{"id":433,"date":"2010-01-16T12:39:05","date_gmt":"2010-01-16T10:39:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=433"},"modified":"2010-01-20T14:35:08","modified_gmt":"2010-01-20T12:35:08","slug":"sennet-im-spiegel-interview-ueber-daten-und-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/01\/16\/sennet-im-spiegel-interview-ueber-daten-und-macht\/","title":{"rendered":"Sennett im SPIEGEL-Interview: \u00dcber Daten und Macht"},"content":{"rendered":"<p>Dem SPIEGEL ist es derzeit wichtig, Google als die gro\u00dfe b\u00f6se Datenkrake anzuprangern. So wird der Spruch <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/0,1518,671506-2,00.html\">&#8222;Die Stasi war eine Organisation wie Google&#8220;<\/a> zur Headline eines Interviews mit dem von mir sehr gesch\u00e4tzten US-Soziologen Richard Sennet. Wer das Interview tats\u00e4chlich liest und nicht nur die \u00dcberschrift &#8222;scannt&#8220;, merkt schnell, wie tendenzi\u00f6s SPON hier agiert. Denn Sennett sagt schon auf Seite 1: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Wer sich um die Privatsph\u00e4re sorgt, sollte sich um die Regierung Sorgen machen, nicht um Google. Wer sich wirklich um die \u00f6konomische Ausbeutung von pers\u00f6nlichen Daten Sorgen macht, sollte sich mit dem Kapitalismus besch\u00e4ftigen, nicht mit Google.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Von Richard Sennett bin ich schwer begeistert, seit ich sein Buch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3833305940?ie=UTF8&#038;tag=daswildegarte-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=3833305940\">Verfall und Ende des \u00f6ffentlichen Lebens: Die Tyrannei der Intimit\u00e4t<\/a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=daswildegarte-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3833305940\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> gelesen habe. Zwar ist es &#8222;uralt&#8220;, denn die Erstausgabe erschien bereits Ende der 80ger, doch geh\u00f6rt es zu jenen zeitlosen Werken, die keine Aktualit\u00e4t brauchen. <em>&#8222;Ein Werk intensivster Nachdenklichkeit, in dem sich analytischer Einfallsreichtum und historisches Urteilsverm\u00f6gen zu einer gro\u00dfen Studie verbinden&#8220;<\/em> hei\u00dft es in der Beschreibung und das ist nicht gelogen! Das Buch hat definitiv meinen Horizont erweitert, etwa f\u00fcr Prozesse wie die &#8222;Psychologisierung von Politik&#8220;, die ja mittlerweile unsere Medienwelt dominiert und die Menschen davon abh\u00e4lt, sich wirklich POLITISCHE Gedanken zu machen: es wird viel mehr darauf geschaut, wie &#8222;menschlich&#8220; bzw. sympathisch ein Politiker &#8218;r\u00fcber kommt, nicht darauf, was er in seinem Amt tats\u00e4chlich tut. Wie sich Privatheit und \u00d6ffentlichkeit in den letzten Jahrhunderten entwickelt und dabei schwer ver\u00e4ndert haben, hatte ich so detailliert (und unterhaltsam berichtet!) auch noch nirgends gelesen &#8211; ich war hin und weg und kaufte mir fortan fast <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/redirect.html?ie=UTF8&#038;location=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2Fs%3Fie%3DUTF8%26redirect%3Dtrue%26ref_%3Da9%255Fsc%255F1%26keywords%3Drichard%2520sennett%26qid%3D1263635589%26rh%3Di%253Astripbooks%252Ck%253Arichard%2520sennett&#038;site-redirect=de&#038;tag=daswildegarte-21&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=19454\">alle B\u00fccher von Sennett<\/a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=daswildegarte-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>. <em>(Links zu seinen B\u00fcchern sind deshalb hier Partnerlinks!)<\/em><\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Interview: Im Gespr\u00e4ch mit Sennett wird wieder einmal die ganze <strong>Ambivalenz<\/strong> des Themas &#8222;Daten sammeln&#8220; deutlich. Einerseits begr\u00fc\u00dfen wir meist die Bequemlickeit und Zielgenauigkeit, die erst m\u00f6glich wird, wenn ein Anbieter viele Daten \u00fcber unsere Interessen gesammelt hat. Andrerseits f\u00fcrchten wir die Macht, die jedem zuw\u00e4chst, der \u00fcber diese Daten verf\u00fcgt, bzw. sie zu immer genaueren Profilen zusammen f\u00fcgen kann. So sieht auch Sennett einerseits im Netz die Zukunft und sagt: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Per Maschine werden wir uns kennen und begegnen. Man muss die Gefahren verstehen, aber man muss auch verstehen, was die Maschinen-Kommunikation erst m\u00f6glich macht, was im direkten Gegen\u00fcber nicht funktioniert h\u00e4tte. Wir sollten auch nicht allzu hochn\u00e4sig gegen\u00fcber Facebook sein. Wenn man ein Teenager ist, schafft man dort seinen sozialen Raum&#8220;.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die Grenze zwischen dem, was \u00f6ffentlich ist und was privat, l\u00f6st sich sowieso schon seit Jahrhunderten auf, unabh\u00e4ngig vom Internet. Die Idee, dass man sich in der \u00d6ffentlichkeit anders benehmen soll als zu Hause, ist f\u00fcr uns viel schw\u00e4cher, als sie f\u00fcr unsere Vorfahren war. Bei Facebook nutzen die Menschen nur die technischen M\u00f6glichkeiten, um zu tun, was sie ohnehin tun w\u00fcrden: Sich mit anderen \u00fcber sehr private Details aus ihrem Leben auszutauschen und daraus Gespr\u00e4chsstoff zu machen. Auch hier: Das Internet hat das Problem nicht geschaffen, sondern der kulturelle Wandel.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dass die allgemeine Datensammelwut das Recht des Einzelnen zerst\u00f6rt, &#8222;dem Staat unbekannt zu bleiben&#8220;, findet Sennett andrerseits &#8222;extrem gef\u00e4hrlich&#8220;. Es ist nun m\u00f6glich, Zielgruppen-genaue Gesetze zu machen, wogegen etwa Parlamentarier im 18. Jahhundert Gesetze machten, ohne die B\u00fcrger zu kennen, f\u00fcr die sie gelten sollten. Sinnvollerweise weist der SPIEGEL darauf hin, dass es doch eigentlich gut sei, realit\u00e4tsnahe Gesetze zu machen, worauf Sennet dann mit dem Stasi-Vergleich kommt, die auch Daten gesammelt habe, noch ohne zu wissen, wof\u00fcr man sie brauchen werde. Datensammlungen seien auf jeden Fall ein politisches Herrschaftsinstrument, das es so fr\u00fcher nicht gegeben habe.<\/p>\n<p>Ok, das stimmt. Aber was sagt uns das? Keine Datensammlungen entstehen zu lassen, k\u00e4me einem weitgehenden Verzicht auf technischen Fortschritt gleich &#8211; und mal abgesehen von locker hingeschriebenen Warn- und Brandreden denke ich, dass das nicht wirklich viele wollen. <\/p>\n<p>Bequemlichkeit und Tr\u00e4gheit ist f\u00fcr mein Empfinden ein wesentliches Problem im Umgang mit diesem Spannungsfeld: Da gibts einerseits diejenigen, die sich keine Gedanken machen und &#8222;einfach vertrauen&#8220; &#8211; eine gewiss unangemessene Haltung, auch wenn man davon ausgeht, dass ein Unternehmen wie Google WIRKLICH &#8222;not evil&#8220; sein will. Dann sind da die Daten-Puristen, die am liebsten h\u00e4tten, dass alle nur \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.torproject.org\/index.html.de\">&#8222;Tor&#8220;<\/a> surfen und so wenig Spuren wie m\u00f6glich im Netz hinterlassen: Bye bye Web 2.0!<\/p>\n<p>Wenn man aber einerseits die Errungenschaften und M\u00f6glichkeiten nutzen will, doch andrerseits den politischem Missbrauch gesammelter Daten f\u00fcrchtet, dann bleibt nur der m\u00fchsame Weg, demokratische Kontrolle und Transparenz der Macht zu erk\u00e4mpfen: immer wieder, immer mehr, immer wachsam!<\/p>\n<p>Im Manchester-Kapitalismus konnten Unternehmer in ihren Fabrikhallen auch noch machen, was sie wollten. Heute haben wir ein gro\u00dfes Geflecht aus Gesetzen, Vorschriften, Tarif-Vertr\u00e4gen und B\u00fcrgerrechten, die diese Freiheit aus guten Gr\u00fcnden einschr\u00e4nken &#8211; ein Fortschritt, der im Reich der Daten sammelnden Unternehmen und Beh\u00f6rden eben erst noch etabliert werden muss. <\/p>\n<p>Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, hat dazu in seinem FAZ-Artikel <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE\/Doc~E38A2F6DD0A734EB789AAD27EDE6F9A35~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">&#8222;Der Mensch wird zum Datensatz&#8220;<\/a> eine Reihe bedenkenswerter Vorschl\u00e4ge gemacht. Zum Beispiel diesen:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Um eine neue Datenschutz-Balance wirksam zu erzwingen, ist die Einf\u00fchrung einer aktiven, regelm\u00e4\u00dfigen Mitteilungspflicht von Beh\u00f6rden und Unternehmen \u00fcber die gespeicherten Daten an jeden einzelnen Betroffenen notwendig. Wir nennen es den Datenbrief. Dabei m\u00fcssen nicht nur die Rohdaten mitgeteilt werden, sondern auch alle abgeleiteten Informationen, eben die extrahierten Merkmale und Profile, inklusive der M\u00f6glichkeit, sofort die L\u00f6schung zu verlangen. Zudem bedarf es der pers\u00f6nlichen Haftung der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung f\u00fcr Datenverbrechen, sowohl bei illegaler Weitergabe und Verarbeitung als auch bei Sicherheitsschwankungen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das durchzusetzen, hei\u00dft lange dicke politische Bretter bohren! Aber eine &#8222;Hau-Ruck-L\u00f6sung&#8220; gibt es eben leider nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem SPIEGEL ist es derzeit wichtig, Google als die gro\u00dfe b\u00f6se Datenkrake anzuprangern. So wird der Spruch &#8222;Die Stasi war eine Organisation wie Google&#8220; zur Headline eines Interviews mit dem von mir sehr gesch\u00e4tzten US-Soziologen Richard Sennet. 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