{"id":4254,"date":"2000-04-03T10:45:54","date_gmt":"2000-04-03T08:45:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4254"},"modified":"2024-02-07T10:49:17","modified_gmt":"2024-02-07T09:49:17","slug":"auf-dem-affenfelsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/04\/03\/auf-dem-affenfelsen\/","title":{"rendered":"Auf dem Affenfelsen"},"content":{"rendered":"<p>Sonntagmorgen in der Sauna. &#8222;Karibik-Insel&#8220; hei\u00dft der wunderbare Ort, der mich f\u00fcr einen Spottpreis von 18 Mark binnen einer halben Stunde in eine andere Daseinsweise katapultiert. Mehrere Saunen, ein Dampfbad, ein Hotwirl-Pool, in der Mitte ein Schwimmbecken. Der gro\u00dfe Raum auf mehreren Ebenen bietet freien Blick nach drau\u00dfen, ja, ich kann &#8211; eingeh\u00fcllt in nicht mehr als ein Handtuch &#8211; drau\u00dfen herumlaufen, die frische Luft genie\u00dfen und mich wundern, da\u00df ich nicht friere. Schon nach dem ersten Saunagang und dem Abtauchen ins eiskalte Tauchbecken kommt ein Wohlgef\u00fchl auf, da\u00df so viel st\u00e4rker ist, als alles, was mir im computerisierten Alltag zusto\u00dfen kann, da\u00df es mir zu denken gibt.<!--more--><\/p>\n<p>Denken? Sp\u00e4ter! Es ist gerade das Angenehme an den hart kontrastierten Sinneswahrnehmungen, da\u00df sie vom Denken entlasten. Der Urlaub findet im Kopf statt, allerdings kann es der Kopf alleine dahin nicht bringen. Ich wage mich in den Schneeraum mit seinen -18 Grad, lasse mich im Pool auf der Wasserorberfl\u00e4che treiben, dann wieder die 75-Grad-Sauna, zusammen mit etwa 15 M\u00e4nnern und Frauen: das Gl\u00fcck des Affenfelsens. V\u00f6llig entspannt sitzen dicke und d\u00fcnne, trainierte und schwabblige, alte und junge Menschen auf den warmen B\u00e4nken, wollen nichts und f\u00fcrchten nichts, nicht einmal die Blicke des Anderen.<\/p>\n<p>Wieder einmal wird mir klar: es gibt kein Gl\u00fcck jenseits des K\u00f6rpers. Kein Erfolg, kein Kontostand, kein &#8222;Funktionieren&#8220;, und am allerwenigsten &#8222;Ruhm &amp; Ehre&#8220; bringen auch nur ein Fitzelchen des Wohlgef\u00fchls, da\u00df mir der Affenfelsen schenkt. Wie oft mu\u00df ich das eigentlich noch feststellen, bevor ich endlich daraus Konsequenzen ziehe? Warum reibe ich mich immer noch und immer wieder derart auf? Warum arbeite ich, bis mir die Augen tr\u00e4nen und der R\u00fccken vom vielen Sitzen schmerzt? Bin ich wahnsinnig?<\/p>\n<p>Offenbar ja. Genauso wahnsinnig, wie all die Menschen, die mit aller Kraft die Welt &#8222;voran&#8220; treiben, die den Fortschritt in Szene setzen, von dem sie dann aufgefressen werden. Die &#8222;Pflicht&#8220;, die Projekte, die Ziele, die Erwartungen, die Zukunft &#8211; alles Abstrakta, die man nicht anfassen kann, die uns aber nichtsdestotrotz durchs Leben hetzen, als w\u00e4re eine Goldmedaille zu gewinnen. Was aber kann man mit einer Medaille schon anfangen, selbst wenn es eine g\u00e4be?<\/p>\n<p>Wir haben lange schon den Punkt \u00fcberschritten, wo ein materielles &#8222;Mehr&#8220; sinnlos wird. Denn materielle Freuden sind sinnliche Freuden, die mittels eines &#8222;Mehr&#8220; ab einem bestimmten Punkt nicht mehr gesteigert werden k\u00f6nnen. Im Gegenteil, sie schlagen in Leiden und \u00dcberdru\u00df um. Mann kann nicht immer mehr essen, eine noch hei\u00dfere Sauna aufsuchen oder sich l\u00e4nger massieren lassen. Das &#8222;Mehr&#8220; der sinnlichen Freuden ist nicht mittels Steigerung des Inputs zu haben, sondern allein durch Sensibilisierung, durch ein Subtiler-werden der Sinne. Und diesen Punkt haben wir verpasst, verpassen ihn t\u00e4glich neu. Anstatt das, was vorhanden ist, was oft sogar billig oder ganz kostenlos ist, durch Bewu\u00dftheit und Beschr\u00e4nkung intensiver genie\u00dfen zu lernen, wenden wir uns den Abstrakta zu, dem unendlichen &#8222;Mehr&#8220; und strampeln uns ab im Rattenrennen ums goldene Kalb.<\/p>\n<p>Die Bem\u00fchung, auch noch den Sonntag zum normalen Arbeitstag zu machen, ist nur vordergr\u00fcndig wirtschaftlich begr\u00fcndbar. Auf&#8217;s Ganze gesehen ist es ein wichtiger Schritt in die Vollendung der Bewu\u00dftlosigkeit: Blo\u00df keine Insel mehr in der Zeit, keine L\u00fccke im Getriebe, durch die man erkennen k\u00f6nnte: Es geht auch anders. Ich brauche ja gar nicht MEHR.<\/p>\n<p>&#8212;&#8211; Es sind Leserbriefe gekommen, herzlichen Dank! Ich werde sie in den n\u00e4chsten Tagen bringen, jetzt ruft mich die Arbeit&#8230; :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntagmorgen in der Sauna. &#8222;Karibik-Insel&#8220; hei\u00dft der wunderbare Ort, der mich f\u00fcr einen Spottpreis von 18 Mark binnen einer halben Stunde in eine andere Daseinsweise katapultiert. Mehrere Saunen, ein Dampfbad, ein Hotwirl-Pool, in der Mitte ein Schwimmbecken. 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