle immer mit einem MEHR an Suchtverhalten zu reagieren: so ein sch\u00f6nes italienisches Essen vertreibt doch auf die Schnelle jede Mi\u00dfstimmung. Zucker und Fett sind nat\u00fcrliche Psychopharmaka, v\u00f6llig legal und leicht zu beschaffen.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise wurde es auf einmal Fr\u00fchling. Mein erster Fr\u00fchling auf dem Land &#8211; alles um mich her explodierte geradezu, erwachte, \u00f6ffnete sich, verf\u00fchrte mit aufregenden D\u00fcften, schmeichelnder W\u00e4rme, schwellenden Formen und farbigen Bl\u00fcten. Prickelnde Gef\u00fchle und Empfindungen erreichten mich von allen Seiten. Das tr\u00e4ge Beharren auf dem gut verpackten, praktisch &#8222;abgedichteten&#8220; Status Quo, auf dem sich meine K\u00f6rperlichkeit h\u00e4uslich eingerichtet hatte, geriet unter Druck. Ich reagierte auf diesen Druck, indem ich erstmal ein anderes Suchtmittel einsetzte und betrank mich einige Male bis zum Anschlag. Versuchte, auf diese &#8218;unvern\u00fcnftige&#8216; Weise die intensive Lebendigkeit mitzuerleben, die um mich herum ausgebrochen war.<\/p>\n<p>Mit Mitte 40 ist das kein reiner Spa\u00df mehr und ganz sicher keine Dauerl\u00f6sung. Am Tag nach einem Fest bei den Nachbarn, von dessen Ausgang ich nicht mehr viel wu\u00dfte, f\u00fchlte ich mich derart niedergeschmettert, da\u00df ich den Alkohol f\u00fcrs erste aus meinem Leben verabschiedete. Gegen Mittag fand ich zwar zu den \u00fcblichen Zigaretten und zum Kaffee zur\u00fcck &#8211; doch den Appetit hatte es mir gewaltig verschlagen! G\u00e4nzlich &#8218;ungesund&#8216; folgte ich weiter meinen Empfindungen, a\u00df an diesem Tag \u00fcberhaupt nichts mehr und verbrachte auch die n\u00e4chsten Tage praktisch fastend. Ich war k\u00f6rperlich und psychisch schwach und v\u00f6llig leer &#8211; und in diese Leere str\u00f6mte nun ungehindert der Fr\u00fchling, die hemmungslosen sexuellen Impulse der Natur.<\/p>\n<p>Jetzt setzte das Denken ein: Wenn ich mich nicht weiter dicht machen wollte, mu\u00dfte ich Formen finden, das Leben diesseits des Monitors und der Gutenberg-Galaxis lustvoller zu genie\u00dfen &#8211; speziell dem K\u00f6rper mehr Spielraum geben. Ich ging in die Sauna, zum Friseur, sogar zu einer Kosmetikerin, die mich mittels einer Gesichtsmassage in angenehmste Trance versetzte. Stieg aufs Fahrrad und fuhr t\u00e4glich eine Runde durch bl\u00fchende Wiesen und gr\u00fcnende Felder, fuhr in die Stadt und schlenderte durch die Shopping-Malls, erfreute mich an den vielf\u00e4ltigen Eindr\u00fccken und fand sogar einen Strand ganz in der N\u00e4he, an dem ich nun oft meine Pausen verbringe. Auch gegen\u00fcber Menschen bin ich offener geworden: das Ereignis des Zusammenseins ist mir wieder wichtiger als m\u00f6gliche &#8222;Zwecke&#8220;.<\/p>\n<p>Nach den Tagen ganz ohne essen stellte ich fest, da\u00df nun schon recht wenig &#8222;Input&#8220; ausreichte, um an die Grenze eines V\u00f6llegef\u00fchls zu geraten, das ich auf einmal als unangenehm empfand. Der Magen war auf Normalma\u00df geschrumpft und alles, was ich &#8222;tun&#8220; mu\u00df, ist, darauf zu achten, nicht derart in Gedanken versunken zu essen, da\u00df ich diesen Punkt unbemerkt \u00fcberschreite.<\/p>\n<p>Das ist alles. Der Fr\u00fchling ist zum Sommer geworden und noch immer werde ich weniger. Bin mal gespannt, wohin das f\u00fchrt und wo es dann aufh\u00f6rt. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Anfang Mai bin ich schwer geschrumpft: Sieben Kilo weniger trage ich mit mir herum. Das ist eine ganze Menge, man stelle sich das mal in Form von Briketts vor! 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