{"id":4306,"date":"2000-05-30T12:34:28","date_gmt":"2000-05-30T10:34:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4306"},"modified":"2024-02-15T12:37:29","modified_gmt":"2024-02-15T11:37:29","slug":"vom-sterben-und-toeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/30\/vom-sterben-und-toeten\/","title":{"rendered":"Vom Sterben und T\u00f6ten"},"content":{"rendered":"<p>Das Orkantief Ginger hat im Schlo\u00dfwald eine riesige Buche mit weit \u00fcber einem Meter Stammumfang zum <a>Einsturz<\/a> gebracht: der Baum hatte sich kurz \u00fcber dem Boden in zwei gleich dicke St\u00e4mme geteilt, eine <a>Stelle,<\/a> die der F\u00e4ulnis, den Insekten und allerlei Pilzen und Schmarotzerpflanzen optimale Ansatzpunkte bot. Trotzdem wurde der Baum gro\u00df und alt &#8211; bis Ginger kam und einen der beiden St\u00e4mme <a>abbrechen<\/a> lie\u00df. Es macht mich traurig, vor allem, wenn ich mir vorzustellen versuche, wie sich die andere H\u00e4lfte jetzt &#8222;f\u00fchlt&#8220;.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4307\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/baum3.jpg\" alt=\"Abgebrochener Baum\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/baum3.jpg 500w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/baum3-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was tun mit dem Baum? Bestes Buchenholz, vielleicht ein paar tausend Mark wert &#8211; aber wie sollte man dieses Unget\u00fcm bewegen? Auch f\u00fchrt kein gerader Weg aus dem W\u00e4ldchen, auf dem entlang man den Stamm ziehen k\u00f6nnte. So wird wohl alles bleiben, wie es ist und der Urwaldeindruck sich verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das kranke Huhn ist ebenfalls tot. Mein Lebensgef\u00e4hrte hat es am Samstag get\u00f6tet, nachdem es sich tagelang kaum mehr vom Fleck ger\u00fchrt hatte. Es war der Outlaw der H\u00fchnergemeinde, das letzte in der Hackordnung. Wer glaubt, H\u00fchner seien <a>nette harmlose Tiere<\/a>, der irrt.<\/p>\n<p>Als der H\u00fchnerstall k\u00fcrzlich fertig war, \u00fcberlegten hier alle, was f\u00fcr H\u00fchner es denn sein sollten: Nur Eier-Leger oder solche, die auch als &#8222;Fleischh\u00fchner&#8220; in Frage kommen? Die Frage entschied sich von selbst, da wir zehn Legeh\u00fchner mit Hahn geschenkt bekamen. Die legen wie die Weltmeister &#8211; doch jetzt br\u00fctet eine extra zus\u00e4tzlich angeschaffte Br\u00fcterin auf 15 Eiern. Die Kinder sollen das mal erleben, die kleinen K\u00fcken! Nat\u00fcrlich werden nicht alle 15 hier lange leben k\u00f6nnen, zumindest die H\u00e4hne nicht. Jemand wird sie t\u00f6ten m\u00fcssen, denn H\u00e4hne vertragen sich nicht miteinander.<\/p>\n<p>Ein warmbl\u00fctiges Tier t\u00f6ten ist eine furchtbare Sache. Wenn es krank ist und man sieht, wie es leidet, ist es vielleicht etwas leichter, als wenn es nur zuviel ist oder man es essen will. Doch die Rechtfertigungen sind das eine &#8211; die Situation ist etwas ganz anderes. Du stehst vor diesem lebendigen Wesen und willst es vom Leben zum Tod bringen, es vom Mitwesen zur &#8218;Sache&#8216; machen, ihm eigenh\u00e4ndig das antun, wovor du am meisten Angst hast&#8230;<\/p>\n<p>Ich habe mal zwei junge Katzen umgebracht, ein paar Tage alt. Sie waren &#8222;zuviel&#8220; &#8211; doch h\u00e4tte ich das nicht unbedingt zu meinem Problem machen m\u00fcssen, das ist Tatsache. Ich wollte wissen, wie das T\u00f6ten ist und ergriff die Gelegenheit (um sowas rei\u00dft sich ja niemand). Katzen mag ich von allen Tieren am liebsten. (Noch heute gruselt es mich vor der eigenen Tat!)<\/p>\n<p>Als die Katzenmutter nicht da war, betrat ich den Stall und w\u00e4hlte zwei der vier Jungen aus. Ich sp\u00fcrte, da\u00df meine Psyche und mein K\u00f6rper sich anschickten, v\u00f6llig unkontrollierbare und erschreckende Empfindungen zu produzieren &#8211; ich durfte nicht z\u00f6gern, sondern mu\u00dfte es SCHNELL tun, wenn ich es \u00fcberhaupt packen wollte. Mit einem Kn\u00fcppel bet\u00e4ubte ich sie, drehte ihnen dann mit den H\u00e4nden den Hals um und brach ihnen so das Genick.<\/p>\n<p>Das schreibt sich so locker hin. Ich bin sonst der Worte ganz gut m\u00e4chtig, aber mir fallen keine ein, um die Gef\u00fchle zu beschreiben, die mich dabei \u00fcberkamen. Als ich den ersten Schlag mit dem Kn\u00fcppel gef\u00fchrt hatte, betrat ich einen anderen Seinszustand &#8211; einerseits agierte ich, andererseits stand ich neben mir, jenseits jeder Artikulationsf\u00e4higkeit, jenseits aller Gedanken. Die Katze war tats\u00e4chlich auf &#8222;Anhieb&#8220; bet\u00e4ubt &#8211; doch als ich ihr den Hals umdrehte, wehrte sich zu meinem Entsetzen der kleine K\u00f6rper. Ich hatte nicht geahnt, dass es &#8222;ein Leben jenseits des Bewu\u00dftseins&#8220; gibt, das sich mit aller Kraft gegen den Tod zur Wehr setzt. Und ich durfte dem Entsetzen KEINE SEKUNDE NACHGEBEN sondern mu\u00dfte es ohne jedes Innehalten augenblicklich zu Ende bringen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hab&#8216; ich das hinbekommen &#8211; aber es war, als w\u00fcrde ich selbst dabei sterben. Noch jetzt wird mir ganz anders, wenn ich mich erinnere. Mein K\u00f6rper hatte offenbar die maximal m\u00f6gliche Adrenalindosis ausgesch\u00fcttet &#8211; ich war in Schwei\u00df gebadet, innerlich v\u00f6llig &#8222;leer&#8220;, unf\u00e4hig, mich noch zu r\u00fchren, ein Gef\u00fchl, als w\u00e4re die Welt stehengeblieben. War sie ja auch, f\u00fcr die Katzen.<\/p>\n<p>Seither wei\u00df ich, was das &#8222;sterben lernen&#8220; in verschiedenen \u00dcbungswegen, z.B. im Yoga, eigentlich meint: zu Lebzeiten nicht nur den psychischen Verlust von allem, woran man als Mensch h\u00e4ngt, vorweg zu nehmen (zu &#8222;\u00fcben&#8220;) &#8211; sondern auch den physischen K\u00f6rper dazu zu bringen, sich dem anzuschlie\u00dfen, um in v\u00f6lliger Einheit von Psyche, K\u00f6rper und Geist in Hingabe und Gelassenheit abtreten zu k\u00f6nnen, wenn es soweit ist.<\/p>\n<p>Ich f\u00e4nde es richtig, wenn jeder, der ein Steak genie\u00dft, einmal im Leben eine Kuh schlachten m\u00fc\u00dfte. Wahrscheinlich w\u00fcrde ich darauf verzichten &#8211; aber nach einigen fleischlosen Monaten w\u00fcrde ich ein Huhn t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter hat \u00fcbrigens ein Hund die anderen beiden Katzenjungen gefressen. Meine Einmischung, vorgeblich zur Wahrung des \u00f6kologischen Gleichgewichts, war v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig gewesen. <!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Orkantief Ginger hat im Schlo\u00dfwald eine riesige Buche mit weit \u00fcber einem Meter Stammumfang zum Einsturz gebracht: der Baum hatte sich kurz \u00fcber dem Boden in zwei gleich dicke St\u00e4mme geteilt, eine Stelle, die der F\u00e4ulnis, den Insekten und allerlei Pilzen und Schmarotzerpflanzen optimale Ansatzpunkte bot. 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