{"id":4294,"date":"2000-05-18T11:32:59","date_gmt":"2000-05-18T09:32:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4294"},"modified":"2024-02-15T11:36:37","modified_gmt":"2024-02-15T10:36:37","slug":"multiple-ichs-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/18\/multiple-ichs-2\/","title":{"rendered":"Multiple Ichs"},"content":{"rendered":"<p>21 Fotos rieselten heute fr\u00fch in meine Mailbox &#8211; eine Auswahl der Portraits, die vor drei Wochen in einer Fotosession entstanden waren. &#8222;Du kannst dich nicht selber fotografieren&#8220;, hatte der Fotograf gesagt, als ich von meinen Selbstbild-Versuchen mit der DigiCam berichtet hatte, &#8222;du mu\u00dft die Verantwortung f\u00fcr die Bilder abgeben&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Gut, er war witzig, &#8222;arbeitsbereit&#8220; und mir fremd genug, um es mich auszuprobieren zu lassen. Trotzdem ist es eine gro\u00dfe H\u00fcrde, sich von jemandem derart intensiv ablichten zu lassen: schlie\u00dflich entstehen dabei jede Menge grauenhafte Ansichten, die &#8222;au\u00dferhalb meiner Kontrolle&#8220; in die Welt kommen, zumindest ins Ged\u00e4chtnis des Fotografen. Deshalb ist es gut, sowas mit einem Fremden zu machen, gegen\u00fcber dem sich noch nicht das Gefallen-Wollen oder eine bestimmte Message in den Vordergrund dr\u00e4ngt. Im \u00fcbrigen sind Kontrollverluste faszinierend, gerade f\u00fcr Leute mit starker Kontrolltendenz wie mich &#8211; und ich bin immer froh, wenn das auf nicht-destruktive Weise zu Tage tritt.<\/p>\n<p>Ich packte die Bilder also in ein Verzeichnis, startete ein Album-Programm und lie\u00df sie mir als Diashow vorspielen &#8211; dabei zum einen auf die Fotos achtend, zum anderen auf meine eigenen Reaktionen und Gef\u00fchle. Wow, was f\u00fcr Eindr\u00fccke! Die Frauen auf den Bildern sind beeindruckend verschieden. Manche kenne ich gut, andere sind mir weitgehend fremd &#8211; unabh\u00e4ngig davon, wie symphatisch oder unsymphatisch, sch\u00f6n oder h\u00e4\u00dflich sie aussehen.<\/p>\n<p>Mehrfach wiederhole ich die Show &#8211; und langsam erkenne ich Verwandte. Mein Oma zum Beispiel, auf einigen Bildern bin ich ihr verdammt \u00e4hnlich &#8211; Mutter und Vater nat\u00fcrlich , aber auch meine Schwestern. Alle sind in diesen Gesichtern enthalten, machen einen Teil der Fremdheit aus. Einen weiteren Fremdheitsschub gewinnen die Fotos dadurch, da\u00df meist EIN Aspekt das ganze Bild dominiert &#8211; ein Aspekt meiner selbst, denn ich ja im &#8222;realen Leben&#8220; niemals derart isoliert sp\u00fcre: die Skeptische, die \u00c4ngstliche, die Nachdenkliche, die Verbitterte, die Mi\u00dftrauische, die Kampfbereite, die Gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige, die Liebensw\u00fcrdige, die Z\u00e4rtliche &#8211; die alte Frau, das M\u00e4dchen und nicht zuletzt der &#8222;Mann in mir&#8220;.<\/p>\n<p>Eine seltsame Erfahrung. Spannend, doch sp\u00fcrbar belastet dadurch, da\u00df die explizite Besch\u00e4ftigung mit dem &#8222;Ich&#8220; f\u00fcr mich etwas S\u00fcndiges hat. Das Gebot &#8222;Denk nicht an Dich, sondern an andere&#8220;, sitzt immer noch tief, was nicht unbedingt hei\u00dft, da\u00df ich dem auch entspreche.<\/p>\n<p>Die Fotosession hat mich schon als blo\u00dfes Ereignis mit meinem vielfach gespaltenen Verh\u00e4ltnis zum &#8222;eignen Bild&#8220; konfrontiert &#8211; die Bilder erz\u00e4hlen einen Teil der Geschichte, warum das so ist. Ich habe nicht vor, da stehen zu bleiben. Es lockt mich, weiter in die Tiefe der Angelegenheit einzusteigen &#8211; zum einen m\u00f6chte ich alle Aspekte, die mir die Bilder zeigen, kennen und im Bewu\u00dftsein tragen. Und andere Aspekte m\u00f6chte ich schlicht verabschieden, sie sind das Ergebnis parzieller Verwahrlosungen, die durch Einseitigkeiten im Lebensstil entstehen. Deshalb nannte ich die Bilder kurz nach der Session auch &#8222;Abschiedsfotos&#8220; &#8211; nicht alles, aber einiges ver\u00e4ndert sich. Real Life ist Bewegung, ein Gl\u00fcck!<\/p>\n<p>Die Fotos mit den &#8222;Teilaspekten&#8220; werde ich nie ins Web stellen &#8211; allenfalls mal im Rahmen einer Kunst-Site, und dann noch viel weiter ver\u00e4ndert, zeichenhaft umgeformt. Fotos im Web sind eben keine Infos, sondern Botschaften. Wenn ein Bild einfach nur die Message &#8222;Claudia Klinger&#8220; als Content aufweisst, w\u00e4re ein Anblick der Lunge von innen nur eine Teilwahrheit und als solche verzerrend.<\/p>\n<p>Am &#8222;ganzheitlichsten&#8220; aus der ganzen Serie ist dieses Foto. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/c1.jpg\" alt=\"Claudia Portrait\" width=\"200\" height=\"271\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4295\" \/><\/p>\n<p>Komisch, da\u00df das auch der Fotograf gewu\u00dft hat, der es mit ck01.jpg betitelte. Sicher nicht, weil es als erstes aus der T\u00fcte gefallen ist. (Ein wenig fremd ist es mir trotzdem noch&#8230;) <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21 Fotos rieselten heute fr\u00fch in meine Mailbox &#8211; eine Auswahl der Portraits, die vor drei Wochen in einer Fotosession entstanden waren. &#8222;Du kannst dich nicht selber fotografieren&#8220;, hatte der Fotograf gesagt, als ich von meinen Selbstbild-Versuchen mit der DigiCam berichtet hatte, &#8222;du mu\u00dft die Verantwortung f\u00fcr die Bilder abgeben&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[471],"tags":[1190,1189],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4294"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4294"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4294\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}