{"id":4266,"date":"2000-04-21T11:51:11","date_gmt":"2000-04-21T09:51:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4266"},"modified":"2024-02-07T12:25:43","modified_gmt":"2024-02-07T11:25:43","slug":"vom-plaudern-der-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/04\/21\/vom-plaudern-der-bilder\/","title":{"rendered":"Vom Plaudern der Bilder"},"content":{"rendered":"<p>Warum noch schreiben? Dar\u00fcber denke ich oft nach, wenn ich den Impuls sp\u00fcre, irgend etwas \u00fcber einen Text ausdr\u00fccken zu wollen. Meist ist dieser Impuls ein Gef\u00fchl, ein diffuser Eindruck, eine Gem\u00fctsregung, die erst durch die \u00dcberlegung &#8222;Wie schreib ich das jetzt?&#8220; eine klare Gestalt bekommt. Aber ist das Beschriebene \u00fcberhaupt noch das, was ich eigentlich mittteilen wollte? Ja, wenn es sich um blosse Tatsachen handelt: heute morgen hat es geregnet. Ja, wenn es um Meinungen geht: Ich finde Merkel besser als Kohl. Wie interessant!<!--more--><\/p>\n<p>Was will ich, wenn ich jenseits von Zwecken den Schreibimpuls sp\u00fcre? Ich m\u00f6chte mein Inneres, mein &#8222;f\u00fcr-mich-sein&#8220; mit anderen teilen, auch wenn das, wie der Verstand leicht ermittelt, niemals ganz m\u00f6glich ist. Allenfalls eine Anmutung erreicht den anderen, man setzt einen Reiz, doch die Reaktion ist nicht zu &#8222;programmieren&#8220;, jeder versteht die Texte von den eigenen Denk- und Gef\u00fchlsschubladen her. Wer hat nicht schon Diskussionen erlebt, die immer wieder darauf hinauslaufen, da\u00df man letztlich Begriffe definiert &#8211; im sinnlosen Bem\u00fchen, eine verl\u00e4\u00dfliche Gemeinsamkeit festzuklopfen, indem man Sprache so scharf zu machen versucht wie die Mathematik.<\/p>\n<p>Doch es funktioniert nicht. Man braucht nur an die &#8222;gro\u00dfen Worte&#8220; denken: Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit, Gleichheit. Nie werden Menschen hier einen Konsens erreichen. Die Tatsache, da\u00df wir uns leicht dar\u00fcber einigen, was ein Tisch und was ein Monitor ist, l\u00e4\u00dft das leicht vergessen. Doch das Reden &#038; Schreiben \u00fcber Ger\u00e4te, \u00fcber Fakten und Pl\u00e4ne, das heute f\u00fcr viele den Alltag in der Info-Gesellschaft ausmacht, ber\u00fchrt uns eigentlich nicht. Wie sollen wir also noch kommunizieren, was uns ber\u00fchrt, wenn die Texte bei aller Geschw\u00e4tzigkeit verstummen?<\/p>\n<p>Literatur? Ja. Im Prinzip funktioniert es hier noch. Von einem literarischen Text kann man verschlungen werden, ein Gedicht kann ber\u00fchren. Gerade, weil hier nicht das Kalk\u00fcl auf die Vereinahmung des Lesers zugunsten eines vermeintlich &#8222;objektiven Allgemeinen&#8220; versucht wird, sondern der Selbstausdruck des Autors im Mittelpunkt steht. Ein guter Autor hat sich vom Gedanken verabschiedet, er k\u00f6nne die Reaktionen des Lesers &#8222;programmieren&#8220;, er schreibt, weil er mu\u00df.<\/p>\n<blockquote><p>Unsere wahre Natur<\/p>\n<p>Der vollkommenste individuelle Selbstausdruck ist die objektivste Beschreibung der Welt. Der gr\u00f6\u00dfte K\u00fcnstler ist derjenige, der auszudr\u00fccken vermag, was von jedem Menschen empfunden wird. Und wie bringt er dies zustande? Dadurch, da\u00df der SUBJEKTIVER ist als andere. Je getreuer er sich SELBST zum Ausdruck bringt, desto n\u00e4her kommt er den anderen, denn unsere wahre Natur ist nicht unser eingebildetes beschr\u00e4nktes &#8222;Ich&#8220;. Unsere wahre Natur ist so weit und allumfassend und zugleich so unfa\u00dfbar wie der Weltenraum. Sie ist sunyata &#8211; Leere &#8211; im tiefsten Sinn.<\/p>\n<p>&#8211; Lama Anagarika Govinda<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Web kann heute jeder literarische Texte ver\u00f6ffentlichen und es geschieht auch massenhaft. \u00dcberall stehen sie herum, gute und schlechte, die Linklisten zur &#8222;Literatur im Netz&#8220; sind lange schon un\u00fcbersichtlich geworden und nutzen Datenbanken. Aber: Wer liest das alles? Wenn ich mal von mir ausgehe, dann sind es nur wenige. Zwar bin ich bereit, l\u00e4ngere Texte \u00fcber Dinge zu lesen, die ich brauche &#8211; aber Literatur? Da schieben sich komischerweise schon nach einer halben Minute die laufenden Telefongeb\u00fchren ins Ged\u00e4chtnis, an die ich bei der ARBEIT gar nicht mehr denke. Woran liegt das? G\u00f6nne ich es mir nicht? Oder liegt es am Text als solchem, der ein anderes Sich-Einlassen erfordert, als &#8211; ja was? &#8211; Bilder?<\/p>\n<p>Als ich 1996 meine ersten Webseiten baute, hatte ich vor, kurze Texte collage-artig mit Bildern zu verbinden. Nat\u00fcrlich sollte das Bild mit dem Text mehr zu tun haben, als blo\u00df optische Auflockerung zu bieten. Ich merkte schnell, da\u00df das ungeheuer aufwendig ist und meine Ideen mein K\u00f6nnen bei weitem \u00fcberschritten &#8211; trotz der vielen Features in den Bildbearbeitungsprogrammen. Also wurde ich nolens volens eine &#8222;textlastige&#8220; Webberin, wenn ich auch immer darauf achte, da\u00df die Umgebung, das Design, zumindest eine gewisse Stimmung vermittelt.<\/p>\n<p>So geht es offenbar den meisten: wir sind in die Gutenberg-Galaxis konditioniert und stehen den Bildern hilflos gegen\u00fcber. Eine Hilflosigkeit, die zum Beispiel das Medium Fernsehen weidlich ausnutzt, indem es den Betrachter mit schnellen Schnitten und heftigsten optischen Reizen zusch\u00fcttet, so da\u00df man sich emotional regelrecht ausgesaugt f\u00fchlt, ohne recht zu wissen, was eigentlich geschieht.<\/p>\n<p>Die allseits zunehmende Text-M\u00fcdigkeit in den Netzen k\u00f6nnte die Chance bieten, eine Grammatik und Semantik der Bilder zu erlernen. Es wird n\u00e4mlich noch einige Zeit vergehen, bevor die Bandbreiten das &#8222;richtige&#8220; Web-TV erm\u00f6glichen, Zeit, die genutzt weden kann, um eine Webkultur der Bilder zu entwickeln. Schon jetzt ist es ja z.B. nicht mehr m\u00f6glich, den Web-Surfer zum passiven Betrachter zu machen und &#8222;an die Hand zu nehmen&#8220;, ihm die Macht der WAHL per Mausklick wieder zu entziehen. Anbieter, die darauf spekulieren und sich mit Guided Tours durch allerlei Commerce-Seiten als &#8222;innovativer StartUp&#8220; gerieren, leben nur von der netzfernen Ahnungslosigkeit ihrer Geldgeber.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten lernen, in Bildern zu kommunizieren, zu philosophieren, Bedeutung in Pixel zu gie\u00dfen, um uns gegenseitig zu ber\u00fchren, wie es mit reinen Texten kaum mehr geht. Und sicher ist dabei der erste Schritt, die Texte nicht gleich aufzugeben, sondern einzubeziehen. Bilder, die mit Texten plaudern &#8211; und umgekehrt. Wie etwa in <a href=\"http:\/\/www.digitab.de\/kamp\/fkamp.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mein Schreibtisch, das Schneefeld<\/a> &#8211; von Dietmar Kamper, grafisch in Szene gesetzt von Gagarin2 und Matzenbacher, den ambitionierten Grafikern des CyberZines Digitab.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum noch schreiben? 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