{"id":4286,"date":"2000-05-09T16:03:14","date_gmt":"2000-05-09T14:03:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4286"},"modified":"2024-02-14T16:05:50","modified_gmt":"2024-02-14T15:05:50","slug":"geschlechterkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/09\/geschlechterkampf\/","title":{"rendered":"Geschlechterkampf"},"content":{"rendered":"<p>Im TV schau ich mir gerade noch die Tagesschau und ab und an einen Fernsehkrimi an: Tatort, Polizeiruf, K3 etc.. In jedem einzelnen Film f\u00e4llt mir auf, dass ihr gesellschaftliches Hauptthema &#8211; neben der eigentlichen Krimihandlung &#8211; das Geschlechterverh\u00e4ltnis ist. Und zwar aus der Sicht von M\u00e4nnern zwischen 40 und 60, die stets und st\u00e4ndig mit f\u00e4higen erfolgreichen Frauen konfrontiert werden und auf unterschiedliche Weise daran kranken, mal mehr, mal weniger humorig dargestellt. Frauen als Kommisarinnen, Staatsanw\u00e4ltinnen, Sonderkommisionsleiterinnen, Ausbilderinnen, Gerichtsmedizinerinnen &#8211; und Frauen in der Wirtschaft, an Top-Positionen, souver\u00e4ne Frauen mit vielen F\u00e4higkeiten, die, wenn sie denn mal in die Rolle der Verfolgten geraten, den T\u00e4ter letztlich selber erledigen &#8211; der retten-wollende Mann kommt immer zu sp\u00e4t. Die Heldenrolle ist &#8211; f\u00fcr M\u00e4nner &#8211; pass\u00e9, zumindest im deutschen Fernsehkrimi.<!--more--><\/p>\n<p>Was da gezeigt wird, entspricht nicht der Realit\u00e4t. Keineswegs sind die Top-Positionen \u00fcberall von Frauen besetzt oder auch nur gleich verteilt. Dass es in den Krimiwelten so dargestellt wird, bedeutet, da\u00df sich M\u00e4nner dieser Altersgruppe sehr stark mit den ge\u00e4nderten Verh\u00e4ltnissen auseinandersetzen. Offensichtlich erleiden sie einen Identit\u00e4tsverlust, wenn Frauen heute ganz selbstverst\u00e4ndlich viele Funktionen einnehmen, die dereinst dem &#8222;starken Geschlecht&#8220; vorbehalten waren und damit offensichtlich sogar gut zurecht kommen. Jetzt, lange nach dem gro\u00dfen Schlagabtausch durch die Frauenbewegung (70er\/80er-Jahre), kommt das wirklich zum Tragen, jetzt finden sich selbst\u00e4ndige und selbstbewu\u00dfte Frauen \u00fcberall im Real Life, und nicht mehr im Bereich der Parolen, Forderungen, Vorw\u00fcrfe, der Propaganda. Und mehr noch: die ehemals so st\u00fctzende intellektuelle Solidarit\u00e4t in m\u00e4nnerb\u00fcndlerischen Verhaltensweisen ist nicht mehr Mainstream. Kein Mann kann mehr sicher sein, sich augenzwinkernd mit anderen M\u00e4nnern darum herumdr\u00fccken zu k\u00f6nnen, Frauen ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Ich kann mir vorstellen, da\u00df das nicht einfach ist. Und keinesfalls sind die aktuellen Schwierigkeiten dieser M\u00e4nner nur Ausdruck von Konkurrenzverhalten, von Neid und Eifersucht auf zunehmende Erfolge des anderen Geschlechts, also blo\u00dfe Besitzstandswahrung. Nein, die innere \u00d6konomie ist gest\u00f6rt, in die sie (anders als viele J\u00fcngere) noch hineinsozialisiert wurden: Frau ist f\u00fcr das Innere zust\u00e4ndig, Mann f\u00fcr das \u00c4u\u00dfere. Eine Frau, die genauso &#8222;in der Welt&#8220; lebt, wie fr\u00fcher nur M\u00e4nner, steht nicht mehr als &#8222;das ganz Andere&#8220; f\u00fcr den Ausgleich der Psyche zur Verf\u00fcgung. Ja, sie braucht sogar selber diesen Ausgleich, den fr\u00fcher nur Frauen den M\u00e4nnern geben konnten, wie umgekehrt die Werte des \u00c4u\u00dferen (Geld, Arbeit, Erfolg, Ruhm) nur von M\u00e4nnern kamen.<\/p>\n<p>Frauen sind hier im Vorteil. Wenn sie mit ihren M\u00e4nnern nicht zurecht kommen, gibt es noch die anderen Frauen. Es ist f\u00fcr frau kein Problem, einer anderen ihr Herz auszusch\u00fctten, sich schwach zu zeigen &#8211; aber welcher Mann k\u00f6nnte sich das bei anderen M\u00e4nnern erlauben? Sie stehen also wirklich auf dem Schlauch und registrieren mit Grausen, da\u00df auch der intimste Liebesdialog mit einer Frau nicht mehr bedeutet, dass sie alle eigenen Gedanken und Interessen &#8222;f\u00fcr ihn&#8220; vergi\u00dft oder zur\u00fcckstellt. Wie soll er sich also f\u00fcr den t\u00e4glichen Kampf &#8222;da drau\u00dfen&#8220; regenerieren?<\/p>\n<p>Immerhin tr\u00e4gt er nicht mehr alleine die Last der Welt. Ist nicht mehr gefordert, wegen der Verantwortung f\u00fcr andere, die sich nicht selbst durchbringen k\u00f6nnen, da drau\u00dfen R\u00e4dchen im Getriebe oder erfolgreiche Kampfmaschine zu sein. Wenn er es doch noch tut, ist es sein pers\u00f6nlicher Spa\u00df &#8211; und dessen sollte er sich gewahr werden. Eine schlichte Kosten-Nutzen-Rechnung bez\u00fcglich Karriere, Aufstieg, Erfolg, Gehaltserh\u00f6hung, Ruhm &#038; Ehre ist oft ganz dienlich. Manche Menschen &#8211; Frauen und M\u00e4nner &#8211; k\u00f6nnen das als lockeres Spiel betreiben, viele bringen sich aber auch damit um, verlieren sich selbst und alle konkrete Freude am Leben. Die &#8222;erotische Beziehung zum Kontoauszug&#8220; tritt die beherrschende Stellung an, eine Form von Sterben auf Raten.<\/p>\n<p>Die Alternative ist das Interesse f\u00fcr sich selbst &#8211; nicht als &#8222;Objekt&#8220;, das innen wie au\u00dfen m\u00f6glichst verwertbar und kompatibel zu stylen w\u00e4re (beginnend mit Bodybuilding bis hin zu &#8222;Positiv thinking&#8220;), sondern in einer eher forscherischen Art: Was tut mit gut? Wo ist meine Lust? Was macht mir &#8211; by doing, nicht &#8222;in der Zukunft&#8220; &#8211; Freude? Aber auch der Blick auf das Gef\u00fcrchtete geh\u00f6rt dazu: Was macht Angst? WIE geht sie wieder vorbei?<\/p>\n<p>Mir tut leid, wie es geworden ist. Die Krimi-M\u00e4nner haben mein Mitgef\u00fchl &#8211; sind es doch auch &#8222;meine M\u00e4nner&#8220;, die von der letzten Welle des Geschlechterkampfes kalt erwischt wurden. Nicht, weil sie schlimmer gewesen w\u00e4ren, als M\u00e4nner (und Frauen) vorher oder nachher, sondern weil sie &#8222;zuf\u00e4llig&#8220; gerade da waren, zu dieser konkreten Zeit, als die Frauen sich bewegten. Gegen\u00fcber dieser Bewegung, die alle Geschlechterbeziehungen meiner Generation durchdrungen hat, gingen sie spontan in Abwehrhaltung oder in den vorauseilenden Gehorsam, reagierten also, anstatt sich auf sich zu besinnen. Nun ist der Kampf nicht mehr Thema Nr.1, die Erfolge der Frauen sind konkrete Realit\u00e4t, mann mu\u00df im Alltag damit leben, nicht nur &#8222;sich in einer Diskussion positionieren&#8220;. Im Grunde m\u00fcssen sie sich auch bewegen, weit hinein ins Unbekannte (wie wir es schlie\u00dflich auch gemacht haben!). Doch das ist zwischen 40 und 60 nicht mehr ganz easy, ich wei\u00df. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im TV schau ich mir gerade noch die Tagesschau und ab und an einen Fernsehkrimi an: Tatort, Polizeiruf, K3 etc.. In jedem einzelnen Film f\u00e4llt mir auf, dass ihr gesellschaftliches Hauptthema &#8211; neben der eigentlichen Krimihandlung &#8211; das Geschlechterverh\u00e4ltnis ist. 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