{"id":4332,"date":"2000-06-17T10:52:47","date_gmt":"2000-06-17T08:52:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4332"},"modified":"2024-02-21T10:54:45","modified_gmt":"2024-02-21T09:54:45","slug":"forever-young","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/17\/forever-young\/","title":{"rendered":"Forever young"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn Sie es schaffen, gemeinsam mit uns ihre Z\u00e4hne noch f\u00fcnf Jahre im jetzigen Zustand zu erhalten, haben wir das Problem im Griff!&#8220;, sagt mein Zahnarzt. Dann n\u00e4mlich seien die Techniken marktreif, mit denen man &#8218;geschwundene&#8216; Kiefer- und andere Knochen nach Belieben neu wachsen lassen k\u00f6nne, erz\u00e4hlt er begeistert. Im Tierversuch klappe das schon &#8211; allerdings, so gibt er auf Nachfrage zu, sei es noch ein Problem, das Wachstum zum richtigen Zeitpunkt wieder zu stoppen, aber das bek\u00e4me man schon noch hin.<!--more--><br \/>\nSeine Begeisterung ist ansteckend. Niemals dritte Z\u00e4hne, kein &#8218;rausnehmbares Gebi\u00df, wie ich es bei meiner Oma immer so gruselig fand! Da kann mensch doch dem Alter gelassen entgegensehen, wenn das Schreckgespenst der &#8222;zahnlosen Alten&#8220;, die m\u00fchevoll ihr S\u00fcppchen schl\u00fcrft, nur noch als kurioses Erinnerungsbild der Medizingeschichte existiert. Auch jenseits der Z\u00e4hne schreitet der Fortschritt unaufhaltsam voran: &#8222;Forever young &#8211; das Erfolgsprogramm&#8220; steht bei Amazon auf Platz 17, gleich nach Harry Potter (Platz 16) und &#8222;\u00d6fter, l\u00e4nger, besser &#8211; Sextips f\u00fcr den Mann&#8220; (15).<\/p>\n<p><strong>Was ist ALTERN?<\/strong> Ist es nur das &#8222;Versagen der Verschlei\u00dfteile&#8220;, wie es Menschen zwischen 30 und 35 mit Sorge an sich wahrnehmen? Auf einmal funktioniert nicht mehr alles reibungslos, n\u00e4chtelange Exzesse hinterlassen Spuren, hier und dort melden wiederkehrende Schmerzen: Hey, SO geht es nicht mehr weiter! Viele fangen jetzt mit Sport an, nehmen zum ersten Mal den Kampf gegen den Verfall auf, joggen ihre morgendlichen Runden oder hauen voller Optimismus in die Kraftmaschinen der Fitnesscenter. Es zeigen sich schnelle Erfolge, war da wirklich ein Problem?<\/p>\n<p>Du wirst merken, dass du trotzdem stirbst, denk ich mir, wenn ich jemanden treffe, der gerade diese erste Initiation ins Altern hinter sich hat. Sage es nat\u00fcrlich nicht, denn das geh\u00f6rt zu den nicht mitteilbaren Dingen, die nur erlebt werden k\u00f6nnen. Als blosses Statement sind sie banal, doch erinnere ich mich z.B. noch gut, wie entt\u00e4uscht ich war, als mir nach einigen Monaten als Nichtraucherin aufging, dass auch Nichtraucher sterben. Nicht deshalb hab&#8216; ich wieder angefangen, doch war es ein erster Schlag gegen meine urspr\u00fcngliche Euphorie. Auf einer unbewu\u00dften Ebene hatte ich geglaubt, durch &#8222;gesund leben&#8220; sei der Status quo in die Ewigkeit zu verl\u00e4ngern, ja, sogar st\u00e4ndig zu verbessern.<\/p>\n<p>Wenn man den Fortschritt in der Medizin betrachtet, ist klar zu erkennen, da\u00df die sichtbaren Spuren des Alterns schon jetzt und in Zukunft immer mehr zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden &#8211; f\u00fcr die, die das bezahlen und den damit verbundenen Aufwand auf sich nehmen k\u00f6nnen und wollen. Abgesehen von der traurigen Tatsache, da\u00df man Arme selbst am Nacktbadestrand an ihren K\u00f6rpern erkennen wird, ist das &#8222;eigentlich&#8220; eine tolle Sache. Fit for fun bis in den Tod &#8211; warum nicht?<\/p>\n<p>Selbst Fortschrittskeptiker und Technik-Feinde denken nicht lange nach, wenn sie zwischen einem Implantat oder der NAT\u00dcRLICHEN Zahnl\u00fccke w\u00e4hlen m\u00fcssen. Und Gentechnik will man zwar nicht im Gem\u00fcse, aber im Kampf gegen den Verfall \u00fcberlassen wir die Bedenken den paar Intellektuellen in den Ethikkommissionen und stimmen zur Not mit den F\u00fc\u00dfen ab: was HIER nicht erlaubt wird, gibt es sicher anderwo.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich gehen die Diskussionen, die \u00fcber diese Entwicklungen gef\u00fchrt werden, am Punkt vorbei. Niemand wird sich ernsthaft von Gesetzen, vern\u00fcnftigen \u00dcberlegungen oder umstrittenen ethischen Normen einen bestimmten Umgang mit dem eigenen Verfall aufzwingen lassen. Gestorben wird nun mal nicht im Kollektiv und so bleibt es immer Sache des einzelnen Individuums, inwieweit es gegen das Unvermeidliche anstrampeln will oder nicht.<\/p>\n<p><b>Was ist ALT? <\/b>Jenseits des k\u00f6rperlichen ist das eine offene Frage. Unser Bild vom Alter ist bestimmt von den konkreten Alten, die wir im Lauf des Lebens erlebt haben. F\u00fcr mich geh\u00f6rt zum Beispiel eine gewisse STARRHEIT dazu. Dieses Beharren darauf, da\u00df fr\u00fcher alles besser war, da\u00df etwas nur SO und nicht anders gemacht werden kann, da\u00df die Menschen schlecht und die Welt nur ungerecht und b\u00f6se ist. Auch als Gr\u00f6\u00dfenwahn kann sich das zeigen, indem jemand glaubt, aufgrund seines Alters wisse er alles besser und k\u00f6nne sagen, wo es lang gehen mu\u00df. Viele sind ganz dicht gegen\u00fcber der Wahrnehmung des JETZT und leben nur in der Vergangenheit &#8211; die Welt der M\u00f6glichkeiten schrumpft gegen Null.<\/p>\n<p>Und hier zeigt sich: Starrheit hat nichts mit dem Altern an sich zu tun. F\u00fcr mich sehen viele Junge psychisch verdammt alt aus. Ja, gerade in jungen Jahren ist die Gebundenheit ans eigene Triebleben, an die Erfordernisse der Gesellschaft, die Anspr\u00fcche der urteilenden ANDEREN ungeheuer gro\u00df, ob sich das nun in stromlinienf\u00f6rmiger Anpassung oder als militanter Widerstand zeigt. Die Hoffnungen, die auf Karriere (oder aussteigen, ein Au\u00dfenseiter-Leben) gesetzt werden, der Glaube, da\u00df Gl\u00fcck immer im MEHR und im NEUEN l\u00e4ge, die f\u00fcr mich nicht mehr w\u00fcnsch- und auch nicht mehr erreichbare Bereitschaft, sich selbst zu unterdr\u00fccken, sich zusammenzurei\u00dfen und ranzuklotzen, UM irgend etwas IN DER ZUKUNFT zu erreichen &#8211; ach je, das ist halt das Greisentum der Jugend, ich bin froh, da\u00df ich da &#8218;rausgewachsen bin!<\/p>\n<p>Plaudernd sitze ich mit einem Over30 zusammen, wir reden \u00fcber ALLES, there are no limits, zumindest nicht im reden. Und auf einmal erw\u00e4hnt er meine Kindlichkeit, meine &#8222;Unerwachsenheit&#8220;&#8230;. Ich staune, da\u00df er das SO ausdr\u00fcckt, und da\u00df ihm das \u00fcberhaupt auff\u00e4llt. Ja, ohne diesen Aspekt k\u00f6nnte ich mit J\u00fcngeren kaum reden, und sie schon gar nicht genie\u00dfen! Erwachsen f\u00fchle ich mich trotzdem, herausgewachsen aus der Schwere, aus dem Gef\u00e4ngnis der Probleme und wichtigen Angelegenheiten, die fr\u00fcher meinen Kopf besetzt und den K\u00f6rper in anhaltender Spannung hielten.<\/p>\n<p>Von Jahr zu Jahr nimmt meine Freiheit zu, indem die Bindung an konkrete W\u00fcnsche und Pl\u00e4ne abnimmt. Diese werden zum Spiel: keine Katastrophe, wenn es unterbrochen wird oder man auch mal verliert, kein Problem, auch mal andere Spiele zu spielen&#8230;<br \/>\nDie Urteile der geliebten und ungeliebten Anderen werden unwichtiger und bestimmen nicht mehr wie fr\u00fcher alles Verhalten, einschlie\u00dflich meiner Selbstachtung. Welche Befreiung! Die ach so hochgelobte &#8222;Zukunft&#8220; ist lange schon ein Nowhereland (schon mal dort gewesen?). Je bewu\u00dfter mir die Tatsache vor Augen steht, da\u00df dieses Leben MEIN LEBEN und unvermeidlich ENDLICH ist, tue ich besser daran, es als das Abenteuer zu leben, das es ist: Eine offene Weite, in der wir uns und die Welt ausprobieren und erforschen k\u00f6nnen. Ein Geheimnis, das wir niemals l\u00f6sen werden, doch dem wir immer auf der Spur bleiben m\u00fcssen, wenn wir nicht vergreisen wollen zu lebenden Toten.<\/p>\n<p>Tja, und so werde ich t\u00e4glich j\u00fcnger&#8230; ;-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn Sie es schaffen, gemeinsam mit uns ihre Z\u00e4hne noch f\u00fcnf Jahre im jetzigen Zustand zu erhalten, haben wir das Problem im Griff!&#8220;, sagt mein Zahnarzt. Dann n\u00e4mlich seien die Techniken marktreif, mit denen man &#8218;geschwundene&#8216; Kiefer- und andere Knochen nach Belieben neu wachsen lassen k\u00f6nne, erz\u00e4hlt er begeistert. 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