{"id":4301,"date":"2000-05-27T12:14:09","date_gmt":"2000-05-27T10:14:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4301"},"modified":"2024-02-15T12:19:30","modified_gmt":"2024-02-15T11:19:30","slug":"der-dunkle-anzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/27\/der-dunkle-anzug\/","title":{"rendered":"Der dunkle Anzug"},"content":{"rendered":"<p>Meine kleine Hetzrede von gestern hat so manchen bewegt: Die &#8222;Herren mit den grauen Seelen in den grauen Anz\u00fcgen&#8220; provozierten Widerspruch: Nicht etwa wegen der Seelen, sondern wegen des Anzugs. Wie ich nur so pauschal urteilen k\u00f6nne, es gebe doch immerhin M\u00e4nner, die ihr Arbeitsleben nachweislich in Jeans &amp; Jogging-Anzug verbr\u00e4chten! Und schlie\u00dflich h\u00e4tten heute zumindest bei einigen Internet-StartUps Frauen das Sagen, die im &#8222;kleinen Schwarzen&#8220; herumlaufen. Ob das besser sei? Wei\u00df ich nicht, m\u00fc\u00dfte ich sehen. Jede &#8222;Uniform&#8220; finde ich seltsam, vor allem, wenn sie sich so lange h\u00e4lt, wie der typische dunkle Anzug des Businessman.<!--more--><\/p>\n<p>Dieser Anzug geht auf den ber\u00fchmten Dandy &#8222;Beau Brummel&#8220; zur\u00fcck, der Anfang des 19. Jahrhunderts in den Londoner Clubs mit der neuen SCHLICHTEN dunklen Kluft Furore machte. Vorher hatten sich M\u00e4nner n\u00e4mlich als bunte Paradiesv\u00f6gel gekleidet, mit schillernden Stoffen, Kniehosen, Troddeln und anderen auff\u00e4lligen Verzierungen &#8211; inklusive Per\u00fccke und Sch\u00f6nheitspfl\u00e4sterchen! Brummel hat die Revolution der m\u00e4nnlichen Kleiderordnung angef\u00fchrt: SCHLICHT und EINFARBIG war jetzt angesagt. <\/p>\n<blockquote><p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2000\/05\/brummel.jpg\" alt=\"Beau Brummel\" width=\"153\" height=\"189\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4302\" \/><\/p>\n<p>George &#8222;Beau&#8220; Brummel, one-time friend of the Prince Regent (called &#8222;Prinny&#8220; for short, but not to his face), did more than anyone to change men&#8217;s fashions. His taste was considered to be exquisite. He snubbed his nose at the coloured silks and elaborate trimmings of the 18th century and made dark coats and cleanliness de rigueur. (Quelle: www.regencygent.com) <\/p><\/blockquote>\n<p>Als kleinen Trost \u00fcber soviel Verlust an Sinnlichkeit hat er gleich die Krawatte mit erfunden, allerdings nicht in heutiger Form, sondern in Gestalt eines t\u00e4glich anders und besonders SCHWIERIG zu bindenden Halstuches &#8211; die halbe Welt versuchte, ihn zu kopieren &#8211; aber er war einfach BESSER. Und die Upper Class konnte in der neuen Kluft dem aufkommenden Industriezeitalter beruhigt ins kalte Auge sehen.<\/p>\n<p>Das ist nun schon ein paar Tage her. Nix gegen Brummel, zu seiner Zeit war er gewi\u00df ein Bringer. Aber da\u00df im Jahr 2000 noch immer das gut geschneiderte, aber optisch karge &#8222;Gentleman-Outfit&#8220; eines Joschka Fischer als das Non-Plus-Ultra verantwortlicher M\u00e4nnlichkeit angesehen wird, ist doch komisch! Wir sind doch mitten im &#8222;Infozeitalter&#8220;, RIESIGE UMW\u00c4LZUNGEN all\u00fcberall, das frei w\u00e4hlende, sich selbst als Projekt kreierende INDIVIDUUM ist die Vorgabe, von der mensch heutzutage ausgehen soll &#8211; oder doch nicht? Man schaue nur in eine Bank, eine Vorstandsitzung, eine Tagung des Unternehmerverbands: grau in grau und schwarz hocken sie nebeneinander und erinnern an die &#8222;Zeitdiebe&#8220; aus Michael Endes &#8222;Momo&#8220;!<\/p>\n<p>Was bedeutet das? Das, was Uniformen schon immer bedeutet haben: Unterwerfung des Individuums unter eine Sache bzw. Funktion, eine symbolische, aber auch k\u00f6rperlich f\u00fchlbare Einschr\u00e4nkung, die von au\u00dfen kommt. Der Mann soll zielgerichtet seine hochwichtigen Aufgaben im Auge behalten und weder Geist noch Emotionen an seine Klamotten verschwenden. Meist hat er das so intus, da\u00df es auch beibehalten wird, wenn er aus den &#8222;Aufgaben&#8220; herausf\u00e4llt &#8211; dann droht die vollst\u00e4ndige \u00e4sthetisch-sinnliche Verwahrlosung im Jogging-Anzug oder \u00e4hnlichen No-Outfits.<\/p>\n<p>Und die Jungen? Die Mens-Health- und Fit-for-fun-Generation? Ja, da ist Fortschritt, da gibt es Banker, die zum dunklen Anzug den Ohrring oder das Piercing in der Augenbraue tragen, geil! Leider begreifen j\u00fcngere M\u00e4nner den eigenen K\u00f6rper f\u00fcr mein Empfinden oft zu sehr als Projekt und builden sich einen Body, der evtl. gar nicht zu ihnen pa\u00dft. Wieder ist es nicht die individuelle Lust, die Freude am Styling, sich-verwandeln, spielerisch inszenieren &#8211; sondern mit aller Power werden Muskeln aufgebaut und &#8222;definiert&#8220; &#8211; das ergibt dieses typische Orang-Utan-\u00dcbergewicht am Oberk\u00f6rper, von dem M\u00e4nner offenbar seit Batman &amp; Superman tr\u00e4umen. Und wenn&#8217;s die Arbeit gebietet, wird das nat\u00fcrlich in den dunklen Anzug gezw\u00e4ngt&#8230;.<\/p>\n<p>Was ist mit den Frauen? Auch ihnen wird verst\u00e4rkt vorgeschrieben, wie eine B\u00fcro-kompatible Kluft auszusehen hat, wenn sie aufsteigen wollen. Doch nie ger\u00e4t das zur M\u00e4nner-typischen Eint\u00f6nigkeit &#8211; warum nicht? Ich vermute, weil Frauen in verantwortlicher Arbeit von vornherein sach-orientierter sind, rationaler und konsequenter, es bedarf keiner &#8222;symbolischen Unterwerfung&#8220; durch die Kleiderordnung. Allerdings NUR, wenn sie selbst sich mit der Aufgabe identifizieren, sie zur &#8222;eigenen Sache&#8220; machen k\u00f6nnen &#8211; wo das nicht funktioniert, hilft auch keine Uniform. Frauen f\u00fchlen sehr viel weniger den inneren Zwang, den Normen irgend einer PeerGroup zu entsprechen und entziehen sich gnadenlos, wenn ihr inneres Engagement erlischt. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine kleine Hetzrede von gestern hat so manchen bewegt: Die &#8222;Herren mit den grauen Seelen in den grauen Anz\u00fcgen&#8220; provozierten Widerspruch: Nicht etwa wegen der Seelen, sondern wegen des Anzugs. Wie ich nur so pauschal urteilen k\u00f6nne, es gebe doch immerhin M\u00e4nner, die ihr Arbeitsleben nachweislich in Jeans &amp; Jogging-Anzug verbr\u00e4chten! 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