{"id":4331,"date":"2000-06-16T10:50:45","date_gmt":"2000-06-16T08:50:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4331"},"modified":"2024-02-21T10:52:31","modified_gmt":"2024-02-21T09:52:31","slug":"wege-ins-netz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/16\/wege-ins-netz\/","title":{"rendered":"Wege ins Netz"},"content":{"rendered":"<p>Wie ich mich freue, bald wieder mehr Zeit zu haben! Ab Juli bekommt ein Job endlich eine konkrete Werkvertragsbasis, der mir in den letzten Monaten v\u00f6llig aus dem Ruder gelaufen war: Planbare Stunden, genau bezeichnete Arbeiten! Man mu\u00df offenbar jeden Fehler einmal machen und in Teufels K\u00fcche geraten, bevor man kl\u00fcger wird.<!--more--><\/p>\n<p><strong>&#8222;Ich arbeite nicht, um Geld zu verdienen, sondern brauche Geld, um zu arbeiten&#8220;<\/strong> &#8211; keine Ahnung, wer das gesagt hat, aber so langsam trifft das meine Realit\u00e4t. Wenn ich nicht gen\u00fcgend Zeit habe, eigenen Impulsen zu folgen, werde ich ungl\u00fccklich und will die Maus am liebsten in den M\u00fcll werfen. Es ist einfach nicht mehr drin, das &#8222;echte Leben&#8220; in die Zukunft zu schieben. Ich brauche T\u00c4GLICH Zeit im JETZT, Zeit, in der ich auch im Kopf frei bin von etwaigen Konflikt- und Problemgedanken, die aus den Brotjobs f\u00fcr Andere erwachsen, so sch\u00f6n deren Projekte auch sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Dieses Diary hat mich \u00fcber die letzten vier Monate gerettet, immerhin bietet die Disziplin des (fast) t\u00e4glichen Schreibens eine halbe oder ganze Stunde Ruhe und Besinnung. Doch reicht das alleine nicht, der Ideenr\u00fcckstau wird immer gr\u00f6\u00dfer, das Gef\u00fchl des Gefesselt-Seins wird unertr\u00e4glich, wenn ich zu lange nicht dazu komme, eigene Netzprojekte zu entwickeln.<\/p>\n<h2>Ich bin drin &#8211; und jetzt?<\/h2>\n<p>Weil ich mich problemlos vervielf\u00e4ltigen und immer noch mit eigenen Vorhaben voll besch\u00e4ftigen k\u00f6nnte, wundert es mich erstmal, wenn jemand fragt: Was soll ich im Netz? Lasse ich mich aber auf die Frage ein, wird schnell klar, da\u00df es im Jahr 2001 eben nicht mehr so einfach wie 1996 ist, einen eigendynamischen Zugang zu finden. Damals &#8211; in der Urzeit &#8211; gab es keinen kommerziellen Sektor, das Web bestand im wesentlichen aus Universit\u00e4tsseiten und \u00fcberschaubar vielen privaten Homepages. Noch stritt sich niemand um Domainnamen, jeder Link war ein willkommenes Geschenk, die Leute hinter den Seiten zeigten sich kontaktfreudig und hilfsbereit. Jeder, der dazu kam, hatte den Eindruck, eine Art Paradies zu betreten, in dem jeder Narrenfreiheit genie\u00dft und WIR ALLE eine gro\u00dfe Familie sind. Wohin man klickte, traf man auf interessante Experimente, es war ja alles so neu! Da f\u00e4llt es leicht, selber zu experimentieren, umso mehr, wenn das Netz die Anmutung einer Welt jenseits der Real World vermittelt, von der da drau\u00dfen im Alltag kaum einer etwas wei\u00df.<\/p>\n<p>Real und Virtual World sind mittlerweile zusammengewachsen. Zum einen bedeutet das f\u00fcr Neueinsteiger, da\u00df ihr erster Eindruck durch den kommerziellen Sektor bestimmt wird. Mancher kommt garnicht erst dazu, das andere Netz zu entdecken. Zum anderen sind die Anspr\u00fcche an eine Website gestiegen, Seh- und Nutzungsgewohnheiten haben sich entwickelt und es gibt viele Fettn\u00e4pfchen, in die mensch treten kann. Drittens kann man heute damit rechnen, da\u00df der Chef, der Beziehungspartner, der eigene Sohn, die Verwandten in Amerika und die Kunden von morgen &#8222;m\u00f6glicherweise&#8220; alles mitlesen. Kein Wunder, da\u00df da viele z\u00f6gern und sich fragen: Was soll ICH da um Himmels Willen kommunizieren?<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt ist die Un\u00fcberschaubarkeit und Komplexit\u00e4t des Netzes. Man mu\u00df schon einige Zeit alles austesten und viel forschen, um einen Begriff zu bekommen, was das Internet ist, um es f\u00fcr sich sinnvoll nutzen zu k\u00f6nnen. Das ist die Frage nach der Position, die ich in der Netzwelt einnehmen kann bzw. will, die Frage nach dem &#8222;Wohin?&#8220;.<\/p>\n<p>Diese Frage kann ich nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr jemand anderen beantworten &#8211; ich wei\u00df aber, wie man NICHT zu einer Antwort kommt, n\u00e4mlich, indem man Zuschauer bleibt und darauf hofft, da\u00df sich die vielen Eindr\u00fccke zu einer Meinung verdichten werden, aus der dann eine g\u00fcltige eigene HALTUNG entsteht, die man nur noch &#8211; wom\u00f6glich ein- f\u00fcr allemal &#8211; umzusetzen braucht. Das Netz ist pseudo-unendlich und ich werde nie zu eigenen Aktivit\u00e4ten kommen, wenn ich darauf warte, bis ich &#8222;alles gesehen&#8220; oder auch nur &#8222;das Wichtigste&#8220; erkannt, analysiert und eingeordnet habe. Man kann den Urwald nicht erkennen, man mu\u00df ihn betreten und sich durchschlagen. Oder eine gro\u00dfe Stadt: Als ich 1979 nach Berlin zog, hatte ich wenig konkrete Vorstellungen, was ich dort tun w\u00fcrde. Und das war gut so, denn das, was mir dort begegnete, h\u00e4tte ich sowieso nie vorausdenken und planen k\u00f6nnen. Binnen weniger Jahre hat mich diese Stadt v\u00f6llig ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Take up your tiny burdon, don&#8217;t be a tourist, heisst es in einem sch\u00f6nen alten Song von Leonard Cohen. Das gilt auch f\u00fcr das Netz. Die eigene &#8222;Last&#8220;, die Sorgen und Probleme, aber vor allem auch die W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte, Ideen und Pl\u00e4ne ergeben das Material, den &#8222;Content&#8220; f\u00fcr eigene Webseiten und Netzaktivit\u00e4ten. E-Commerce ist ja derzeit ein so katastrophaler Flop, ein Milliardengrab, weil die kommerziell Aktiven in der Mehrheit nicht begreifen, da\u00df sie die Menschen in ihren Aktivit\u00e4ten und Bed\u00fcrnissen UNTERST\u00dcTZEN m\u00fcssen, anstatt ihnen andere, eigene, vorschreiben zu wollen.(KAUFEN ist ja allein kein Lebensinhalt, oder was meint Ihr?).<\/p>\n<p>Mit der eigenen Homepage zu beginnen, ist jedenfalls ein guter Anfang. &#8222;Sich zeigen&#8220; ist der erste Schritt &#8211; auch im Urwald ist der eigene K\u00f6rper f\u00fcr die anderen Wesen sichtbar und in der Stadt hat jeder eine Meldeadresse, eine Wohnung, eine Basis. Je nachdem, was man zeigt, werden Reaktionen kommen, die wiederum Inspiration und Anreiz f\u00fcr die n\u00e4chsten Schritte mit sich bringen &#8211; so generiert sich DER WEG im Chaos selbst, ich brauche ihn nicht zu planen, mu\u00df mich ihm nur hingeben und dabei genau darauf achten, welche GEF\u00dcHLE die verschiedenen M\u00f6glichkeiten mitbringen. M\u00f6glichkeiten zu realisieren, ist ja sehr viel leichter geworden durch das Netz, umso wichtiger wird es, sich nicht im Halbschlaf und aus alten Gewohnheiten heraus Realit\u00e4ten einzubrocken, die man sich nicht w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Auf meinem Desktop liegt die Datei ideen.txt, die ich heute mal wieder \u00f6ffnete, weil ich vergessen hatte, was drin war. Da stand unter anderem &#8222;Selbstdarstellung im Web &#8211; Website, evtl. Buch&#8220;. Das hatte ich mir notiert, als ich mit Arbeit f\u00fcr andere v\u00f6llig zugesch\u00fcttet war und mir zumindest Notizen f\u00fcr die Zeit &#8222;danach&#8220; machen wollte. Nun l\u00e4\u00dft der Druck nach und nahezu automatisch gerate ich in Mail-Dialoge und Gespr\u00e4che mit Menschen, die ihre eigene Weise suchen, sich im Netz zu zeigen. Und schon entsteht der Gedanke an eine Website zum Thema: mit kommentierten Beispielen, von denen man sich inspirieren lassen kann, mit KnowHow zum Selber-tun, aber durchaus auch mit einem Dienstleistungsangebot. Schlie\u00dflich m\u00f6chte heute manch einer eine Website, die dem &#8222;State of the Art&#8220; entspricht, wenn auch ganz individuell.<\/p>\n<p>Meine Dienstleistung wird wie immer eine Mischung aus kostenlos und mittel-teuer sein &#8211; schlie\u00dflich will ich keine Standardseiten von der Stange anbieten, sondern Individuen portraitieren, sie in ihrem Proze\u00df zur Entwicklung einer bewu\u00dften Selbstdarstellung im Web unterst\u00fctzen, jenseits blo\u00dfer Technik- oder \u00c4sthetik-Fragen. Einen Co-Worker hab&#8216; ich schon, der als Grafiker und vor allem als engagierter Portrait-Fotograf so ein Angebot aufs Beste erg\u00e4nzen k\u00f6nnte. Mal sehen, was aus dieser M\u00f6glichkeit, die jetzt noch &#8222;nur ein Gedankenspiel&#8220; ist, entstehen wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ich mich freue, bald wieder mehr Zeit zu haben! Ab Juli bekommt ein Job endlich eine konkrete Werkvertragsbasis, der mir in den letzten Monaten v\u00f6llig aus dem Ruder gelaufen war: Planbare Stunden, genau bezeichnete Arbeiten! 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