{"id":4242,"date":"2000-03-09T10:14:07","date_gmt":"2000-03-09T09:14:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4242"},"modified":"2024-02-07T10:16:50","modified_gmt":"2024-02-07T09:16:50","slug":"das-leben-ein-kreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/03\/09\/das-leben-ein-kreis\/","title":{"rendered":"Das Leben, ein Kreis"},"content":{"rendered":"<p>Meine erste Erinnerung in diesem Leben ist eigentlich ohne Inhalt: eine warme, sonnenbeschienene Steinmauer, in den Ritzen frische Gr\u00e4ser, Blumen, eine bunte Decke, die ein wenig kratzt, eine Holzbank, auf der ich liege, meine Mutter, irgendetwas in einer Tasche kramend&#8230;. f\u00fcr all das hatte ich keine Worte. Ich sah es nur, doch ich sah es anders als je zuvor: ich sp\u00fcrte, da\u00df inmitten dieser Formen, Farben und Gef\u00fchle ICH war. Da\u00df ICH ein Wesen IN dieser Welt bin &#8211; und ich bewegte leicht den Oberk\u00f6rper hin und her und bemerkte mit Freude, wie daraufhin der Anblick &#8222;schwankte&#8220;. Freude? Es war unglaubliche Euphorie, namenlose Exstase, zu realisieren, da\u00df da neben dem Wahrgenommenen auch ein Wahrnehmender ist!<!--more--><\/p>\n<p>Im weiteren Leben wird dieser Wahrnehmende zum sozialisierten Ich, zur Person, die schmerzvoll lernt, ihre Interessen gegen\u00fcber anderen wahrzunehmen und dar\u00fcber alles andere vergi\u00dft. Das Leben zwingt uns, das K\u00e4mpfen zu lernen, uns abzugrenzen und uns in der Folge &#8222;getrennt&#8220; zu f\u00fchlen. Eine Sehnsucht nach dem &#8222;ganz anderen&#8220; mag bestehen bleiben, bietet eine gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Basis, um die Welt &#8222;verbessern&#8220; zu wollen oder vom Paradis zu tr\u00e4umen, das vielleicht in Irgendwo (Utopia) existiert.<\/p>\n<p>Nach vielen Versuchen, mein ganz pers\u00f6nliches Paradies auf dieser Welt zu schaffen (mit geliebten M\u00e4nnern, in Wohngemeinschaften, in politischen Bewegungen) und nachdem ich das Scheitern auf all diesen Ebenen kennengelernt hatte, dachte ich mir: da mu\u00df es doch noch etwas geben! Ich verschlang philosophische Schriften, die aber alle nur diese Gedanken aufs sch\u00f6nste komplizierten, jedoch an der Sache selbst nichts \u00e4ndern konnten. Schlie\u00dflich waren die spirituellen Lehren dran: Buddha bis Baghwan, Upanishaden bis Zen, Sufis, Gurdjeff, humanistische Psychologie und NewAge.<\/p>\n<p>Hier lernte ich die &#8222;Erleuchtung&#8220; kennen, nat\u00fcrlich nur gedanklich, doch immerhin war da ein neues Ideal. Ich begab mich in verschiedene \u00dcbungszusammenh\u00e4nge, versuchte, zu meditieren, besuchte einige Kurse, die auf unterschiedliche Weise &#8222;wacher&#8220; machen sollten und tats\u00e4chlich lernte ich eine Menge dar\u00fcber, was ich bin. Wie K\u00f6rper, Geist und Gef\u00fchl zusammenwirken und wie es m\u00f6glich ist, &#8222;Probleme&#8220; ganz anders anzugehen als nur durch Analyse, Planung, Beschlu\u00df, Willenskraft und Disziplin, die Mittel des Verstandes. All dieses Lernen blieb jedoch abstrakt und reichte nicht wirklich in den Alltag hinein, es blieben sporadische Wochenendbesch\u00e4ftigungen, ganz so, wie die von mir verspottete Christenheit Sonntags eine Stunde f\u00fcr Gott einr\u00e4umt. Auch mutete es mich seltsam an, was f\u00fcr ein Brimborium die jeweilige Szene um ihre Lehrer und Lehrgeb\u00e4ude entfaltet und wie viele versuchten, mit ihrem &#8222;Fortschritt&#8220; Kasse zu machen.<\/p>\n<p>Also nichts damit &#8211; ich lebte mein ganz normales Leben weiter, war Mitte dreissig und kam an ein Ende. Ich hatte alles erdenkliche ausprobiert, was mir ein bi\u00dfchen mehr Gl\u00fcck, mehr Freiheit, mehr Entfaltung (auch: mehr Macht!) zu versprechen schien, war ungl\u00fccklicher als je zuvor und vor allem unendlich gelangweilt: Beziehungsdramen, Politk\u00e4mpfchen, Gruppendynamik in Arbeitsgruppen, all das war nur noch anstrengend und aufreibend, aber nicht mehr gl\u00fccksverhei\u00dfend. Ich gab alles auf, trat von allen &#8222;Funktionen&#8220; zur\u00fcck und verzog mich zeitweise in die Toskana, wo mein liebster Freund ein Haus hatte. Doch auch dort: kein Gl\u00fcck, kein &#8222;einfaches friedliches Leben&#8220;, sondern das \u00fcbliche Hauen &#038; Stechen, nur da\u00df es jetzt um Hundegebell, um Wasser, um Z\u00e4une, um Schafe und Touristen ging. Ich war ein &#8222;entwickeltes Ich&#8220; geworden, zu jedem Kampf in der Lage &#8211; aber wozu, um Himmels Willen?<\/p>\n<p>Nach drei Jahren ohne jede Hoffnung, ohne Vohaben und Plan, ohne Vorstellung, was ich tun k\u00f6nnte, um wieder mit Freude in die Welt sehen zu k\u00f6nnen, erreichte ich den Tiefpunkt. Zuletzt f\u00fchrte ich eine Kneipe und mein Leben war darauf beschr\u00e4nkt, um den Tresen zu rotieren: heute davor, morgen dahinter. Ich ging auf dem Zahnfleisch, eine recht lange Zeit.<\/p>\n<p>Und dann h\u00f6rte es auf. Von heute auf morgen verlie\u00df ich die Kneipenwelt und stellte fest: Ich war irgendwie verblendet gewesen! Ich hatte mir mein Ungl\u00fcck selber angerichtet, indem ich stets daran glaubte, ich m\u00fcsse alles selber machen und genau wissen, wo es lang geht. Dabei hatte ich nur noch mein Ungl\u00fcck t\u00e4glich selber gemacht, aber das mit aller Kraft. Ich brauchte nur loslassen &#8211; und schon begann ich mich zu erholen, wurde gesund, fr\u00f6hlich und neugierig auf die Welt, die mir ganz von sich aus t\u00e4glich die B\u00e4lle zuspielt. Mein selbst geschaffenes Gef\u00e4ngnis war zerbrochen: das Leben ist INTERAKTIV! Nicht ICH mu\u00df alles manipulieren, damit es nach dem Morgen wieder abend, nach dem Winter wieder Fr\u00fchling wird (ich \u00fcberspitze absichtlich!), sondern das geht ganz VON SELBST. Ich mu\u00df mich dem nur hingeben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dachte ich dar\u00fcber: Das ist die Krise in der Mitte des Lebens. Man w\u00e4chst zuerst hinein, es beginnt als gro\u00dfe Freude, wenn das &#8222;ich&#8220;, der geistige &#8222;Link&#8220; entsteht, an dem entlang wir eine Welt \u00fcberhaupt erst bemerken k\u00f6nnen. Dann beginnt dieses Ich mit seiner Machtergreifung: Das Kind steht fasziniert vor dem Spiegel und tats\u00e4chlich bewegt sich da dr\u00fcben die Hand, wenn es &#8222;seine&#8220; Hand bewegt! Aus dieser gelungenen Manipulation entsteht der erste Lebensentwurf: ICH bin, ICH kann, und schon bald: ICH muss&#8230;..<\/p>\n<p>Aber das ist nur die H\u00e4lfte der Wahrheit, die, die wir in der ersten Lebensh\u00e4lfte entwickeln. Die zweite H\u00e4lfte ist die &#8222;Abwicklung&#8220; dessen, was wir durch dieses Konzept aus uns selbst gemacht haben und &#8211; wenn es gut geht &#8211; die Erkenntnis der anderen H\u00e4lfte: Was ist das, das VON SELBST geht?<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist das Erlebnis, das ich eingangs beschrieb, die &#8222;Erleuchtung&#8220; der ersten Lebensh\u00e4lfte, das Erwachen zum Ich. Von der zweiten Phase aus betrachtet, ist es die erste &#8222;Verdunkelung&#8220;. Und das Wiedererleben des Nicht-Geschiedenen, das momenthafte Eintreten ins Ungetrennte, aus dem wir zu Anfang erwacht sind, ist die &#8218;Erleuchtung&#8216; genannte Erfahrung, die als Ideal \u00fcber der zweiten Lebensh\u00e4lfte steht. Ein Gru\u00df vom Ende, auf das wir zugehen, ein Ende, das uns zur\u00fcck vor den Anfang f\u00fchrt.<\/p>\n<p>In unserer Gesellschaft sind Kreisbewegungen nicht beliebt, linearer Fortschritt ist angesagt. Wissenschaftler forschen daran, wie uralte M\u00fctter noch Kinder bekommen k\u00f6nnten, Leute jeden Alters wollen gern aussehen wie 20. Man h\u00e4lt kollektiv an den Werten der ersten Lebensh\u00e4lfte fest &#8211; und das macht es dem Individuum nicht einfach, die H\u00fcrden der zweiten H\u00e4lfte zu bestehen. Auf der anderen Seite vermitteln die spirituellen Lehren aller Zeiten vielfach den Eindruck, als k\u00f6nne die erste H\u00e4lfte ersatzlos gestrichen werden. Sie erscheint als blo\u00dfe Verirrung, als falscher Weg, als Verstrickung und Verblendung &#8211; doch ohne den Weg in die Welt HINEIN gibt es keine Welt. Nur Leute, die die Welt absolut nicht m\u00f6gen, k\u00f6nnen das als Ideal ansehen. Ich nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine erste Erinnerung in diesem Leben ist eigentlich ohne Inhalt: eine warme, sonnenbeschienene Steinmauer, in den Ritzen frische Gr\u00e4ser, Blumen, eine bunte Decke, die ein wenig kratzt, eine Holzbank, auf der ich liege, meine Mutter, irgendetwas in einer Tasche kramend&#8230;. f\u00fcr all das hatte ich keine Worte. 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