{"id":4246,"date":"2000-03-17T10:23:05","date_gmt":"2000-03-17T09:23:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4246"},"modified":"2024-02-07T10:25:29","modified_gmt":"2024-02-07T09:25:29","slug":"arbeit-in-der-infogesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/03\/17\/arbeit-in-der-infogesellschaft\/","title":{"rendered":"Arbeit in der Infogesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Man kann wunderbar arbeiten als Networkerin: In aller Ruhe in Schlo\u00df Gottesgabe vor dem Monitor sitzen, dazwischen mal aus dem Fenster auf die Wiese hinaussehen, kurz die H\u00fchner besuchen oder in den Nachbarort einkaufen fahren &#8211; nicht so sehr wegen des Einkaufens, sondern um mal was anderes zu sehen, die weiten Felder, die W\u00e4ldchen, den unendlichen Himmel. Und daneben viele F\u00e4den im Netz spinnen, Mail-Kontakte zu den unterschiedlichsten Menschen unterhalten, Projekte organisieren, die noch vor Jahren einen gro\u00dfen Mitarbeiterstab und ein physisches B\u00fcro erfordert h\u00e4tten &#8211; alles easy, preiswert und schnell, allein mit Maus und Monitor und einem guten B\u00fcrostuhl.<!--more--><\/p>\n<p>Allein? Nat\u00fcrlich nicht. Die anderen sitzen da im Irgendwo, ebenfalls vor ihren Monitoren, das Interface, das uns trennt, ist die Bedingung des Zusammenwirkens. Aus 1000 Mailkontakten konkretisieren sich 2 bis 10 Leute, mit denen ich etwas anfangen kann und dann auch tats\u00e4chlich anfange &#8211; im physischen Umfeld h\u00e4tte ich sie nie gefunden. Das FINDEN der richtigen Leute ersetzt zunehmend das m\u00fchevolle Zusammenraufen fester Belegschaften, zumindest in der Netzgesellschaft. Um jede Aufgabe entsteht ein neues Netz aus Individuen, die gerade f\u00fcr DIESE Aufgabe gut geeignet sind und die wiederum andere beteiligen, die die notwenige Zuarbeit optimal leisten. Ver\u00e4ndert sich die Aufgabe im Laufe der Zeit, ver\u00e4ndert sich das Netz der Aktiven entsprechend. Und zwar NICHT indem die bereits Beteiligten von irgend jemandem weitergebildet oder gesondert motiviert werden, sondern durch Austausch: Wenn die Aufgabe mir nicht mehr gef\u00e4llt, suche ich jemand anderen, der mich ersetzen kann, bzw. der die in Zukunft geforderten Qualifikationen und die entsprechende Motivation bereits hat.<\/p>\n<p>Ist das hart? Oder paradiesisch? Das kommt darauf an, woher jemand kommt, welche Art Arbeitsbedingungen er gewohnt ist. Wer das Thema Weiterbildung als etwas erlebt, das &#8222;von oben&#8220; kommt, kann in dieser Welt schlecht bestehen, denn es gibt in diesem Sinne kein &#8222;oben&#8220; mehr. Als die Sklaverei abgeschafft wurde, haben sich die ehemaligen Sklavenhalter mit der neuen Lage angefreundet, indem sie auf die Vorteile sahen: ein Arbeiter oder Angestellter mu\u00df nicht ern\u00e4hrt werden, man braucht auch keine H\u00fctten f\u00fcr ihn bauen. Der Lohn gen\u00fcgt, damit organisiert der Ex-Sklave dann alles selber. Man kann sich gut vorstellen, da\u00df nicht alle Ex-Sklaven die neue Freiheit begr\u00fc\u00dften!<\/p>\n<p>Was jetzt stattfindet, ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Nur die Leistung, das Werk, der Erfolg z\u00e4hlt und wird bezahlt &#8211; die individuellen Bedingungen f\u00fcr das Zustandekommen von Erfolg mu\u00df das Individuum selber organisieren. Lebenslang lernen ist ein Mu\u00df, doch immerhin auch ein Spa\u00df! Ich habe schon bei den ersten Einblicken in die Arbeitswelt (damals, Mitte der 70er) gesp\u00fcrt,. da\u00df ich nie nie niemals eine Arbeit annehmen werde, die es erfordert, \u00fcber Jahre dasselbe zu tun. Und ich glaube, da\u00df dieser Widerwille in den allermeisten Menschen lebt, da\u00df es nur eine feste und unausweichlich scheinende Tradition war, diese Last des Immerselben als Reich der Notwendigkeit zu akzeptieren. Die wirtschaftlich-technischen Bedingungen der Industriegesellschaft erforderten es eben &#8211; und der Einzelne fand sich damit ab, da\u00df Arbeit eben eine schwei\u00dftreibende oder zutiefst langweilige Sache ist, die zwischen 9 bis 5 erledigt werden mu\u00df. Danach war dann die FREIZEIT, in der das EIGENTLICHE LEBEN stattfand. Da mu\u00df dann ABWECHSLUNG und ZERSTREUUNG her, und zwar nicht zu knapp, um das Defizit der \u00f6den Tage auszugleichen.<\/p>\n<p>Und jetzt? Die Bereiche ARBEIT und FREIZEIT verschwimmen. Wenn ich mir ein paar Stunden Zeit nehme, um Dreamweaver zu lernen, tu ich das anhand von eigenen, nonkommerziellen Webseiten. Es macht Spa\u00df, ich lerne und erzeuge vorzeigbare Ergebnisse, \u00fcber meine Privatseiten trete ich in Kontakt mit der Welt, entlang an ganz eigenen Interessen&#8230;. Oder ich spiele mit Fotoshop, probiere Schriften und Filter aus &#8211; und schon ist das wieder eine &#8222;Vorarbeit&#8220;, die mir, bzw. einem Auftraggeber, beim n\u00e4chsten Logo zugute kommt, obwohl es mir, w\u00e4hrend ich es tue, als FREIZEIT vorkommt.<\/p>\n<p>Oder: Wenn gerade etwas &#8218;brennt&#8216;, arbeite ich auch f\u00fcr Auftr\u00e4ge durchaus mal sp\u00e4t abends, Samstags sowieso. Und hier zeigt sich denn auch die neue Kampfzone: Ich KANN mein Leben nicht ausschlie\u00dflich vor dem Monitor verbringen, ich MUSS den Sonntag zu retten und mir als Gegenleistung f\u00fcr das, was einmal Freizeit war und jetzt unverzichtbare Weiterbildung ist, einen Ausgleich schaffen. Also auch z.B. mittwochs mal einen halben Tag im Garten zubringen und mit Pfeil und Bogen auf eine Strohscheibe zielen&#8230;.<\/p>\n<p>KAMPFZONE, genau! Die K\u00e4mpfe der neuen Arbeitswelt werden die alten sein, doch nicht mehr im Bereich &#8222;Nebenleistungen&#8220; (Urlaub, Weihnachtsgeld etc.) stattfinden und auch keinen Bezug zu Arbeitsstunden-Berechnungen mehr haben. Die &#8222;Aufgaben&#8220;, hinter denen ja oft Geldgeber mit hohen Kapitalrendite-Erwartungen stehen, werden dazu neigen, die Auftragnehmer mit Haut und Haar aufzufressen: junge, voll-flexible Menschen, die Tag und Nacht 100%-engagiert arbeiten, sind die idealen Arbeitnehmer. Und wenn es davon hierzulande nicht genug gibt, m\u00fcssen sie eben importiert werden.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften, einst entstanden als Verteidigungsstruktur f\u00fcr die Arbeitnehmer der Industriegesellschaften, k\u00f6nnen und wollen sich auf die neuen Kampfzonen nicht einlassen. Ihnen ist der Info-Arbeiter ein Selbst\u00e4ndiger und damit schon (fast) auf der &#8222;anderen Seite&#8220;. Zudem ist es garnicht SO leicht auszudenken, wie das neue Arbeiten so verregelt werden k\u00f6nnte, da\u00df es NACHHALTIG f\u00fcr die Individuen lebbar ist. Im Gegenteil, es scheint noch jede Menge Entregelung n\u00f6tig zu sein, damit wirklich VIELE in der Infogesellschaft ihr Auskommen finden k\u00f6nnen. Und: So etwas wie &#8222;Streikposten&#8220; wird es niemals wieder geben &#8211; wie denn auch, im virtuellen Raum?<\/p>\n<p>Wir selbst werden es letztlich leisten m\u00fcssen, uns zu verteidigen und unsere Arbeitsweise nachhaltig zu gestalten. Mit den Mitteln des Netzes werden die Nachteile des Networking angegangen werden m\u00fcssen und ich habe Hoffnung, da\u00df das auch m\u00f6glich sein wird. Derzeit expandiert die neue Wirtschaft noch so stark, da\u00df das Auskommen, bzw. das Einkommen der neuen Infoarbeiter nicht schlecht ist: wer etwas leisten kann, das gefragt ist, verdient auch entsprechend gut, wenn auch bei verminderter Sicherheit und hohem Einsatz. Diese Rahmenbedingungen bleiben jedoch nicht immer so &#8211; la\u00dft uns das zumindest im Auge behalten!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann wunderbar arbeiten als Networkerin: In aller Ruhe in Schlo\u00df Gottesgabe vor dem Monitor sitzen, dazwischen mal aus dem Fenster auf die Wiese hinaussehen, kurz die H\u00fchner besuchen oder in den Nachbarort einkaufen fahren &#8211; nicht so sehr wegen des Einkaufens, sondern um mal was anderes zu sehen, die weiten Felder, die W\u00e4ldchen, den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,9,7,231],"tags":[290,25,905,1126,1127],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4246"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4246"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4246\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4246"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4246"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4246"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}