{"id":4252,"date":"2000-03-29T10:40:08","date_gmt":"2000-03-29T08:40:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4252"},"modified":"2024-02-07T10:43:39","modified_gmt":"2024-02-07T09:43:39","slug":"generationen-kontakte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/03\/29\/generationen-kontakte\/","title":{"rendered":"Generationen-Kontakte"},"content":{"rendered":"<p>Wie ein harter Schnitt im Actionfilm ist der Alltag wieder \u00fcber mich gekommen. &#8222;Alltag&#8220; ist in den Netzzeiten eigentlich ein falsches Wort, mein aktuelles Projekt ist immerhin erst zwei Monate alt, da kann man ja kaum von &#8222;Alltag&#8220; sprechen. Die hei\u00dfe Phase der Entwicklung h\u00e4lt mich von fr\u00fch bis sp\u00e4t am Monitor, an EINER Sache in all ihrer Vielfalt &#8211; meine G\u00fcte, ja, es ist spannend, aber ich halte es nur aus im Wissen, da\u00df es auch wieder schlaffere Phasen geben wird, wenn mal die Grundlagen stehen.<!--more--><\/p>\n<p>Zwischen 25 und 35 war ich sehr viel &#8222;leistungsf\u00e4higer&#8220;, arbeitete monatelang und Jahr um Jahr, von fr\u00fch bis sp\u00e4t an den jeweiligen Projekten, verga\u00df jede Trennung von Leben &#038; Arbeiten, Urlaub war ein Fremdwort. Der Ehrgeiz, umm\u00e4ntelt als Sachzwang oder Weltrettungs-Bed\u00fcrfnis trieb mich voran, \u00fcber Richtung und Sinn meiner Selbstausbeutung dachte ich nicht nach. Eine tolle Zeit, doch wollte ich sie nicht wiederhaben!<\/p>\n<p>Manchmal bekomme ich Mail von jungen Menschen, die mich fragen, wie ich geworden bin, was ich heute bin. Es stellt sich oft erst nach einigem Mailkontakt heraus, da\u00df mein Gegen\u00fcber gerade mal um die 18 oder 20 ist. In Mailinglisten erlebe ich, wie z.B. ein Auftraggeber nach Freelancern oder Praktikanten sucht &#8211; und dann fragt mich privat ein 19-J\u00e4hriger, der sich da beworben hat, ob die Bedingungen nicht verdammt unversch\u00e4mt sind?<\/p>\n<p>Vor den Zeiten des Internet hatte ich nie Kontakte zu anderen Generationen, weder zu den Jungen noch zu den Alten. Heute maile ich mit Leuten zwischen 16 und 81 (echt!) und staune, wie einfach das ist. Auf der Stra\u00dfe w\u00fcrde man sich keines Blickes w\u00fcrdigen. In den Institutionen, die sich um &#8222;den Dialog&#8220; bem\u00fchen, verhindert eine lebensferne, sozialarbeiterisch-p\u00e4dagogische Beklommenheit, da\u00df normale Gespr\u00e4che entstehen. Zudem sind die alten Vorgaben zerst\u00f6rt: Die \u00c4lteren haben kein Monopol mehr auf ein besseres Wissen. Meine Generation und erst recht die \u00c4lteren stehen der Netzwelt skeptisch bis \u00e4ngstlich gegen\u00fcber, sie k\u00f6nnen nicht im Ernst von sich behaupten, den heute Jungen noch sagen zu k\u00f6nnen, wo es lang geht!<\/p>\n<p>Besonders dramatisch ist der Autorit\u00e4tsverlust der Lehrer. Sie sind heute im Schnitt 50, haben berufliche Unsicherheit selbst nie erlebt, in der Regel lebenslang dasselbe getan, und das im \u00fcberschaubaren Rahmen der Kollegien und Schulb\u00fcrokratien. Ihre auch bisher nur in der Theorie begr\u00fcndete Selbsteinsch\u00e4tzung, den Jungen etwas &#8222;vom echten Leben da drau\u00dfen&#8220; vermitteln zu k\u00f6nnen, zerschellt unter dem Anspruch, von jetzt auf gleich zum kompetenten Netz-Couch mutieren zu sollen. Wenige schaffen es, das eigene Nicht-Wissen zu verkraften und gemeinsam mit den Sch\u00fclern die Dinge zu erforschen, zu stark ist der Anspruch verinnerlicht, den Sch\u00fclern immer etwas voraus haben zu m\u00fcssen, um Lehrer zu sein.<\/p>\n<p>Die richtig ALTEN, die mir &#8211; selten aber doch &#8211; gelegentlich eine Mail schicken, unterscheiden sich genau in diesem Punkt angenehm von den Alten, wie sie mir fr\u00fcher begegneten (bzw. NICHT begegneten). Sie sind weit davon entfernt, mir etwas \u00fcberb\u00fcgeln zu wollen, sondern sprechen davon, was sie heute erleben. Nat\u00fcrlich folgen dann Geschichten &#8222;von damals&#8220;, aber die h\u00f6re ich sogar gern, finde es interessant, wie man in anderen Zeiten zurecht gekommen ist und was f\u00fcr Probleme im Mittelpunkt standen. Von einem konkreten Menschen erz\u00e4hlt, ist das weit spannender als jedes Geschichtsbuch. Und mit einem 20-J\u00e4hrigen zu mailen, ist sehr viel erhellender, als den Shell-Report \u00fcber die &#8222;Jugend 2000&#8220; zu lesen!<\/p>\n<p>Das Gegen\u00fcber nicht zu SEHEN macht frei, frei von Vorurteilen und Schubladen-Denken, frei, sich offener zu zeigen und ganz normal miteinander zu reden. &#8222;Wissen als ob&#8220; ist dabei bedeutungslos, man kann nur das sinnvoll austauschen, was man am eigenen Leib erfahren hat. Aber das ist unter Umst\u00e4nden eine ganze Menge!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ein harter Schnitt im Actionfilm ist der Alltag wieder \u00fcber mich gekommen. &#8222;Alltag&#8220; ist in den Netzzeiten eigentlich ein falsches Wort, mein aktuelles Projekt ist immerhin erst zwei Monate alt, da kann man ja kaum von &#8222;Alltag&#8220; sprechen. 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