{"id":4290,"date":"2000-05-13T11:11:38","date_gmt":"2000-05-13T09:11:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4290"},"modified":"2024-02-15T11:13:28","modified_gmt":"2024-02-15T10:13:28","slug":"die-mutter-aller-staedte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/13\/die-mutter-aller-staedte\/","title":{"rendered":"Die Mutter aller St\u00e4dte"},"content":{"rendered":"<p>Seit Wochen ist es hier so sch\u00f6n, da\u00df es fast weh tut. Stahlblauer Himmel, ein explodierender Fr\u00fchling, der jetzt in die satte, reife Phase wechselt. Alle Natur feiert ihr j\u00e4hrliches Fortpflanzungsfest und die Schnecken kriechen aus der Erde, um zu schauen, ob jemand mal wieder gewagt hat, einen Salat anzupflanzen, den sie sorfort verfr\u00fchst\u00fccken werden. Auch meine Intimfeinde, die Hornissen, sind schon schwer aktiv. Das unverwechselbar tiefe Brummen h\u00f6re ich auf 10 Meter Entfernung, mu\u00df mir unbedingt ein Fliegengitter f\u00fcrs Fenster besorgen, damit sie mich nicht wieder im Zimmer besuchen. Alte Feinde lernt man sch\u00e4tzen, denn sie lehren Dinge, die von Freunden nicht kommen k\u00f6nnen. Trotzdem will ich sie nicht allzu nah.<!--more--><\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he gibt es einen See, 10 Minuten mit dem Auto, halbe Stunde mit dem Rad. Ein Strand mitten im Wald, sogar mit einem Streifen Sand an der Wasserlinie, nur wenig Menschen. Wenn mir der Blick in den Monitor auf die Nerven geht, kann ich von jetzt auf gleich dorthin abhauen: ein bi\u00dfchen Schwimmen, im Sand liegen &#8211; meine G\u00fcte, fr\u00fcher war all das so fern von meinem Metropolenalltag! In Berlin kostete es eineinhalb Stunden anstrengende Autofahrt durch \u00fcbelsten Stadtverkehr, bis man auch nur die Stadtgrenze erreicht hatte. Dann nochmal solange &#8222;Suchfahrt&#8220;, wenn man anderes im Sinn hatte, als sich an einem lauten, von Massen belagerten Strand von nassen Hunden bespritzen zu lassen. Wie konnte ich es nur 20 Jahre im H\u00e4usermeer aushalten, mit zwei Ausfl\u00fcgen nach DRAUSSEN pro Jahreszeit?<\/p>\n<p>Klar, ich brauchte &#8222;das Soziale&#8220;, war auf der Suche nach den &#8222;richtigen&#8220; Mitmenschen und nach Ereignissen, irgendwelchen besonderen Ereignissen, die die Stadt mit all ihren M\u00f6glichkeiten zu versprechen schien. Doch realistisch gesehen findet sich das Wunderbare an der Stadt nur in der Literatur und im Auge des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>Als ich letzten Sommer endlich gehen konnte, hatte ich es schon jahrelang aufgegeben, ein Nachtleben zu f\u00fchren oder gro\u00dfartig KULTUR zu konsumieren. Durch das Netz hatte sich zudem eine neue Welt erschlossen, in der ich einen gro\u00dfen Teil meiner Bed\u00fcrfnisse nach Sozialit\u00e4t sehr viel besser leben kann als etwa mit den zuf\u00e4lligen Nachbarn in einem Gr\u00fcnderzeit-Altbau, oder mit den alten Freunden aus unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen, mit denen ich Vergangenheit teile, aber nichts mehr sonst. Ganz besonders war mir das Menschengew\u00fchl auf die Nerven gegangen, in dem ich mich t\u00e4glich bewegen mu\u00dfte, wollte ich mal was anderes sehen als meine vier W\u00e4nde. Um so vielen Menschen zu begegnen und doch nicht zu begegnen braucht es einen besonderen Panzer, der dieses automatische Aneinandervorbeisehen erm\u00f6glicht, das emotionslose \u00fcber alles hinwegsehen, das nun mal unverzichtbar ist, will man in der Stadt nicht irre werden und seiner eigenen Wege gehen.<\/p>\n<p>Ich war Spitze im &#8222;Vorbeisehen&#8220;, selbst mein Lebensgef\u00e4hrte konnte mir auf der Stra\u00dfe begegnen, ich bemerkte ihn nicht. &#8222;V\u00f6llig dicht&#8220; nach au\u00dfen, zog ich meine kleinen Kreise und ignorierte einige Jahre das wachsende Gef\u00fchl, am falschen Ort zu sein. Da ich IMMER in St\u00e4dten gelebt hatte, lag es lange ganz au\u00dferhalb meiner Denkwelt, das zu \u00e4ndern!<\/p>\n<p>Jetzt lebe ich mitten im Paradies und das Netz ist meine Stadt, eine Stadt, die alle St\u00e4dte umfa\u00dft, die wirklichen und die virtuellen der Literatur und Kunst. Hier kann ich &#8211; wenn ich mag &#8211; auch mitten am Tag ins Nachtleben einsteigen und mitten in der Nacht arbeiten. Vergleichsweise leicht finde ich Menschen, mit denen es Ber\u00fchrungspunkte gibt (ja, und die treff ich dann auch real, keine Sorge!). Je \u00e4lter ich werde, desto anspruchsvoller werde ich in Bezug auf das Zusammensein mit anderen. Es mu\u00df schon mehr da sein als ein bi\u00dfchen Hormonstress oder gegenseitige Ego-Beweihr\u00e4ucherung, mehr vor allem als das blosse Gef\u00fchl, nicht allein zu sein, bzw. nicht allein sein zu wollen, zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich bin gern allein. Nicht immer, aber immer \u00f6fter. H\u00e4tte ich mir fr\u00fcher nie tr\u00e4umen lassen! Das Erleben der Virtualit\u00e4t des Netzes ist verschmolzen mit der immer-schon-virtuellen Welt meiner Gedanken, Fantasien und Erinnerungen. Alles liegt auf den Festplatten bereit, faktisch nur Sequenzen aus Nullen und Einsen, doch &#8222;virtuell&#8220; sind es Welten, die zu realer Welt werden, wenn man zugreift. Auf die gleiche Art steht auch alles in der physischen Welt zur Verf\u00fcgung, immer zugriffsbereit. Ich brauche nur den Willen und die richtigen Greifer &#8211; ein technisches Problem, k\u00f6nnte man sagen.<\/p>\n<p>So h\u00e4ngt also alles mit allem zusammen und alles ist jederzeit f\u00fcr mich da &#8211; virtuell zumindest. Das ist die H\u00e4lfte der Wahrheit, die H\u00e4lfte, nach der mensch in der ersten Lebensh\u00e4lfte so dringend verlangt. Die andere H\u00e4lfte kommt in Gestalt der Frage: Bin auch ICH f\u00fcr alles und alle zu jeder Zeit da?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Wochen ist es hier so sch\u00f6n, da\u00df es fast weh tut. Stahlblauer Himmel, ein explodierender Fr\u00fchling, der jetzt in die satte, reife Phase wechselt. 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