{"id":4300,"date":"2000-05-26T12:10:37","date_gmt":"2000-05-26T10:10:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4300"},"modified":"2024-02-15T12:14:06","modified_gmt":"2024-02-15T11:14:06","slug":"das-andere-netz-kleine-hetzrede-zur-internet-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/26\/das-andere-netz-kleine-hetzrede-zur-internet-world\/","title":{"rendered":"Das andere Netz &#8211; kleine Hetzrede zur Internet World"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist also die <strong>Internet-World<\/strong> in Berlin &#8211; und ich bin wieder nicht dort. Wenn ich so die ersten Artikel lese, die dazu erscheinen, sehne ich mich auch nicht ein St\u00fcck danach: Dieses intensive Kreisen um E-Commerce &#8211; sei es nun mittels Shopping-Malls oder mit &#8222;Content&#8220; &#8211; \u00f6det mich mehr und mehr an. Und nicht etwa aus Ressentiment gegen die Wirtschaft, schlie\u00dflich bin ich seit 1997 an vielen Stellen F\u00dcR eine intelligente Kommerzialisierung eingetreten. Es schien mir immer etwas bl\u00f6de, zu erwarten, jemand werde jahrelang &#8222;aus Engagement&#8220; eine gute Website mit aufwendigen Services pflegen, ohne je eine Mark damit zu machen. (Kontinuit\u00e4t mu\u00df bezahlt werden, denn an sich ist das Individuum sprunghaft). Die Puristen, f\u00fcr die das Reich der S\u00fcnde beginnt, wenn sie irgendwo ein Werbebanner sehen, erschienen mir als Relikt einer fernen Vergangenheit, in der man noch von &#8222;Konsumterror&#8220; sprach &#8211; lang ist&#8217;s her.<!--more--><\/p>\n<p>Doch wenn ich jetzt sehe, mit welcher Inbrunst die &#8222;New Economy&#8220; gefeiert wird, wie geistig flach die sp\u00e4t Erwachten aus Politik und den oberen Etagen der Wirtschaft nun ihre Lobges\u00e4nge auf die &#8222;Fantasie&#8220; ablassen, kommt mich das gro\u00dfe G\u00e4hnen an. Die Rede von den UNGEHEUREN UMW\u00c4LZUNGEN, die darin bestehen sollen, da\u00df ich nun ein Produkt per Mausklick erwerbe, das ich bisher im Laden oder im Versandhandel gekauft h\u00e4tte, l\u00e4\u00dft vor allem Schl\u00fcsse auf die begrenzte Fantasie der Redner zu. Vielleicht haben sie ja was im Kopf, aber ihr Herz ist eine W\u00fcste Gobi, ihre Kreativit\u00e4t ist lange schon wegdelegiert und was das Netz angeht, sind sie ahnungslos wie eh und je, weil sie es nicht SELBER NUTZEN.<\/p>\n<p>Wieviele Millionen und Milliarden in den Sand gesetzt werden, weil Ahnungslose mit noch Ahnungsloseren Luftnummern schieben, will ich gar nicht wissen. Was soll&#8217;s auch, Geld soll schlie\u00dflich FLIESSEN, horten w\u00e4re eher sch\u00e4dlich. Aber die Beschr\u00e4nktheit, die die blosse Orientierung auf Kaufen &amp; Verkaufen, Besucherzahlen und Aktienkurse mit sich bringt, diese volle Ignoranz bez\u00fcglich menschlicher Interessen, die dar\u00fcber hinaus gehen, stimmt mich gelegentlich traurig. Geboren werden, Mausklicken erlernen, ein bi\u00dfchen einkaufen und sterben &#8211; ist es das, was sie meinen, wenn sie das Wort &#8222;Fantasie&#8220; in den Mund nehmen?<\/p>\n<p>Genug davon. Warum soll ich mir Gedanken \u00fcber M\u00e4nner mit grauen Seelen in grauen Anz\u00fcgen machen? (Seit Anfang 19. Jahrhundert tragen sie \u00fcbrigens im Prinzip diesselben Klamotten! Muss man sich mal vorstellen! Fantasie&#8230; ha!) Schlie\u00dflich kenne ich das &#8222;andere Netz&#8220;, das ihnen wahrscheinlich lebenslang nicht begegnen wird:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das Fischernetz<\/strong>, ein gro\u00dfer Scanner, mit dem ich aus der un\u00fcberschaubaren Menge ganz unterschiedlicher Individuen DIE Menschen herausfinden kann, mit denen ich etwas zu tun haben will &#8211; unabh\u00e4ngig davon, wo sie wohnen oder arbeiten;<\/li>\n<li><strong>das Netz gegenseitiger Hilfe:<\/strong> Learning by doing w\u00e4re nicht machbar, ohne die vielen Menschen, die bereit sind, ihr Wissen zu teilen und einander zu unterst\u00fctzen. Unbezahlt, auf Gegenseitigkeit &#8211; und deshalb un\u00fcbertrefflich glaubw\u00fcrdig und effektiv;<\/li>\n<li><strong>das Info-Netz:<\/strong> Keinem Arzt und keinem Beamten ist Mensch heute mehr so einfach ausgeliefert &#8211; eine Netzrecherche reicht, um \u00fcber das, was Stand der Dinge, bzw. das, was gerade Recht ist, besser Bescheid zu wissen als das jeweilige Gegen\u00fcber;<\/li>\n<li><strong>das Kunst- und Spiel-Netz:<\/strong> nicht das Erwerben fertiger Produkte ist spannend, sondern das Entwerfen, Gestalten, und Ausexperimentieren eigener, meinetwegen verr\u00fcckter Webwerke und Initiativen &#8211; einschlie\u00dflich der Kontakte, die dabei zustande kommen mit dieser spielerisch-zweckfreien gegenseitigen Inspiration;<\/li>\n<li><strong>das Alltagsnetz:<\/strong> das komplexe t\u00e4gliche Leben zu organisieren, wird immer einfacher und erfolgreicher, je lokaler das Netz wird. Einen Babysitter, eine Reitlehrerin, einen Tanzkurs, einen Chor suchen (oder gr\u00fcnden) ? Schauen, was im Kino oder in den Kneipen los ist? Neue Nachbarschaftsdienste aufbauen, wie Krankenbesuche oder Einkaufshilfen, jenseits der Gro\u00dforganisationen? Alles kein Problem, ein riesiges Feld neuer M\u00f6glichkeiten&#8230;.;<\/li>\n<li><strong>das Kommunikationsnetz:<\/strong> Zu jeder Zeit, wann immer es mich \u00fcberkommt, der Welt etwas mitzuteilen, kann ich das sofort tun. Mailinglisten, Newsgroups, Webboards, Cyberzines, eigene Webseiten und private Mailkontakte absorbieren bereitwillig meine &#8222;Eingabe&#8220; &#8211; und es gibt sogar Antworten, anstatt dass mein &#8222;Kommunikat&#8220; als blosse WARE in Verkaufsregalen und Schrankw\u00e4nden versackt, den \u00fcblichen Gr\u00e4bern einer lebendigen Kommunikation.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Netz als Spiegel &amp; Versuchsfeld: Wer bin ich? Was ist ein Individuum? Was ist Wahrheit, Wirklichkeit, Virtualit\u00e4t? Wer ist DER ANDERE und was will ich von ihm? Wie weit reichen meine M\u00f6glichkeiten, wenn niemand weiss, dass ich ein Hund bin?<\/p>\n<p>Wie armselig und menschlich bedauernswert, angesichts der UNGEHEUREN UMW\u00c4LZUNGEN, die dieses &#8222;andere Netz&#8220; f\u00fcr unser Miteinander und unsere individuellen M\u00f6glichkeiten bedeutet, auf die Anh\u00e4ufung von Dollars fixiert zu sein! Und nicht einmal kommerzielle Erfolge sind sicher, wenn man das andere Netz ignoriert: Man denke nur an die l\u00e4cherlichen Versuche, zur reinen Verkaufsf\u00f6rderung &#8222;Communities&#8220; per Software zu erzeugen oder die soundsovielte schlecht kommentierte Linkliste als &#8222;hoffnungsvollen StartUp&#8220; an die B\u00f6rse zu bringen!<\/p>\n<p>Wann immer &#8222;das grosse Geld&#8220; die Hauptmotivation eines Engagements ist, geht das Projekt mit t\u00f6dlicher Sicherheit am Ziel vorbei: das HERZ des &#8222;Kunden&#8220; anzusprechen, der schlie\u00dflich zwischen unz\u00e4hligen Produkten w\u00e4hlen und f\u00fcr &#8222;herzlose Gesch\u00e4fte&#8220; auf unbestechliche Preisvergleichsseiten zugreifen kann. Viel Spa\u00df beim Dumping! La\u00dft es Euch gutgehen auf den Pappm\u00f6beln, die den Shareholder Value Eurer Unternehmen sch\u00fctzen &#8211; und wenn Ihr mal krank (oder gar ALT!) werdet, oder keinen Bock mehr auf das Rattenrennen habt: Das andere Netz ist immer da&#8230;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist also die Internet-World in Berlin &#8211; und ich bin wieder nicht dort. Wenn ich so die ersten Artikel lese, die dazu erscheinen, sehne ich mich auch nicht ein St\u00fcck danach: Dieses intensive Kreisen um E-Commerce &#8211; sei es nun mittels Shopping-Malls oder mit &#8222;Content&#8220; &#8211; \u00f6det mich mehr und mehr an. Und nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,9,10,7,231],"tags":[1204,959,1203],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4300"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4300"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4300\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}