{"id":4350,"date":"2000-06-22T12:53:22","date_gmt":"2000-06-22T10:53:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4350"},"modified":"2024-02-29T12:55:32","modified_gmt":"2024-02-29T11:55:32","slug":"wollen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/22\/wollen-koennen\/","title":{"rendered":"Wollen &#038; K\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Reiss Dich zusammen!&#8220;, ermahnte mich meine Mutter vor vielen Jahren, wenn ich ihr w\u00fctend erz\u00e4hlte, warum der Deutschunterricht v\u00f6llig \u00f6de, der Lehrer doof und die aufgegebene Hausarbeit wirklich DAS LETZTE sei. Ihre Worte waren in den Wind gesprochen, &#8222;zusammenreissen&#8220; war definitiv nicht mein Ding, ich sah es einfach nicht ein, absurde Aufgaben erledigen zu sollen, weil sie der Lehrplan nun mal forderte. Statt dessen versammelte ich den Unmut der ganzen Klasse und gemeinsam brachten wir unsere Kritik zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort vor &#8211; ach ja, wir waren kein Spa\u00df f\u00fcr die damaligen Lehrer, es war Anfang der 70ger und ihre &#8222;Macht&#8220; seit &#8217;68 deutlich geschrumpft.<!--more--><\/p>\n<p>Nach dem Abi tourte ich durch verschiedene Jobs, vor allem bei Beh\u00f6rden, wo mir mein Vater, Angestellter im Statistischen Bundesamt, Eingang verschaffte. In der Zentralkartei des Bundeskriminalamts verbrachte ich vier Monate zwischen alten M\u00e4nnern, die seit 20 Jahren nichts anderes taten, als ihre Karteimaschinen rotieren zu lassen, Namen aus Akten zu suchen und Nummern in Akten zu schreiben: wie erf\u00fcllend! In der &#8222;Funktst\u00f6rungsme\u00dfstelle&#8220; genehmigte ich Mikrowellenherde und CB-Funk-Anlagen und brach vor lauter Langeweile einen ordentlichen Geschlechterkampf ums Geschirrsp\u00fclen vom Zaun (Mann dachte, das sei ein reiner Frauenjob). All diese Jobs waren relativ gut bezahlt, doch so \u00f6de, da\u00df ich einfach nicht begreifen konnte, wie die Leute das Jahre und Jahrzehnte aushielten! Und da\u00df sie mich allen Ernstes noch aufforderten: &#8222;Kommen Sie doch zu uns, hier k\u00f6nnen Sie gleich mit BAT 2a anfangen!&#8220; schlug dem Fa\u00df den Boden aus. Ich f\u00fchlte mich wie von Irren umgeben, nicht f\u00fcr alles Geld der Welt w\u00e4re ich bereit gewesen, mich derart lebendig begraben zu lassen.<\/p>\n<p>Die Hoffnungen meines Vaters (&#8222;Geh zu Vater Staat, da bist du sicher und bekommst eine ordentliche Rente!&#8220;) erf\u00fcllten sich nicht. Ich studierte, jobbte nur, wenn es sich nicht vermeiden liess, und meine Verachtung gegen\u00fcber der Arbeitswelt war riesig.<\/p>\n<p>Erst in Berlin, Anfang der 80ger, lernte ich selbstbestimmte Arbeit kennen und lieben. Fast rund um die Uhr managte ich mit anderen einen Mieterladen, eine Stadttteilzeitung und ein Jugend- und Kulturzentrum. Geld war dabei ganz unwichtig, der Spa\u00df und die &#8222;Freude am Kampf&#8220; lie\u00df sowieso keine Zeit f\u00fcr ein ordentliches Konsumentenleben mit Urlaub, Weihnachstgeld und Feierabend.<\/p>\n<p>Meine &#8222;selbstausbeuterische Phase&#8220; konnte nat\u00fcrlich nicht ewig dauern, sondern f\u00fchrte mich Mitte dreissig in eine heftige Midlife-Crisis. Ich mu\u00dfte lernen, da\u00df es auch noch eine &#8222;Claudia, ganz privat&#8220; gibt, und dass das GELD, das man verdient, auch eine Art Schmerzensgeld daf\u00fcr ist, nicht immer nur das tun zu k\u00f6nnen, was einem gerade Spa\u00df macht.<\/p>\n<p>Und doch: Ich bin noch immer die Alte, zwar mit gebremstem Schaum, sehr viel kompromi\u00dff\u00e4higer &#8211; aber letztlich schaffe ich es noch immer nicht, Dinge zu tun, von denen ich nicht \u00fcberzeugt bin. WILL es auch garnicht schaffen, solange nicht gerade das Verhungern droht.<\/p>\n<p>Im Networking hatte ich das Problem bisher nicht. Es gibt so unendlich viel zu tun, man mu\u00df sich ja nicht gerade etwas aussuchen, wof\u00fcr man sich &#8222;zusammenrei\u00dfen&#8220; m\u00fc\u00dfte. Doch aktuell sitze ich an einer Website, deren Zielsetzung ich derart daneben finde, da\u00df sich mir die Fu\u00dfn\u00e4gel kr\u00e4useln. Ich konnte nicht voraussehen, da\u00df es so kommen w\u00fcrde, denn urspr\u00fcnglich bezog sich mein Auftrag auf ein recht h\u00fcbsches Projekt, hinter dem ich auch stehen konnte. Mittlerweile aber &#8211; in Netzzeiten \u00e4ndert sich alles im Handumdrehen &#8211; hat das Projekt v\u00f6llig andere Perspektiven bekommen, getrieben von den VC-Kapitalgebern, denen das WAS v\u00f6llig egal ist, Hauptsache, da ist eine &#8222;Verkaufsplattform&#8220; in Sicht, ob die nun sinnvoll oder auch nur erfolgversprechend ist, mal dahingestellt.<\/p>\n<p>Wie \u00f6de, genau DAS hab&#8216; ich nie gewollt!!! Ich habe mich wirklich beeilt, meinen Vertrag zu k\u00fcndigen, um wieder Dinge mit Hand &amp; Fu\u00df (und Freude!) tun zu k\u00f6nnen, doch im Juni bin ich noch in der Pflicht, mu\u00df mich also &#8222;zusammenrei\u00dfen&#8220; und z\u00e4hneknirschend inhaltlichen Schrott produzieren.<\/p>\n<p>Ich sitze also da, starre auf den Webeditor und bekomme kaum etwas zustande &#8211; wie soll mensch auch kreativ sein, wenn &#8222;das Werk&#8220; , das entstehen soll, meines Erachtens ohne Umweg in den M\u00fcll geh\u00f6rt? Man kann sich locker zusammenreissen, um Zahlen in irgendwelche Akten zu schreiben, aber etwas Neues &amp; Sch\u00f6nes schaffen gelingt mir unter diesen Bedingungen einfach nicht. Kreativit\u00e4t ist an Engagement f\u00fcr die Sache gebunden &#8211; f\u00fcr mich zumindest. Wobei ich durchaus Freude an entlegenen Themen finden kann, wie zum Beispiel an Baustoffen oder Immobilien, Zahnarztpraxen und Seminarh\u00e4usern. Die Grenze ist aber erreicht, wenn das, was ich tun soll, von der Art ist, da\u00df ich dagegen antreten w\u00fcrde, mal angenommen, ich geh\u00f6rte zur &#8222;Zielgruppe&#8220;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Reiss Dich zusammen!&#8220;, ermahnte mich meine Mutter vor vielen Jahren, wenn ich ihr w\u00fctend erz\u00e4hlte, warum der Deutschunterricht v\u00f6llig \u00f6de, der Lehrer doof und die aufgegebene Hausarbeit wirklich DAS LETZTE sei. 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