{"id":4255,"date":"2000-04-10T10:49:19","date_gmt":"2000-04-10T08:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4255"},"modified":"2024-02-07T10:52:08","modified_gmt":"2024-02-07T09:52:08","slug":"drei-tage-offline","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/04\/10\/drei-tage-offline\/","title":{"rendered":"Drei Tage offline"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Gef\u00fchl, die Feder des F\u00fcllhalters \u00fcber ein Papier zu f\u00fchren und Spuren zu hinterlassen! Seltsam verkr\u00fcppelt die Schrift, aus der \u00dcbung die Hand, deren Zeigefinger nur noch den Mausklick kennt, deren Fingerkuppen viel lieber gegen harte Tasten hacken, anstatt den eleganten Lamy in diskziplinierten Schw\u00fcngen durch ein Nichts zu man\u00f6vrieren.<!--more--><\/p>\n<p>Papier, mein Gott, echtes Papier, das einmal beschrieben unver\u00e4nderbar bleibt und dadurch seine Unvollkommenheit zeigt. Allenfalls vernichtbar, verbrennbar, un\u00fcbersehbar verg\u00e4nglich. Ihre Hand f\u00fchlt sich steif an, es ist so kalt, da\u00df sie schon nach einer Viertelstunde kapituliert. Trotz des wolkenlosen Tages, der grellen Morgensonne, den optimistisch zwitschernden V\u00f6geln und der ganzen Idylle, die ein Mecklenburger Herrenhaus-Park vermitteln kann, ist es unter freiem Himmel nicht mehr auszuhalten. Widerstrebend steht sie vom Gartentisch auf, kippt den Rest des kalt gewordenen Kaffees auf die Wiese, dr\u00fcckt die Zigarette in das \u00f6kologisch korrekte Kippensammelglas und steigt durch das ebenerdig gelegene K\u00fcchenfenster ins Haus. Es ist nicht zu umgehen, dem Ger\u00e4t &#8211; zumindest r\u00e4umlich &#8211; wieder n\u00e4her zu treten.<\/p>\n<p>Im Zimmer angekommen, w\u00e4hlt sie den zweiten Tisch, der gew\u00f6hnlich nur als Ablage f\u00fcr unabweisbare Papiere dient: Rechnungen, Beh\u00f6rdenschreiben und ein paar Arbeitsunterlagen, mit h\u00f6herer Macht per Post oder Fax in ihre Welt getreten, die sie doch gegen Papiereing\u00e4nge so weit als m\u00f6glich abgeschottet hat. Papier ist K\u00f6rperverletzung, es h\u00e4uft sich an und dominiert binnen weniger Tage jede freie Stelle, wenn man ihm nicht in aller Entschlossenheit entgegentritt und es ohne Z\u00f6gern ins Recycling weiterleitet. Es okkupiert den Geist, denn es m\u00fcssen Angaben zum Verbleib gespeichert und Ordnungssysteme regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert werden. Bei alledem verstaubt es schnell, so da\u00df jede Suchaktion schon bald den Geruchssinn beleidigt, die Augen tr\u00e4nen l\u00e4\u00dft und Putz- und Abstaubarbeiten nahelegt &#8211; ein Elend gebiert das Andere&#8230;<\/p>\n<p>Da ihre Papiervermeidungsstragtegien erfolgreich sind, blockiert nur noch ein kleiner Stapel den zweiten Tisch, der schnell beiseite geschoben ist. Platz genug, um die antiquierte Position des Handschreibers einzunehmen. Sie tut es und genie\u00dft unverhofft den freien Platz vor sich. Es fehlt das Gegen\u00fcber, das alle Blicke auf sich zieht, denn das Ger\u00e4t steht jetzt \u00fcber Eck, nur von der Seite zu sehen. Dunkel der Monitor, eine auff\u00e4llige Stille f\u00fcllt das Zimmer ohne das tiefe Brummen und Blasen, das normalerweise von fr\u00fch bis sp\u00e4t das sanfte Zischen der Heizung und den noch leiseren Ton der nicht ausschaltbaren L\u00fcftung im Bad \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p>Es ist der dritte Tag fern vom Ger\u00e4t, und die Welt beginnt, sich aus der Enge des Nadel\u00f6hrs zu l\u00f6sen, durch das sie sich gew\u00f6hnlich in ihre Wahrnehmung quetscht. Es k\u00f6nnte der Beginn von etwas ganz Anderem sein, doch sie wei\u00df, da\u00df es gleichzeitig der letzte Tag ist. Sie kann die Leine in die L\u00e4nge ziehen, jedoch nicht durchtrennen. Welch&#8216; l\u00e4cherliche Geste, mit der Hand auf richtigem Papier den Widerstand zu proben, ganz wie ein Kind sich die Augen zuh\u00e4lt, um vom Monster nicht gesehen zu werden!<\/p>\n<p>Monster? Widerstand? Mit Verwunderung beobachtet sie die eigent\u00fcmliche Stimmung, die von ihr Besitz ergreift, je l\u00e4nger sie sich dem Einschaltknopf verweigert. Immerhin ist es die Machtmaschine, um die es hier geht. Sie kennt das Gef\u00fchl des Amputiertseins, wenn sie fehlt, den mangelnden Zugriff auf einen gro\u00dfen Teils des Ged\u00e4chtnisses und das Fehlen fast aller Aktionsm\u00f6glichkeiten. Sie kennt die Befriedigung, wenn das Ger\u00e4t hochf\u00e4hrt, die Netzwerkverbindung hergestellt ist, wenn die Welt der M\u00f6glichkeiten ihr zu F\u00fc\u00dfen liegt und vermeintlich geduldig auf ihre &#8222;Eingaben&#8220; wartet.<\/p>\n<p>Eingaben? Waren nicht &#8222;Eingaben&#8220; das einzige Mittel, dem Staatsratsvorsitzenden der ehemaligen DDR mit einem Anliegen zu kommen? Mein Gott, was f\u00fcr ketzerische Gedanken! Sie schaudert. Was hier auf einmal als eine neue Stimmung an die Oberfl\u00e4che tritt, betrifft die Grundpfeiler ihrer Existenz, die Symbiose mit dem Alles-ist-m\u00f6glich-Ger\u00e4t. Es ist ihr Tor zur Welt, zur Arbeit, zum Spiel, zu unz\u00e4hligen Menschen, die &#8211; voreinander gesch\u00fctzt durch das Interface zwischen den Gesichtern &#8211; zusammenwirken, um das M\u00f6gliche wirklich zu machen. Nicht zuletzt ist es der Goldesel, Produktionsmittel f\u00fcr ihr bequemes Leben, das sie in ein entlegenes Schlo\u00df in Mecklenburg versetzt hat. Wo ihr Blick ungehindert \u00fcber Wiesen und B\u00e4ume streifen kann, hinaus ins leere Land, in dem nur noch ein paar \u00dcbrig-gebliebene ihre gro\u00dfen Landmaschinen auf- und abfahren, G\u00fclle verspritzen und nach Subventionen verlangen, anstatt zivilisiert in die Monitore zu schauen.<\/p>\n<p>Sie beschlie\u00dft, mit dem Ich-Sagen aufzuh\u00f6ren. Wie w\u00e4re denn ernsthaft ein &#8218;Ich&#8216; zu behaupten, angeschlossen ans Netz der M\u00f6glichkeiten, doch ohne die eine, auf die es ank\u00e4me: den hereinkommenden Anweisungen und Vorschl\u00e4gen zu entkommen? W\u00e4hlen, ja, w\u00e4hlen geht, w\u00e4hlen ist Pflicht, ist hochbezahlte Kunst. Sie w\u00e4hlt, welche Mail sie beantwortet, welcher Idee sie Entfaltung g\u00f6nnt, zu wem sie &#8222;ja&#8220; oder &#8222;nein&#8220; oder &#8222;sp\u00e4ter mehr&#8220; sagt. Sie kann die Programme w\u00e4hlen, mit denen sie die Texte und Bilder entstehen l\u00e4\u00dft, die an Stelle der Welt getreten sind. Sie ist ein kundiges und erfahrenes interaktives Element, immer bereit, die Zeit zwischen zwei Mausklicks zu verk\u00fcrzen, noch ein paar Entscheidungen mehr in den Tag zu pressen, noch ein paar neue M\u00f6glichkeiten wahrzunehmen und wirklich werden zu lassen, indem sie in den Netzen neue Knoten kn\u00fcpft. Was g\u00e4be es auch sonst zu tun?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend nun schon etwas fl\u00fcssiger der Federhalter \u00fcber das Papier gleitet, denkt sie daran, wie sie schon bald diesen Text in die Tasten tippen wird. Tippen mu\u00df, denn was soll ein Text auf Papier? Papier ist &#8222;drau\u00dfen&#8220; und alles Drau\u00dfen ist Vorstufe, Stoff, Material, allenfalls Ideengeber f\u00fcr das Digi-Tal, in dem die Dinge zum eigentlichen SEIN gelangen: unendlich kopierbar, allseits benutzbar, weder wachsend noch verstaubend, potentiell unverg\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Sie sp\u00fcrt ihre Traurigkeit und versucht, weder davor zur\u00fcckzuschrecken, noch ein Aufhebens darum zu machen. Gef\u00fchle sind verg\u00e4nglich. Drau\u00dfen tschilpt ein Vogel, drei kurze T\u00f6ne hintereinander. Hat nicht gestern ihr Lebensgef\u00e4hrte zwei CDs mit Vogelstimmen gekauft? Ob sie mal eben das Ger\u00e4t einschaltet, um nachzusehen, welcher Vogel da singt?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Gef\u00fchl, die Feder des F\u00fcllhalters \u00fcber ein Papier zu f\u00fchren und Spuren zu hinterlassen! 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