{"id":4297,"date":"2000-05-21T11:42:04","date_gmt":"2000-05-21T09:42:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4297"},"modified":"2024-02-15T11:46:39","modified_gmt":"2024-02-15T10:46:39","slug":"arbeit-ein-bisschen-autobio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/21\/arbeit-ein-bisschen-autobio\/","title":{"rendered":"Arbeit &#8211; ein bi\u00dfchen Autobio&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr den 14.Juli bin ich nach N\u00fcrnberg eingeladen, zu einem &#8222;\u00f6ffentlichen Gespr\u00e4ch&#8220; zum Thema Arbeit. (Das ist die Website des Projekts &#8211; eine nette Flash-Orgie!). Ich hab&#8216; die Einladung angenommen, weil es eines meiner bevorzugten Themen ist. Und wenn die meinen, ich k\u00f6nne da &#8218;was beitragen, warum nicht?<!--more--><\/p>\n<p>Die &#8222;Einheit von Leben &#038; Arbeiten&#8220; ist f\u00fcr Leute meiner Generation ein Ideal gewesen. Nicht in zwei verschiedenen Welten leben: von 9 bis 5 B\u00fcro-kompatibel gekleidet, mit entsprechender Sprache und einem angepa\u00dften Verhaltensrepertoire, der Rest dann &#8222;Freizeit&#8220;, in der man &#8222;abh\u00e4ngt&#8220; oder sich irgendwie auslebt, meist durch reine Konsum-Aktivit\u00e4ten. &#8222;Tu nichts, wof\u00fcr du andere Kleider anziehen mu\u00dft!&#8220; war seit je mein Leitspruch und mit Ausnahme einiger Kurzjobs in Beh\u00f6rden rund ums Abi und Studium hab&#8216; ich das auch durchgezogen.<\/p>\n<p>Nichts ist so lehrreich, wie kompromi\u00dflos die eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Am Ziel meiner W\u00fcnsche mu\u00dfte ich schmerzhaft erfahren, da\u00df ich praktisch auf dem Zahnfleisch ging. Nicht gleich, (die Begeisterung tr\u00e4gt Mitte 20 weit), aber nach ein paar Jahren. Rund um die Uhr &#8222;in meinen Funktionen&#8220; t\u00e4tig, hatte ich gar kein eigenes Leben mehr, keine Freunde jenseits der Arbeit und auch nichts, was mir Ausgleich &#038; Entspannung erm\u00f6glicht h\u00e4tte. (Daf\u00fcr war alles wahnsinnig SPANNEND! Und ich f\u00fchlte mich ja so WICHTIG, geradezu UNERSETZLICH!) Mitte 30 war ich am Ende. Mein Ideal war durch seine Verwirklichung in Grund und Boden gestampft worden &#8211; und ich mit.<\/p>\n<p>Ein paar Jahre Nichts-Tun folgten. W\u00e4hrend der letzten Aktivit\u00e4t hatte ich mir durch eine halbj\u00e4hrige Festanstellung vorausschauend &#8222;unbefristete Arbeitslosenhilfe&#8220; gesichert. Damit ging ich praktisch in Rente, ratlos, wie ich die Arbeitswelt noch einmal betreten sollte, ohne mir derart die Finger zu verbrennen. &#8222;Entfremdete Arbeit&#8220; kam nat\u00fcrlich nach wie vor nicht in Frage.<\/p>\n<p>Das Herumh\u00e4ngen und In-die-Toscana-fahren ist nun auch kein Leben, das sich auf Dauer leben l\u00e4\u00dft, nicht f\u00fcr mich, die ich eher an zuviel als zuwenig Tatendrang &#8222;leide&#8220;. Auf einmal entdeckte ich, dass COMPUTER pl\u00f6tzlich in aller Munde waren und begann, neugierig das Fachblatt CHIP zu lesen. Und ein Jahr sp\u00e4ter, als ich schon dauernd \u00fcberlegte, wie ich der Sache n\u00e4her treten k\u00f6nnte, bot sich die M\u00f6glichkeit einer Umschulung\/Weiterbildung zur &#8222;EDV-Fachkraft&#8220;. Das war&#8217;s!<\/p>\n<p>Ab jetzt lebte ich &#8222;in Symbiose&#8220; mit dem Ger\u00e4t und entdeckte jeden Tag neue Welten der Kreativit\u00e4t. Das Arbeitsamt zitierte mich nach Abschlu\u00df der Umschulung eiligst an die ABM-Front: Umweltprojekte managen. Und, tatendurstig wie ich war, wurde ich schon bald als Projektleiterin &#8222;fest angestellt&#8220;. Himmel, das war es doch, was ich nie wollte! Von 9 bis 5 war es jetzt mein Job, den seltenen Funken des Engagements in meinen Kollegen zu entz\u00fcnden. Und daneben die Kampagnen zu organisieren, an den Antr\u00e4gen auf F\u00f6rderungsgelder mitzuschreiben &#8211; naja, war eine Zeit lang richtig spannend, aber nach zweieinhalb Jahren gab es auf dieser Schiene nichts mehr Neues.<\/p>\n<p>1995 dann, als im Berliner Haus der Kulturen f\u00fcr 4 Wochen ein &#8222;Internet-Cafe&#8220; er\u00f6ffnete, war ich zum ersten mal mit einem ans Netz angeschlossenen PC alleine. 10 Minuten, und es war um mich geschehen. Zwar zeigte der Bildschirm Seiten zur Reichstagsverpackung durch Christo, die gerade lief &#8211; doch ein paar Mausklicks brachten mich ins weite Web: Ich war ersch\u00fcttert! Es war das, was ich nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte: das finale Fenster zur Welt, die Lizenz zum Kontakt, die M\u00f6glichkeit, ohne jede Einschr\u00e4nkung den eigenen Impulsen zu folgen, weit hinaus \u00fcber alles, was bisher als &#8222;Arbeit&#8220; oder &#8222;Freizeit&#8220; m\u00f6glich &#038; machbar gewesen war.<\/p>\n<p>Ich verlie\u00df meinen BAT-2-Job. Das Arbeitslosengeld hat gut gereicht, um mir eine intensive Zeit des Lernens im Netz zu gestatten. Schon bald konnte ich der &#8222;St\u00fctze&#8220; ade sagen und von Auftr\u00e4gen leben, f\u00fcr die ich mich jetzt erst recht nicht &#8218;anders kleide&#8216;. Mit Leuten arbeiten, die mir symphatisch sind und die ich nicht erst &#8222;motivieren&#8220; mu\u00df! Fast meine s\u00e4mtlichen Arbeitskontakte sind aus nonkommerziellen Netz-Aktivit\u00e4ten entstanden und das entwickle ich jetzt selber weiter, binde auch gern Freunde, die ich &#8222;nur so&#8220; kennen &#038; sch\u00e4tzen lerne, in Brot-Projekte ein. Es erm\u00f6glicht eine optimale Verbindung des Angenehmen mit dem N\u00fctzlichen, denn das menschliche Bed\u00fcrfnis nach Kontinuit\u00e4t, Berechenbarkeit und &#8222;Historie&#8220; bekommt so seinen korrekten Ort: Im &#8222;Reich der Notwendigkeit&#8220; und nicht in dem der Freiheit, in dem allein das Treffen mit dem ANDEREN sein Faszinosum beh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Freizeit? H\u00e4tte ich fr\u00fcher nicht mal dran gedacht, doch jetzt gewinnt sie zunehmend Bedeutung. Oberstes Gebot meines &#8222;Wohnens am Arbeitsplatz&#8220; ist sowieso, psychisch-mental nicht mehr in echten Stress zu geraten. Stress ist, zu glauben, die Welt falle ein, wenn ein Gif auf der Website flackert oder wenn der Auftraggeber etwas nicht sch\u00f6n findet und \u00c4nderungen vorschl\u00e4gt, die jedem NetKnowHow widersprechen. Stress ist, sich die Angelegenheiten anderer weit \u00fcber den konkreten Auftrag hinaus zu eigen zu machen und vor allem das Bed\u00fcrfnis, \u00fcberall als die Kompetente und auch mit 40 Fieber noch als Immer-Zuverl\u00e4ssige da stehen zu wollen. Stress bringt auch das Unverm\u00f6gen, die eigenen Gedanken dem aktuell gew\u00e4hlten Verhalten anzupassen: wenn ich &#8222;Freizeit&#8220; lebe, dann bringt es niemandem etwas, wenn ich dabei ein schlechtes Gewissen schiebe, im Gegenteil, ich mindere dadurch ihren Erholungswert und schade mir und meinen Auftraggebern.<\/p>\n<p>Yoga hat mir unendlich geholfen, die automatische Verschr\u00e4nkung von Gedanken, Gef\u00fchlen und k\u00f6rperlichem Befinden zu durchblicken, und diesen Automatismus, der z.B. Stress f\u00fchlen l\u00e4\u00dft, durchbrechen zu lernen. Aber das ist eine andere Geschichte&#8230;. (siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/entspann.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Entspannung<\/a> &#8211; mein Gott, hab&#8216; ich damals noch viele Worte gemacht..! Heute w\u00fcrde ich das anders schreiben).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den 14.Juli bin ich nach N\u00fcrnberg eingeladen, zu einem &#8222;\u00f6ffentlichen Gespr\u00e4ch&#8220; zum Thema Arbeit. (Das ist die Website des Projekts &#8211; eine nette Flash-Orgie!). Ich hab&#8216; die Einladung angenommen, weil es eines meiner bevorzugten Themen ist. 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