{"id":4288,"date":"2000-05-11T10:53:03","date_gmt":"2000-05-11T08:53:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4288"},"modified":"2024-02-15T10:56:35","modified_gmt":"2024-02-15T09:56:35","slug":"der-koerper-als-text","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/11\/der-koerper-als-text\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6rper als Text"},"content":{"rendered":"<p>Sport war f\u00fcr mich immer schon Mord. Als Kleinste, J\u00fcngste und einen komischen Dialekt Sprechende (Schw\u00e4bin unter Hessen!) hatte ich in der Kinderhorde schlechte Karten, war k\u00f6rperlich v\u00f6llig unterlegen und bekam das stets zu sp\u00fcren, meist auf unangenehme Art. Ich konnte nicht so schnell laufen wie die \u00c4lteren, mich nicht wehren, wenn sie mich angriffen, versagte &#8211; zu ihrer Freude! &#8211; bei jedem Wettspiel, kurzum: eine volle Niete! Ich lernte fr\u00fch das HASSEN, ha\u00dfte meine \u00dcbelt\u00e4ter, deren \u00fcberm\u00e4chtiger Gewalt ich t\u00e4glich ausgesetzt war. Und ganz automatisch entstand so Ha\u00df und Verachtung f\u00fcr k\u00f6rperliche Kraft und Anstrengung in jeder Form.<!--more--><\/p>\n<p>Daf\u00fcr konnte ich schon vor der Schule lesen &#038; schreiben &#8211; Gro\u00df- und Kleinschrift. Durch blo\u00dfes Nachfragen (Was steht da?) hatte ich es mir selber zusammengereimt. Zwar n\u00fctzte mir das wenig bei den anderen Kindern, doch es \u00f6ffnete mir sehr fr\u00fch die T\u00fcr in eine andere Welt: Die Gutenberg-Galaxis war meine Rettung. Zwischen 5 und 12 las ich die gesamte Kinderabteilung der Leihb\u00fccherei durch, alles, was mich nicht zu Tode langweilte. Und das war eine Menge!<\/p>\n<p>Erst wu\u00dfte ich nicht, wie ich ein Buch aus den unz\u00e4hligen Regalen ausw\u00e4hlen sollte und fragte meine Mutter. Sie gab mir den Tip: &#8222;Schlag es irgendwo auf und schau, ob da viel &#8218;w\u00f6rtliche Rede&#8216; vorkommt. Dann kannst du es nehmen&#8220;. Meistens folgte ich diesem Rat und wurde selten entt\u00e4uscht. Doch experimentierte ich auch: Griechische Heldensagen in Hexametern erfreuten mich durch diesen seltsamen Sprachrythmus, den ich durch eigene Spr\u00fcche &#8211; im gleichen Sound &#8211; zu kopieren versuchte.<\/p>\n<p>In der Schule war alles leicht, ich langweilte mich, w\u00e4hrend die anderen Schwierigkeiten hatten, einfach nur die Buchstaben zu lernen. Zum ersten Mal war ich BESSER, erfolgreicher, nicht mehr die Hinterletzte, sonder VORN DRAN. Was f\u00fcr ein Gef\u00fchl&#8230;. Nur im Sportunterricht, da behielt ich die alte Rolle. Wurde immer unter den letzten ausgew\u00e4hlt, wenn es darum ging, eine &#8222;Mannschaft&#8220; zusammenzustellen und bei Wettrennen zog ich es oft vor, hinzufallen und mir das Knie blutig zu schlagen, anstatt wieder mal keuchend und v\u00f6llig fertig als Nachz\u00fcglerin ins Ziel zu gehen, wo die anderen warteten und \u00fcber mich lachten.<\/p>\n<p>Alle schnellen Bewegungen, alle Anstrengungen, die heftiges Atmen hervorrufen, waren und blieben mir verha\u00dft &#8211; tats\u00e4chlich sch\u00e4tzte ich diese Phasen sp\u00e4ter nicht mal beim Sex! Ohne da\u00df mir je eingefallen w\u00e4re, woher dieses Mi\u00dfempfinden r\u00fchrte, das ich erst jetzt versuchsweise an mich heranlasse. Klar, da\u00df mein Weg \u00fcber den B\u00fccherwurm zum Screenpotato vorgezeichnet war. In den virtuellen Welten der Gutenberg-Galaxis l\u00e4\u00dft sich viel erleben &#8211; und mancher MindFuck brachte mir weit gr\u00f6\u00dferes Vergn\u00fcgen als das bewegte Leben, das ich in den Zeiten der &#8222;sexuellen Befreiung&#8220; so angestrengt f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Zur Zeit fahre ich t\u00e4glich Fahrrad &#8211; das bringt mich in der ersten Phase so weit weg von Home, da\u00df ich meine Runde auch zu Ende fahre. Zur\u00fcck LAUFEN w\u00fcrde einfach zu lange dauern (die Arbeit ruft&#8230;) Auf der Strecke gibt es verschiedene Steigungen, die mich wirklich au\u00dfer Atem bringen. Ich steige auch mal ab, wenn es zu schlimm wird, doch schon jetzt schaffe ich die Runde auch ohne Pause. Das St\u00e4rkste: Zu Beginn der Tour und manchmal zwischen drin gibt es Augenblicke, da sp\u00fcre ich die Freude des K\u00f6rpers an der Anstrengung: als lebte da ein fremdes Wesen in mir, etwas ganz urt\u00fcmliches, das seine eigenen Vorlieben hat und nur darauf wartet, da\u00df ich ihm Raum lasse. Diesen Raum betreten, in dem offensichtlich mir unbekannte Freuden warten, bringt allerdings zuerst auch den Ha\u00df, die Verachtung, die Angst wieder an die Oberfl\u00e4che, die mich dazu bewegt haben, die T\u00fcren zu diesem Raum verschlossen zu halten.<\/p>\n<p>Erinnerungen sind im &#8222;Unbewu\u00dften&#8220; gespeichert, hei\u00dft es. Was ist das Unbewu\u00dfte, mal ganz materiell betrachtet? Kein Geist exisitiert ohne K\u00f6rper. <strong>K\u00f6rperlich eingeschrieben<\/strong> sind die Erfahrungen zum Beispiel in die Faszien, die form- und haltgebenden Umh\u00fcllungen der Muskeln. Wenn durch ungewohnte Bewegungen und Anstrengungen diese verfestigten Formen angegriffen werden, beginnen sie, sich zu lockern und aufzul\u00f6sen. Das ist ein k\u00f6rperlicher, aber vor allem ein psychischer Schmerz: man erlebt alle Gef\u00fchle wieder, die zu diesen Formen gef\u00fchrt haben, die ja nichts anderes sind als Verteidigungshaltungen, Verspannungen und Verpanzerungen, die irgendwann &#8222;ganz normal&#8220; geworden sind. Der in Materie verschl\u00fcsselte Inhalt wird wieder zu lesbarem Text, Text, den man dereinst nicht lesen mochte, nicht ertragen konnte. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sport war f\u00fcr mich immer schon Mord. Als Kleinste, J\u00fcngste und einen komischen Dialekt Sprechende (Schw\u00e4bin unter Hessen!) hatte ich in der Kinderhorde schlechte Karten, war k\u00f6rperlich v\u00f6llig unterlegen und bekam das stets zu sp\u00fcren, meist auf unangenehme Art. 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