{"id":4322,"date":"2000-06-06T17:32:14","date_gmt":"2000-06-06T15:32:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4322"},"modified":"2024-02-20T17:38:25","modified_gmt":"2024-02-20T16:38:25","slug":"the-medium-is-the-message","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/06\/06\/the-medium-is-the-message\/","title":{"rendered":"The Medium is the Message"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;sprach dereinst <strong>Marshal McLuhan<\/strong> und gab damit Denkerinnen und Denkern jede Menge Stoff, an dem entlang sie sich aufreiben und unz\u00e4hlige &#8222;Papers&#8220; verfassen konnten. Dass das Medium die Botschaft sei, sie nicht etwa nur transportiere, widerspricht dem gesunden Menschenverstand so dramatisch, dass es einfach GENIAL sein muss.<!--more--><\/p>\n<p>Ich will McLuhan jetzt nicht diskutieren, bewahre! Neulich hab&#8216; ich mir die Domain &#8222;medienverdrossen.de&#8220; gesichert, auf die ich auch &#8222;medientheorie.de&#8220; zeigen lassen werde &#8211; das ist Statement genug. Doch mir f\u00e4llt mehr und mehr auf, dass McLuhan noch in einem ganz anderen Sinne Recht hat, an den er wom\u00f6glich garnicht dachte: Die Wahl des Mediums, in dem ich mit einem anderen kommuniziere, sagt etwas aus \u00fcber den Charakter der Botschaft und den Zustand der Beziehung.<\/p>\n<h2>Email stoppt Telefon<\/h2>\n<p>Wie bei allen Netizens ist E-Mail mein Standard-Kanal. Niemals vorher war es m\u00f6glich, derart einfach und bequem unz\u00e4hlige Kontakte zu anderen zu haben &#8211; das bedeutet nicht unbedingt VIELE FREUNDE, sondern einfach, von vielen Menschen zu wissen, Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen, zu denen man jenseits dieses Mediums kaum je Kontakt bekommen h\u00e4tte. Damit verbunden ist eine gewaltige Erh\u00f6hung des Wirkungsgrades, den ein einzelnes Individuum entfalten kann: binnen 20 Minuten kommuniziere ich eine Botschaft an ca. 3000 Menschen (ein paar Mailinglisten und Webboards) &#8211; und wenn ich das \u00fcber Jahre ab und an tue in je unterschiedlichen Angelegenheiten, kommt schon was zusammen &#8211; und es bleibt etwas h\u00e4ngen: Mein Name in Verbindung mit diesen &amp; jenen Inhalten. So demokratisiert das Internet die Macht der &#8222;gro\u00dfen Sender&#8220;, die es nur kleinen Eliten gestatteten, sich beliebig \u00fcber die Medien zu vermitteln.<\/p>\n<p>E-Mail in dieser ausgereizten Form bedeutet jedoch, das Telefon weitestgehend verstummen zu lassen. Wer gewohnt ist, Kommunikation ON DEMAND abzuwickeln, nur in selbstbestimmten Arbeitspausen sich den Botschaften Anderer zuzuwenden, empfindet unangek\u00fcndigte Telefonate zunehmend als Angriff. (Das gilt NICHT f\u00fcr liebe Freunde, die k\u00f6nnen mich JEDERZEIT anrufen, ich freu&#8216; mich!) Das Telefon ist ein Angriff auf die Zeitsouverainit\u00e4t, die mir dank des Netzes zugewachsen ist und die ich mittlerweile brauche, wie die Luft zum atmen.<\/p>\n<h2>Zweifelhafte Anrufe, Herrschaftsgesten<\/h2>\n<p>Und so wirkt es zunehmend als Herrschaftsgeste, wenn mich jemand anruft, der wei\u00df oder wissen m\u00fc\u00dfte, dass ich in der Regel maile. Leute aus den B\u00fcrowelten der alten Medien tun das besonders gern: sofern sie nicht selbst voll und ganz im Netz arbeiten, telefonnieren sie immer noch den halben Tag und vernachl\u00e4ssigen ihre Mailbox. Oft sind es Wischi-Waschi-Gespr\u00e4che, von denen man hinterher kaum sagen kann, wozu genau sie eigentlich gef\u00fchrt wurden (&#8222;Ich wollte mich mal mit Ihnen in Verbindung setzen&#8230;.&#8220;). Oder es sind leicht durchschaubare Manipulationsversuche: da versucht jemand, mich auf der emotionalen Ebene weich zu klopfen, damit ich Dinge zusage, die ich definitiv nicht will. Aber sie haben schlechte Karten: Wer die Klarheit von E-Mail gewohnt ist, l\u00e4\u00dft sich nicht so einfach belabern (gern schicke ich gleich ein Mailprotokoll des Telefonats hinterher, damit der andere keine Gelegenheit hat, den Gespr\u00e4chsinhalt beliebig zu interpretieren).<\/p>\n<p>Herrschaftsgesten pur kommen von Fernseh-Schaffenden: Sie LASSEN MAILEN. Seit ich online bin, bekam ich bestimmt schon etwa 10 mal eine Mail des Inhalts, ich m\u00f6ge mich umgehend mit XYZ in Verbindung setzen, der &#8222;brauche einen Dreh&#8220;, bzw. wolle mich in Sendung X bringen. Sofortiger Anruf unter der Nummer&#8230;.erbeten, Termin in drei Tagen. Ihnen ist die Unversch\u00e4mtheit ihres Auftretens kaum bewu\u00dft, wenigstens unterstelle ich das nicht. Sie gehen einfach davon aus, dass jedermensch nix anderes im Sinn h\u00e4tte, als eilfertig hinzust\u00fcrzen, wenn DAS FERNSEHEN ruft. Tja, das sind Gewohnheiten, die ein altes Massenmedium schafft &#8211; aber sie werden noch merken, dass sie nicht mehr das &#8222;Leitmedium&#8220; darstellen. Mit mir gab es jedenfalls bisher keinen &#8222;Dreh&#8220; und ich seh auch nicht ein, wof\u00fcr das gut sein sollte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Mail zum Standard aller Gespr\u00e4che geworden ist und das Telefon allenfalls als Plauderkanal f\u00fcr Freunde dient, bietet die Briefpost nur noch eine einzige Qualit\u00e4t: Rechtsverbindlichkeit. Jenseits unverlangter Werbung und ritueller Gl\u00fcckwunschkarten ist die Post vom Transport allt\u00e4glicher Botschaften g\u00e4nzlich befreit. Fax, Telefon und Mail haben ihr den Garaus gemacht. Sie h\u00e4lt sich noch f\u00fcr kurze Zeit am Leben mit eben dieser Restfunktion, die Marshal McLuhans Statement neu illustriert: Was immer ich dir per Briefpost schreibe, es ist vor allem eines: rechtsverbindlich! Insofern ist Briefpost eine Aussage dar\u00fcber, welchen Zustand die Beziehung angenommen hat. Zwar kann auch ein intensiver Mailwechsel und eine Reihe von Faxen vor Gericht Beweiskraft haben, doch nichts ist so klar, einfach und definitiv unangreifbar wie ein Statement per Einschreiben\/R\u00fcckschein.<\/p>\n<h2>Real Life Charismatiker<\/h2>\n<p>Die virtualisierte Welt ist in vieler Hinsicht gnadenlos. Das sp\u00fcren nicht nur die &#8222;Information Poor&#8220;, sondern vor allem Menschen, die es bisher gewohnt waren, durch AUFTRETEN zu gl\u00e4nzen. Magier des Wortes, die vor jeder Gruppe brillieren, indem sie Luftnummern an die W\u00e4nde projizieren und dazu den schamanischen Tanz vom erfolgreichen Kriegszug tanzen. Nicht weit entfernt von evangelikalen Predigern verm\u00f6gen Sie es, im &#8222;Real Life&#8220; die Menschen in ihren Bann zu ziehen. Auf der psychischen Klaviatur zwischen mitreissender Begeisterung und emotionaler Erpressung sind sie Virtuosen, allein darauf beruht ihre Macht, nicht etwa auf irgend welchen spezifischen F\u00e4higkeiten. Sie leben nicht in der Realit\u00e4t, sondern in ihren sprunghaften Vorstellungen &#8211; und mit aller Power versuchen sie, andere in diese Vorstellungen hineinzuziehen, auf dass eine Realit\u00e4t entstehe, die sie in der Regel nicht selber auszubaden gedenken (man delegiert&#8230;). Sie tanzen l\u00e4ngst einen neuen Tanz, w\u00e4hrend ihre Subalternen graue Haare bekommen im sinnlosen Bem\u00fchen, die Luftnummern von gestern auf dem Boden der Tatsachen anzulanden.<\/p>\n<p>Doch DIESE Macht br\u00f6kelt. In einer Kultur, die sich unausweichlich vernetzt, deren Individuen nicht mehr st\u00e4ndig in &#8222;Besprechungen&#8220; herumh\u00e4ngen (mir f\u00e4llt da immer das &#8222;Warzen besprechen&#8220; ein), sondern coole, kurze, inhaltlich pr\u00e4gnante Mails austauschen, sehen die Magier alt aus. Der Kaiser hat keine neuen Kleider, der Kaiser ist NACKT!<\/p>\n<p>Sich erfolgreich in &#8222;Virtual World&#8220; bewegen, setzt paradoxerweise voraus, einen klaren Blick auf die Wirklichkeit zu pflegen. Insbesondere auf die Ver\u00e4nderungen, die sich mit der Vernetzung ergeben: Jede beeindruckende Behauptung l\u00e4\u00dft sich sofort verifizieren &#8211; man kann ja schnell mal ein paar Kompetente anmailen. Klarheit, Wahrheit und K\u00fcrze ist angesagt. Luftnummern platzen t\u00e4glich schneller. Der Marketingjargon mit seinen wolkig-gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Formulierungen ist ein sterbendes Genre, wie es das Cluetrain-Manifest so schmissig erkl\u00e4rt. Seit kurzem ist das sogar den B\u00f6rsianern klar geworden, die wieder auf Zahlen und Fakten schauen und nicht auf wilde Zukunftsvisionen.<\/p>\n<p>&#8222;Fantasie&#8220; ist etwas viel zu Sch\u00f6nes, um im Hype ums goldene Kalb verbrannt zu werden. La\u00dft uns Kunst machen und spielen, Leben ist JETZT.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;sprach dereinst Marshal McLuhan und gab damit Denkerinnen und Denkern jede Menge Stoff, an dem entlang sie sich aufreiben und unz\u00e4hlige &#8222;Papers&#8220; verfassen konnten. 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