{"id":4285,"date":"2000-05-07T15:56:42","date_gmt":"2000-05-07T13:56:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4285"},"modified":"2024-02-14T16:02:51","modified_gmt":"2024-02-14T15:02:51","slug":"abschiedsfotos-ich-wurde-fotografiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/07\/abschiedsfotos-ich-wurde-fotografiert\/","title":{"rendered":"Abschiedsfotos: Ich wurde fotografiert"},"content":{"rendered":"<p>Die Fotos, die bei der Session vor \u00fcber einer Woche entstanden sind, hab&#8216; ich noch nicht gesehen. Der \u00e4u\u00dfere Anla\u00df f\u00fcr dieses &#8222;mich fotografieren lassen&#8220; war ein aktueller Bildbedarf in einem Webprojekt &#8211; und meine Neugier, mich mit den eigenen inneren Widerst\u00e4nden beim &#8222;abgelichtet werden&#8220; zu konfrontieren, einmal ausf\u00fchrlich auszuprobieren, was es damit eigentlich auf sich hat. Doch ohne das spontane Angebot eines K\u00fcnstlers, der sowieso viele Leute aus eigenem Interesse fotografiert (mit f neuerdings? Oder doch ph in der Mitte?), h\u00e4tte ich das nie veranstaltet, sondern wieder eine schreckliche Passbild-Automaten-Erfahrung gemacht.<!--more--><\/p>\n<p>Wir sind durch Wald und Wiesen spaziert, durchs Gel\u00e4nde der <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/strecke08\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">alten Schweinest\u00e4lle<\/a> gestiefelt &#8211; und immer wieder schaute er mich durch&#8217;s Objektiv an: KLACK!<br \/>\nEs ist besser, von einem weitgehend Fremden fotografiert zu werden, als von einem Nahestehenden &#8211; und besser, wenn jemand daran eigene Interessen hat (Arbeit, Hobby, Kunst&#8230;), als wenn es aus reiner Gef\u00e4lligkeit geschieht. Dann st\u00f6rt die Beziehungsebene den Ablauf nicht, im Grunde macht jeder sein Ding, obwohl man \u00e4u\u00dferlich etwas zusammen tut.<\/p>\n<p>Ich konnte also gut dieses komische Empfinden beobachten, diesen Wust irgendwie unangenehmer Gef\u00fchle, die f\u00fcr mich mit dem Fotografiert-werden verbunden sind. Und es hat auch lange genug gedauert, um unbewu\u00dfte Ebenen zu erreichen &#8211; anders w\u00e4re es nicht erkl\u00e4rlich, da\u00df mir seither so viel dazu einf\u00e4llt. Nach und nach stellt sich n\u00e4mlich heraus: es sind Abschiedsfotos. Die Person, die da abgelichtet wurde, ist ein Auslaufmodell, schon jetzt gibt es sie nicht mehr. Ohne die Bilder gesehen zu haben, kann ich jetzt klar sehen: SO will ich nicht mehr sein. Diese Person ist mir zu unsymphatisch. Sicher, sie macht nette Webseiten und kann W\u00f6rter zu ansprechenden S\u00e4tzen reihen. Aber das kann vieles andere nicht aufwiegen, was ich an ihr feststellen mu\u00df, Defizite, die sich in den letzten Jahren fast unmerklich entwickelt und verfestigt haben bis hin zu einem drastischen pers\u00f6nlichen &#8222;Reformstau&#8220;.<\/p>\n<p>Nein, er kommt jetzt nicht, der Seelenstriptease. Das Webdiary, wie ich es schreibe, ist daf\u00fcr nicht das richtige &#8222;Format&#8220;. Wollte nur von der Fotosession erz\u00e4hlen: dass sie wie ein Brennglas f\u00fcr das Bewu\u00dftsein wirken kann, wenn man sie &#8222;in Reinform&#8220; erlebt und ihre Symbolgehalte mitbekommt. Schon allein das Wort &#8222;Objektiv&#8220; wirft so viele Fragen auf &#8211; und Angeblickt-werden durch ein solches bringt ein Double-Bind-Gef\u00fchl ans Licht: Einerseits WILL ich gesehen werden, sehne mich nach dem Blick, der Aufmerksamkeit des Anderen, andrerseits F\u00dcRCHTE ich diesen Blick, will nicht be- und dann verurteilt werden (nicht mal Lob kann ich ganz stressfrei ertragen). Die Bilder schlie\u00dflich, die entstehen, sind tote Artefakte, eingefrorene Momente und Aspekte eines lebendigen Wesens, das sich auf dem Bild nie einfangen l\u00e4\u00dft &#8211; dennoch erheben gerade Fotos den Anspruch, eine Wahrheit zu zeigen. Schlie\u00dflich hat ein Apparat sie gemacht, ganz objektiv. Durch die ganze Veranstaltung werde ich darauf gestossen, mich versuchsweise selber &#8222;objektiv&#8220; zu sehen &#8211; und das \u00c4u\u00dfere ist dabei nur ein minder-wichtiger Aspekt, ein Nebenthema.<\/p>\n<p>Und wenn das mal angefangen hat, gibt es kein Halten mehr. Im Lauf der letzten Tage hat mir das Reale Leben einige Anst\u00f6\u00dfe geboten, den Prozess ernst zu nehmen, Warnungen, die deutlich sagen: versacke nicht wieder in Routine, l\u00f6se gef\u00e4lligst deinen &#8222;Reformstau&#8220; auf. Sonst wird dir n\u00e4mlich schon bald der Himmel auf den Kopf fallen&#8230;.<\/p>\n<p>Na gut. Das Leben ist halt keine gem\u00fctliche Couch. Ich werde meine Mauern, Z\u00e4une, St\u00fctzen und Ger\u00fcste nach innen und au\u00dfen einfallen lassen, keine Kraft mehr in sie investieren, mich ver\u00e4ndern lassen, auch wenn es nicht immer gut tut. Vom alten Zustand hab ich ja bald ein paar Erinnerungsfotos. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fotos, die bei der Session vor \u00fcber einer Woche entstanden sind, hab&#8216; ich noch nicht gesehen. 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