{"id":43,"date":"2007-01-17T12:15:21","date_gmt":"2007-01-17T10:15:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/01\/17\/leben-in-der-altenrepublik\/"},"modified":"2009-06-16T08:59:28","modified_gmt":"2009-06-16T06:59:28","slug":"leben-in-der-altenrepublik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/01\/17\/leben-in-der-altenrepublik\/","title":{"rendered":"Leben in der Altenrepublik: 2030 kommt bestimmt!"},"content":{"rendered":"<p>Der Blick in die Zukunft des eigenen Alters ist ein Thema, das bei jedem Satz, der mir dazu in den Sinn kommt, gleich Dimensionen annimmt, die mich im Schreiben behindern. 1000 Aspekte fallen mir dazu ein und jede Aussage erscheint sofort problematisch. Eigentlich wollte ich ja titeln<\/p>\n<h2>&#8222;\u00dcberleben in der Altenrepublik&#8220; &#8211;<\/h2>\n<p>konnte es dann aber doch nicht so hinschreiben. Denn: blo\u00dfes \u00dcberleben reicht doch nicht &#8211; ich  w\u00e4re sch\u00f6n bl\u00f6d, mich in der Vorausschau gleich so zu beschr\u00e4nken! Und dann gleich der n\u00e4chste irritierende Gedanke: Man muss auch gehen k\u00f6nnen, wenn es an der Zeit ist. Uralt werden um jeden Preis kann doch nicht oberster Wert sein&#8230;<\/p>\n<p>Tja &#8211; schwierig! Wo anfangen??? Ein m\u00f6glicher und jedenfalls sehr zeitgem\u00e4\u00dfer Titel w\u00e4re auch<\/p>\n<h2>&#8222;Die Altenrepublik und ICH&#8220;<\/h2>\n<p>denn anders als bei anderen brisanten Polit-Themen (Klimakatastrophe, Globalisierung, Arbeitslosigkeit) stellt sich die Frage mit gro\u00dfer Sicherheit ganz pers\u00f6nlich. Nur ein fr\u00fcher Tod oder ein ausreichendes Verm\u00f6gen k\u00f6nnte mich retten, doch das eine kann ich nicht w\u00fcnschen, \u00fcber das andere verf\u00fcge ich nicht.<\/p>\n<p>Lange schon wei\u00df ich, dass ich weit weniger als den Sozialhilfesatz an Rente bekommen werde, wenn alles so weiter geht wie derzeit. Ich werde also maximal &#8222;grundversorgt&#8220; sein, was immer das 2030 bedeuten mag, das Jahr, in dem ich 76 werde.<!--more--><\/p>\n<p>Wenn ich auch hoffe, dann immer noch geistig und k\u00f6rperlich beweglich zu sein, um selbst\u00e4ndig leben zu k\u00f6nnen, so gibt es daf\u00fcr doch keine Garantie. Unabh\u00e4ngig davon wird mir die Grundversorgung nicht reichen. Zwar ist mein Lebensstil eher bescheiden und gen\u00fcgsam,  doch w\u00fcrde der Wegfall dessen, was ich \u00fcber das Sozialhilfelevel hinaus erarbeite, doch drastische Verluste an Bewegungsfreiheit bedeuten.<\/p>\n<p>Vor allem, wenn ich den Wegfall der Arbeit mit bedenke, womit ich ein weiteres Feld der Unsicherheit betrete: Werde ich immer so weiter arbeiten k\u00f6nnen? Werde ich es wollen? Braucht dann noch jemand das, was ich anzubieten habe? Was wird das sein? Als eine, die sich in der selbst gew\u00e4hlten Arbeit verwirklicht, kann ich mir nicht vorstellen, damit jemals aufzuh\u00f6ren. Allerdings arbeite ich schon jetzt deutlich weniger als noch vor zehn Jahren, g\u00f6nne mir ein arbeitsfreies Wochenende ab Samstag mittag, einen Feierabend zwischen 18 und 19 Uhr und auch mal Mittagspausen von ein bis zwei Stunden. Es gibt ein Leben jenseits der Arbeit, und ich vermute, das will mit zunehmendem Alter mehr werden &#8211; jedenfalls dann, wenn es gut geht.<\/p>\n<h2>Was tun?<\/h2>\n<p>Dieses &#8222;gut gehen&#8220; wird nicht von selber kommen, das erscheint angesichts der Prognosen und schwarz gemalten Szenarien zumindest wahrscheinlich. Filme wie <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/15\/0,1872,4294895,00.html\">&#8222;Aufstand der Alten&#8220;<\/a>, der mich gestern zu diesem Beitrag inspiriert hat, regen dazu an, dem Thema ins kalte Auge zu schauen und sich ein paar grunds\u00e4tzliche Fragen zu stellen. Zum Beispiel die, ob ich eher nach der ganz pers\u00f6nlichen Probleml\u00f6sung suchen soll (etwa: alles tun, um noch jede Menge Geld zu verdienen) oder doch eher &#8222;Politik machen&#8220;, um das Los der jeweiligen Alten zu verbessern und so auch f\u00fcrs eigene Alter vorzusorgen.<\/p>\n<p>Beide M\u00f6glichkeiten versprechen keine wirkliche L\u00f6sung. Schaue ich mein bisheriges Verh\u00e4ltnis zur Arbeit an, dann ist sonnenklar: Die Freude an der Arbeit ist mir ein sehr viel h\u00f6herer Wert als das Geld, das ich mit ihr verdiene. Etwas nur deshalb tun, weil es lukrativ ist, kann ich \u00fcber den Einzelfall hinaus nicht zur Linie des Handelns machen &#8211; ich lebe JETZT, nicht f\u00fcr ein besseres Leben irgendwann in der Zukunft. Das war immer schon so und wird sich auch nicht \u00e4ndern, denn es ist die Basis meines Wohlbefindens. Und mit einem etwas h\u00f6heren Sparbeitrag w\u00e4re es ja auch nicht getan. Zur  &#8222;privaten Vorsorge&#8220; bin ich mit 52 zu alt, als dass sich dadurch noch etwas am Zielstatus &#8222;grundversorgt&#8220; \u00e4ndern w\u00fcrde. Da ich auch kein Erbe zu erwarten habe, ist also abzusehen, dass es mir im Alter dreckig gehen wird, wenn ich auf mich alleine gestellt bin &#8211; und Kinder oder reiche Verwandte habe ich keine.<\/p>\n<p>W\u00e4re also &#8222;Politik machen&#8220; die bessere Option?? Welche Politik? F\u00fcr die Lebensbedingungen der heute Alten zu streiten ist ein ehrenwertes und n\u00f6tiges Engagement, doch als solches keine L\u00f6sung der Frage: was wird aus MIR?<\/p>\n<p>Zur Berufspolitikerin (die dann eine ausk\u00f6mmliche Rente bek\u00e4me) tauge ich  nicht, das hab&#8216; ich in meinen aktiven Jahren gelernt. Der Wirkungsgrad im jeweiligen Problem ist mir einfach zu gering: es m\u00fcssen lange Zeit dicke Bretter gebohrt werden und meist  versinkt die urspr\u00fcngliche Intention in kaum \u00fcberschaubarer Komplexit\u00e4t, im Widerstreit der Interessen, in halbseidenen Kompromissen, Machtlosigkeit und Zynismus.<\/p>\n<p>Weit bessere Erfahrungen hatte ich mit B\u00fcrgerinitiativen und anderen selbst geschaffenen Strukturen. Genug Engagement und Mitstreiter voraus gesetzt, kann man so mittels geschickter \u00d6ffentlichkeitsarbeit durchaus Druck aus\u00fcben, der die Politiker in Bewegung versetzt. Allerdings m\u00fcssen die geforderten &#8222;Bewegungen&#8220; einigerma\u00dfen konkret und von konkreten Politikern umsetzbar sein &#8211; und da hapert es bei Gro\u00dfthemen wie  &#8222;Verbesserung der Grundversorgung&#8220;, genau wie beim Thema Arbeitslosigkeit. Klar kann ich  zusammen mit vielen anderen fordern: 1500 Euro B\u00fcrgergeld f\u00fcr alle &#8211; aber ob das irgend etwas bringt?? Schlie\u00dflich m\u00fcssen bald deutlich weniger Junge sehr viel mehr Alte erhalten und grundversorgen. Die Idee, da auch noch kostentr\u00e4chtige Verbesserungen f\u00fcr alle zu erreichen, erscheint zumindest fraglich. Sich &#8222;in eigener Sache&#8220; darauf zu verlassen, w\u00e4re eine idealistisch motivierte Verdr\u00e4ngung des  Problems, kein Schritt hin zur L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Was also tun?? Es weiter einfach auf mich zukommen lassen und das Beste hoffen? Darauf vertrauen, dass ich bis zum Ende genug verdiene, um mich selbst zu erhalten? Sicherheitshalber wenigstens ein bisschen was sparen? Das m\u00fcsste ich dann rechtzeitig in die H\u00e4nde eines &#8222;Jungen&#8220; geben, der es vor der &#8222;Anrechnung&#8220; sch\u00fctzt und mir regelm\u00e4\u00dfig Bargeld vorbei bringt, das kleine Zubrot zur &#8222;Grundversorgung&#8220;? (Merke: Bargeldverkehr muss verteidigt werden!).<\/p>\n<p>Dieser &#8222;Junge&#8220; &#8211; wer sollte das sein und warum sollte er das f\u00fcr mich tun? Zum Gl\u00fcck k\u00f6nnte ich heute einen deutlich j\u00fcngeren Menschen benennen, der es JETZT machen w\u00fcrde, weil er mich als seine Geliebte mag. Wie es aussieht, wenn ich mal 70 und nur noch &#8222;eine Freundin&#8220; bin, kann ich nicht voraus wissen. Sicher aber wird es davon abh\u00e4ngen, auf welche Weise ich von der Geliebten zur Freundin werde &#8211; und WAS ihm diese Freundin dann noch bedeutet.<\/p>\n<p>Diese Spur lohnt es sich zu verfolgen. Ganz allgemein wird meine Situation im Alter davon abh\u00e4ngen, wie viele j\u00fcngere Menschen es gibt, die darauf Wert legen, dass es mir gut geht. Mit Altersgenossen versteht man sich am leichtesten, doch gerade sie sind nicht besonders hilfreich, wenn es darum geht,  mit Bed\u00fcrftigkeit  und Schw\u00e4che im Alter zurecht zu kommen &#8211; sind sie doch vermutlich in \u00e4hnlicher Lage.<\/p>\n<h2>Freundschaft mit alten Menschen?<\/h2>\n<p>Als ich mich vor ein paar Jahren schon einmal mit der Frage nach dem Alter besch\u00e4ftigte, war ich h\u00f6chst emp\u00f6rt \u00fcber die teils desolate Lage vieler Alter. Berichte \u00fcber den Pflegenotstand und menschenunw\u00fcrdige Bedingungen in den Heimen, \u00fcber vereinsamte Alte ohne jeden Kontakt hatten mich sehr ber\u00fchrt. Ich wollte etwas tun, mich nicht heraus halten und wenigstens ein bisschen helfen &#8211; au\u00dferdem hatte ich &#8222;Lust auf Alte&#8220;, die in meinem Leben praktisch nicht vorkommen, wenn man vom j\u00e4hrlichen Besuch bei meiner Mutter absieht.<\/p>\n<p>Ich ging zum &#8222;Verein der Freunde alter Menschen&#8220; und hatte dort die Wahl, entweder Seniorennachmittage mit Kaffee, Kuchen und &#8222;lustigen Bingo-Spielen&#8220; mitzugestalten oder w\u00f6chentlich einige Stunden mit einsamen Alten zu telefonieren, die keine Besuche w\u00fcnschten. &#8222;Besucher&#8220; konnte man erst nach einiger Vorbereitungszeit werden, also entschied ich mich f\u00fcr den Telefondienst.<\/p>\n<p>Tja, und da erlebte ich recht schnell meine Grenzen! Mit Ausnahme einer lustigen Witwe, die alles andere als vereinsamt war und den Dienst eigentlich nicht brauchte, waren es sehr gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftige Alte! Verschroben, egozentrisch, abgefahren in eigene Fantasiewelten, unfreundlich, fordernd, manchmal direkt unversch\u00e4mt. Ihr Denken kreiste einzig um die je eigene Vergangenheit, sie klagten und schimpften auf die wenigen, mit denen sie noch Umgang hatten und auf die b\u00f6se Welt &#8211; es war psychisch \u00e4u\u00dferst anstrengend, mit ihnen zu reden. Dass sie sich \u00fcber den Kontakt irgendwie freuten, war nicht feststellbar. Ich erkannte, dass diesen Alten nicht zu &#8222;helfen&#8220; war, sie waren festgefahren in ihrem So-Sein und nicht mehr im Stande, sich auf andere Menschen einzulassen, geschweige denn, ihnen irgend etwas zu geben. Meine Achtung vor Altenpflegern und einschl\u00e4gig Engagierten wuchs, doch schon nach wenigen Wochen stieg ich aus diesem Ehrenamt einigerma\u00dfen ern\u00fcchtert wieder aus.<\/p>\n<h2>Geben und Nehmen<\/h2>\n<p>Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich nicht &#8222;nur geben&#8220; kann, sondern von jeglichem sozialen Engagement auch etwas erwarte. Ich hatte mir &#8211; ohne mir dessen bewusst zu sein &#8211; &#8222;weise Alte&#8220; erhofft:  Menschen, die jenseits des Erwerbslebens mit seinem Stress und seinen Zw\u00e4ngen angekommen sind und nun mit offenem Geist und Humor auf das allgemeine Rattenrennen schauen; M\u00e4nner und Frauen, deren heitere Gelassenheit und meditative Ruhe das Herz ber\u00fchrt und innere Distanz zur st\u00e4ndigen Gesch\u00e4ftigkeit weltlichen Handelns erleben l\u00e4sst; Alte, die im Reich des Wesentlichen beheimatet sind und aus dieser F\u00fclle heraus GEBEN k\u00f6nnen. Unter den verbitterten Egozentrikern, mit denen ich telefonierte, fand ich diese Menschen nicht, was eigentlich nicht wundert: WEISE ALTE brauchen keinen &#8222;Verein der Freunde alter Menschen&#8220;, denn sie haben Freunde, vermutlich mehr, als sie empfangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die beste Vorsorge (neben anderen Formen des Engagements) f\u00fcr&#8217;s eigene Alter wird also sein, die &#8222;weise Alte&#8220; in mir wachsen zu lassen, meine Liebe nicht auf den Geliebten und gleichaltrige Freunde zu beschr\u00e4nken, sondern offen zu bleiben f\u00fcr Andere und ihre Sorgen. Der Hang zur Egozentrik und eine fordernde Anspruchshaltung gegen\u00fcber der Welt f\u00fchrt direkt in Alterseinsamkeit und Elend. Wer k\u00f6nnte es den J\u00fcngeren denn verdenken, dass sie Schreckschrauben und Jammerlappen im pers\u00f6nlichen Leben eher meiden und den Umgang an Institutionen delegieren? Der Fluss des Nehmens UND Gebens darf nicht ins Stocken geraten, sonst landet man auf dem Abstellgleis &#8211; ein Ort, der bei knapper werdenden Ressourcen schnell zur Vorh\u00f6lle ger\u00e4t.<\/p>\n<p>In der gesellschaftlichen Diskussion \u00fcber das Thema &#8222;Altenrepublik&#8220; ist viel die Rede von Gerechtigkeit, Menschenw\u00fcrde, notwendigem b\u00fcrgerlichen Engagement.  Dass weniger Junge mehr Alte werden versorgen m\u00fcssen, wird dabei ausschlie\u00dflich als \u00f6konomisches Problem verhandelt. Dabei ist der alles absichernde Sozialstaat l\u00e4ngst Vergangenheit, jedenfalls f\u00fcr die, die ab 2020 &#8222;richtig alt&#8220; sein werden &#8211; also f\u00fcr UNS!   Wir tun also gut daran, zu \u00fcberdenken, wie wir f\u00fcr die Welt n\u00fctzlich bleiben, so dass die Jungen auch gute Gr\u00fcnde haben, uns nicht in Versorgungsanstalten mit miesester &#8222;Grundpflege&#8220; endzulagern und einfach zu vergessen.<\/p>\n<p>Daran zu arbeiten, ist eine individuelle Aufgabe &#8211; ich bleibe dran.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blick in die Zukunft des eigenen Alters ist ein Thema, das bei jedem Satz, der mir dazu in den Sinn kommt, gleich Dimensionen annimmt, die mich im Schreiben behindern. 1000 Aspekte fallen mir dazu ein und jede Aussage erscheint sofort problematisch. 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