{"id":4247,"date":"2000-03-19T10:25:45","date_gmt":"2000-03-19T09:25:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4247"},"modified":"2024-02-07T10:27:40","modified_gmt":"2024-02-07T09:27:40","slug":"putenfleisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/03\/19\/putenfleisch\/","title":{"rendered":"Putenfleisch"},"content":{"rendered":"<p>Eine Pute. Als ich klein war, war das noch ein Ereignis! Ein Riesenvogel, der kaum in den Backofen passte, zwei Monate vor Weihnachten beim Bauern bestellt, mit Spannung erwartet, misstrauisch be\u00e4ugt, in mehreren Stunden gebraten und dann die &#8222;7 Sorten Fleisch&#8220; im Rahmen eines gro\u00dfen Familiengelages verspeist. Die Reste reichten f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag und wir sonnten uns im Gef\u00fchl, etwas Besonderes zu sein: andere Familys waren schlie\u00dflich noch bei der gemeinen Weihnachtsgans, ha!<!--more--><\/p>\n<p>Aus damit! Pute ist seit Jahren &#8222;im Kommen&#8220;, verdr\u00e4ngt zunehmend das fettere Schweinefleisch, wird von Ern\u00e4hrungswissenschaftlern und K\u00f6chen gleicherma\u00dfen in den Himmel gelobt und ist sehr, sehr billig geworden. Folgerichtig gibt es jetzt Putenwurst in vielen Zubereitungen bis hin zur gew\u00f6hnlichen Br\u00fchwurst, Bockwurst, Wiener oder Knacker, ja sogar das unm\u00f6gliche Billigfr\u00fchst\u00fccksfleisch in Dosen vom Discounter gibt&#8217;s in der Variante &#8222;Truthahn&#8220; und ger\u00e4t damit wieder in den Bereich &#8222;mal probieren&#8220;.<\/p>\n<p>Ich mag Putenfleisch und es h\u00e4tte mir nichts ausgemacht, daf\u00fcr auch weiterhin 10 bis 14 Mark pro Kilo zu zahlen. Es war schon nicht mehr Delikatesse, aber auch nicht Alltag und hatte einen besseren Ruf als die &#8222;Gummiadler&#8220;. Genau das Richtige, wenn man sich den Aufwand des selber Kochens mal leisten und dabei ein bisschen M\u00fche geben wollte.<\/p>\n<p>Und jetzt? Dass Putenfleisch haufenweise herumliegt und preislich mit dem Schwein konkurriert, ist mir lange schon aufgefallen. Klar, dass das f\u00fcr die Pute nichts Gutes bedeuten konnte, doch SO genau wollte ich dar\u00fcber nicht nachdenken. Immerhin hatte ich vom Huhn unter anderem Abstand genommen, um die miese Batteriehaltung nicht weiter zu unterst\u00fctzen, was &#8211; jenseits ehrenwerter Bedenken &#8211; nach dem Urteil aller Gourmets auch auf den Geschmack geschlagen hatte. Ein gutes Huhn, schrieb Siebek schon vor einer Ewigkeit, mu\u00df mindestens 10 Quadratmeter f\u00fcr sich haben. Nicht im Ofen, sondern zu Lebenszeit.<\/p>\n<p>Nun lebe ich auf dem Land, hinter der Schlosswiese steht der neue H\u00fchnerstall, in dem jedes der zehn H\u00fchner seine 10 m\u00b2 Auslauf hat. Aber nat\u00fcrlich sind die nur f\u00fcr die Eier und zum Angucken, kein Schlachtvieh! Lieber esse ich gar kein Huhn, als eines zu schlachten, bzw. ein paar Mal im Jahr greif&#8216; ich zum Gummiadler und f\u00fchle mich dabei eben ein bisschen s\u00fcndig . Normalerweise esse ich Pute&#8230;.<\/p>\n<p>Aus damit. Der Markt hat nicht geruht, sondern das Angebot erh\u00f6ht, die Zucht und vor allem die Mast &#8222;effizienter gemacht&#8220;, kurz gesagt die \u00fcbliche qu\u00e4lerische &#8222;Massenproduktion&#8220; ins Werk gesetzt, die schon \u00fcber die Rinder, die Schweine und die H\u00fchner gekommen ist. Dabei ist es recht egal, dass die Puten korrekt auf dem Boden stehen und nicht in stapelbaren K\u00e4figen wie die H\u00fchner. Sie stehen dort n\u00e4mlich Fl\u00fcgel an Fl\u00fcgel wie im dichtgedr\u00e4ngten Aufzug, mit abgeschnittenen Schn\u00e4beln, damit sie sich nicht vor Verzweiflung gegenseitig angreifen, mit Knochen, die die Fleischmassen kaum mehr aufrecht halten k\u00f6nnen und mit Br\u00fcsten, die so \u00fcberdimensioniert gez\u00fcchtet sind, dass die V\u00f6gel dazu neigen, vorn\u00fcber in den Dreck zu fallen. Ihr Pech: das Fleisch schmeckt immer noch gut und ist nach wie vor &#8222;ges\u00fcnder&#8220; &#8211; f\u00fcr uns, versteht sich.<\/p>\n<p>Mir fehlen die Worte, um auszudr\u00fccken, wie w\u00fctend mich das macht, es fehlt das Talent, gute Ha\u00df- und Schm\u00e4hreden zu schreiben und au\u00dferdem: wenn ich die Wut l\u00e4nger betrachte, so ist sie nur ein Bollwerk gegen die Traurigkeit und Verachtung, die hinter ihr lauern: Traurigkeit, dass solch eine widerliche Tierqu\u00e4lerei stattfinden mu\u00df, um so etwas zivilisatorisch Banales wie das Essen auf den Teller zu bringen. Verachtung, weil alle das wissen und es trotzdem geschieht. Weil wir alle weiterhin Schwein und Rind und Pute essen, immer mehr und immer billiger und dabei eben nicht an das grauenhafte Leben denken, dass die armen Viecher erleiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Andrerseits wei\u00df ich, dass das niemand gewollt hat! Nicht ich, nicht du. Keiner von uns w\u00fcrde auf die Idee kommen, V\u00f6gel derart einzuknasten und zu maltr\u00e4tieren, nur damit uns das &#8222;Geschnetzelte&#8220; nicht abhanden kommt. Ich glaube, unsereiner ist zwar bereit, einen Feind aus der Arena zu mobben und allerlei Ausraster im Beziehungsleben hinzulegen, aber einem Pick-Vogel den Schnabel abschneiden? Das w\u00fcrden wir eher sein lassen, solange es nicht ans Verhungern geht.<\/p>\n<p>Trotzdem haben wir jetzt die Putenkn\u00e4ste! Und bei jedem neuen Tier, das in den Verdacht kommt, gut zu schmecken, wird es genauso verlaufen. (In Brandenburg hat man begonnen, Strause zu z\u00fcchten, hier und da taucht Strausensteak auf, noch ist es eine Delikatesse&#8230;.). Alle kaufen und genie\u00dfen das in Mode geratene Fleisch, bis die Medien das ganze Elend oft genug vorgef\u00fchrt haben und &#8222;artgerechte Putenhaltung&#8220; zum Thema wird. Ein wachsender, aber insgesamt unbedeutender Teil des Marktes wird &#8222;\u00f6ko&#8220; und verschafft denen, die dreimal so viel zahlen k\u00f6nnen und wollen, ein gutes Gewissen. Der Rest frisst die lebensl\u00e4nglich kranke Knastpute und denkt nicht dr\u00fcber nach.<\/p>\n<p>Die &#8222;\u00d6ko-Schiene&#8220; sehe ich nicht als L\u00f6sung. Ich will im normalen Supermarkt einkaufen k\u00f6nnen und kein Aufhebens um meine Ern\u00e4hrung machen m\u00fcssen. Zudem n\u00fctzt es den Knastputen nichts, wenn es daneben noch ein paar \u00d6ko-Puten f\u00fcr Besser-Verdienende und \u00d6ko-Hardliner gibt. Mich regt auf, dass die Mitte fehlt: hier der Gummi-Adler, dort das 10-Quadratmeter-Huhn, sonst nichts. Eine Welt, die nur noch Ausw\u00fcchse produziert, widert mich an.<\/p>\n<p>Und ich bin unentrinnbar Teil davon. Kann nicht mehr &#8222;unschuldig&#8220; essen, trinken, Kleider kaufen und f\u00fchle mich doch nur sehr vermittelt als &#8222;T\u00e4terin&#8220; all dieser Schandtaten. Kann aber auch niemand anderen sagen: Du bist schuld! Ich wei\u00df, dass die Bauern wirtschaftlich produzieren m\u00fcssen und nicht selber bestimmen, WAS im einzelnen dazu n\u00f6tig ist. Aber sie f\u00fchren es aus, genau wie ich all dieses wissend immer wieder Pute esse. Und w\u00fcrde ich das nicht tun, w\u00e4re mein Gef\u00fchl nicht viel besser. Denn Teil einer kleinen Minderheit zu sein, mag ein gutes Gef\u00fchl der Besonderheit geben. Am ganzen Elend \u00e4ndert es nichts.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Pute. Als ich klein war, war das noch ein Ereignis! 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