{"id":4282,"date":"2000-05-05T14:52:33","date_gmt":"2000-05-05T12:52:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4282"},"modified":"2024-02-14T14:55:38","modified_gmt":"2024-02-14T13:55:38","slug":"splendid-isolation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/05\/05\/splendid-isolation\/","title":{"rendered":"Splendid Isolation"},"content":{"rendered":"<p>An diesem so pl\u00f6tzlich aber heftig ausgebrochenen Fr\u00fchling, der seit einer Woche den Norden heimsucht (endlich sind WIR mal bevorzugt!), f\u00e4llt mir dieses Jahr besonders die GEWALT auf, mit der er alles ergreift und ver\u00e4ndert. Keine gem\u00fctliche, allm\u00e4hliche Ver\u00e4nderung, sondern eine Explosion, die alles aufbricht und nach au\u00dfen treibt, auf Gedeih oder Verderb. In den Mauern Berlins war das sehr viel verhaltener, doch hier, inmitten der Wiesen, W\u00e4ldchen und endlosen Felder, die in schreiendem Rapsgelb gl\u00fchen, ist die Energie viel deutlicher sp\u00fcrbar. Ich m\u00f6chte auf Berge klettern, fliegen, vielleicht sterben &#8211; mich der Gewalt \u00fcberlassen, irgendwie.<!--more--><\/p>\n<p>Doch ich lebe meinen Alltag, fast wie immer, und untergr\u00fcndig verdichtet die Energie die Wahrnehmung. Im Zug, auf der R\u00fcckfahrt von Hamburg: in jeder Reihe des Gro\u00dfraumabteils sitzt ein Mensch, intuitiv hat jeder den weitestm\u00f6glichen Abstand zum anderen gew\u00e4hlt. Der Junge in der Reihe vor mir, vielleicht 20, fl\u00fcstert dauernd in sein Handy, die junge Frau hinter mir, unglaublich schick gestylt, bl\u00e4ttert in einer Zeitung. Noch eine Reihe weiter langweilt sich ein weiteres Individuum, starr aus dem Fenster blickend. So geht das eine Stunde lang und ich frage mich: Warum plaudert eigentlich niemand mit dem Anderen? Warum sitzen wir da wie Schaufensterpuppen?<\/p>\n<p>V\u00f6llig &#8222;normal&#8220;, ich wei\u00df. Tue ja auch selber nichts, um das zu \u00e4ndern, schon gar nicht mit Leuten, die \u00c4onen j\u00fcnger sind als ich und damit fast wie Aliens auf mich wirken. S\u00e4\u00dfe da statt dessen ein sorgenvoll dreinschauender Endvierziger, Charakterfalten im Gesicht, aber sonst halbwegs in Schu\u00df, vor sich am besten DIE ZEIT oder einen Laptop &#8211; ja, da w\u00fcrde ich vielleicht ein Geplauder in Erw\u00e4gung ziehen, vielleicht&#8230;. wahrscheinlich aber doch nicht, zu dominant ist das Gef\u00fchl, nur dann Kontakt aufnehmen zu d\u00fcrfen, wenn es daf\u00fcr einen konkreten Grund, ein &#8222;um-zu&#8220; gibt.<\/p>\n<p>Als Kind brauchte man das nicht: klingeln, klopfen, rufen: HALLO, KOMMST DU RUNTER? Kein Problem, ganz normal im Paradies, aus dem wir alle bald schon fallen und das sich erst in der R\u00fcckschau als Paradies herausstellt. Der Fr\u00fchling macht die Mauern bewu\u00dft, mit denen wir uns umgeben, um nur ja niemandem nahe zu kommen. Wenn es doch mal sein soll, m\u00fcssen erst aufwendig Durchbr\u00fcche geschlagen, Wege geebnet, Zugbr\u00fccken heruntergelassen werden und wehe, der Andere ist nicht so, wie erwartet&#8230;. Wir wollen stets alles unter Kontrolle haben, und genau das macht die \u00d6dheit des Alltags aus, gegen die die Spa\u00dfgesellschaft mit unz\u00e4hligen Events erfolglos anrennt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An diesem so pl\u00f6tzlich aber heftig ausgebrochenen Fr\u00fchling, der seit einer Woche den Norden heimsucht (endlich sind WIR mal bevorzugt!), f\u00e4llt mir dieses Jahr besonders die GEWALT auf, mit der er alles ergreift und ver\u00e4ndert. Keine gem\u00fctliche, allm\u00e4hliche Ver\u00e4nderung, sondern eine Explosion, die alles aufbricht und nach au\u00dfen treibt, auf Gedeih oder Verderb. 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