{"id":4241,"date":"2000-03-05T10:08:54","date_gmt":"2000-03-05T09:08:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4241"},"modified":"2024-02-07T10:14:02","modified_gmt":"2024-02-07T09:14:02","slug":"medien-scheuklappen-fuer-over40s","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/03\/05\/medien-scheuklappen-fuer-over40s\/","title":{"rendered":"Medien &#038; Scheuklappen &#8211; f\u00fcr Over40s"},"content":{"rendered":"<p>Juh schrieb in der Mailingliste Netzliteratur:   <\/p>\n<blockquote><p> &#8222;Ich finde, entw\u00fcrdigend bei Big Brother und auch einigen anderen Spektakeln ist weniger, da\u00df ganz individuelle Menschen entw\u00fcrdigt werden, sondern da\u00df dies f\u00fcr uns alle entw\u00fcrdigend ist, weil es zeigt, wozu Menschen f\u00e4hig sind, wenn sie nur Geld daf\u00fcr kriegen. Da\u00df Menschen zu allem bereit sind, wenn der Anreiz stimmt, ist zwar ein Allgemeinplatz. Aber die Verf\u00fchrbarkeit des Menschen andauernd vorzuf\u00fchren, das verst\u00f6\u00dft m.E. gegen die Menschenw\u00fcrde.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das war auch mein erstes Gef\u00fchl, als ich von der Sendung zum ersten Mal h\u00f6rte. Und gerade mit diesem Gef\u00fchl komme ich mir richtig ALT vor. Es ist normal geworden, haupts\u00e4chlich eine Menge Geld machen und ber\u00fchmt werden zu wollen, mit was auch immer. Andere Werte wirken geradezu komisch: \u00d6ko ist zum Beispiel v\u00f6llig out, Autos sind daf\u00fcr wieder in &#8211; als ich 25 war, h\u00e4tte sich jeder gesch\u00e4mt, in einem Auto mehr zu sehen als ein leider manchmal notwendiges Mittel zum Zweck. Heute geben junge M\u00e4nner &#8222;Auto fahren&#8220; auf ihrer Homepage ungeniert als Hobby an &#8211; und hier in Mecklenburg rasen sie gegen die B\u00e4ume, t\u00e4glich ist so ein Testosteron-Toter zu beklagen!<br \/>\nOutfit ist alles, ein gestylter K\u00f6rper, ein glattes Gesicht, alles verziert mit Markenware &#8211; und die Welt und ihre Ph\u00e4nomene werden danach beurteilt, ob sie LANGWEILIG oder SPANNEND sind.<\/p>\n<p>Jetzt will mir sicher gleich jemand schreiben, das sei doch eine krasse Verallgemeinerung, es g\u00e4be auch andere &#8211; geschenkt, klar gibt es die, aber sie haben eben nicht viel zu putzen! Felix zum Beispiel mailt mir:<\/p>\n<p>Obwohl ich mich selbst (25) noch nicht f\u00fcr so alt halte, ist es mir unverst\u00e4ndlich, warum so viele vorwiegend junge Menschen allen m\u00f6glichen Fun-Aktivit\u00e4ten hinterherrennen, deren einzig ersichtlicher Sinn es ist, jemand anderes reich zu machen.<\/p>\n<p>Und Paul hat mir einen Text voller ernsthafter \u00dcberlegungen zum Thema &#8222;Aufrichtigkeit im Schreiben&#8220; geschickt, ausgel\u00f6st durch meine \u00dcberlegungen <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/02\/29\/ueber-medien\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">\u00fcber kommerzielle Medien (29.2.)<\/a>. Doch er landet im Nichts mit seinen Gedanken, weil er einen Wert wie &#8222;Aufrichtigkeit&#8220; nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden zu fassen bekommt &#8211; und die Naturwissenschaft mit ihren rein quantitativen Methoden ist nun mal unsere herrschende Religion, wer k\u00f6nnte sich ihr entziehen?<\/p>\n<p>Ich springe von diesem zu jenem, um mein Unbehagen an der Welt zu illustrieren. Und ich kann niemals wissen, ob das &#8222;nur&#8220; eine Alterserscheinung ist: immer schon fanden die \u00c4lteren die Welt zunehmend unverst\u00e4ndlich und zum Kotzen. Ein noch etwas \u00e4lterer Freund leidet z.B. schwer unter dem schizophrenen Moral-Hype der Massenmedien in den aktuellen Politiker-Affairen. Im Ajatollah-Stil heftiger Entr\u00fcstung geben junge Moderatoren, Radio-Sprecher, Talkmaster und Journalisten Losungen aus, wer heute als Schwein zu gelten hat. Trennung von Nachricht und Meinung? Gestrichen, v\u00f6llig altmodisch! Doch vor allem: Gerade die Massenmedien tun doch ALLES daf\u00fcr, da\u00df ein Mensch sich verdammt weit deformieren mu\u00df, um \u00fcberhaupt den Schimmer einer Chance zu bekommen, in der Politik mitzureden. Wie kann dann also ein Medienmensch daherkommen und bei seinen Opfern jungfr\u00e4uliche Unschuld in Sachen Machtpolitik einfordern?<\/p>\n<p>An diesem Punkt sag&#8216; ich meinem Freund: jammere nicht, wende dich ab! Wo nur das Prinzip Hahnenkampf gilt, weil es nun mal Quote bringt, haben wir nichts verloren. Es hilft nicht, in den Massenmedien \u00fcber deren Verfall und den Verfall der entsprechenden \u00d6ffentlichkeit zu lamentieren &#8211; das wird nur als &#8222;langweilig&#8220; \u00fcberlesen, sofern es noch jemand druckt oder sendet. Die Geste der Kritik wird sinnlos, man mu\u00df sich den Taten zuwenden.<\/p>\n<p>Und da kehrt meine gute Laune wieder: Fa\u00dft Mut, ihr Over40s mit den unverbesserlich geistigen Interessen! Wenn der Mainstream unseren Bed\u00fcrfnissen zuwider l\u00e4uft, gehen wir doch eigene Wege, entwickeln eigene &#8222;Formate&#8220; &#8211; die Technik von Bigbrother-Haus inspiriert z.B. geradezu, \u00fcber eigene &#8222;Sendungen\/Netzereignisse&#8220; nachzudenken: Nicht h\u00fcbsche Ratten in einem Versuchsfeld, sondern interessante Leute, die noch etwas wollen (au\u00dfer Geld &#038; Quote) und sich dar\u00fcber auch mitrei\u00dfend unterhalten k\u00f6nnen &#8211; ohne Talkmaster, der ihnen \u00fcber den Mund f\u00e4hrt und mit selbst organisierter Technik (man braucht keinen Fernsehsender, um einen Videostream ins Netz zu schicken, und wenn etwas Interessantes gesagt wird, auch keine 30 Kameras!).<\/p>\n<p>Das ist NICHT der offene Kanal, kein &#8222;Medium von unten&#8220;, nichts von der Art, wie es sich die wohlmeinende (und \u00fcberhebliche) Politikp\u00e4dagogik unserer jungen Jahre hat tr\u00e4umen lassen. Gerade diese Sichtweise: hier die tumbe Masse, da die Sender\/T\u00e4ter\/Machthaber\/Geldbesitzer ist nicht mehr &#8222;zeitgem\u00e4\u00df&#8220; im wahrhaftigsten Sinne. Es geht nicht mehr darum, sich gegen feste Ordnungen oder einen &#8222;Mainstream&#8220; zu wehren, sondern darum, im Chaos zu navigieren. In einem NETZ gibt es keine FRONTEN (aber durchaus Krieg!). Es gibt nur Knoten, Verbindungen &#8211; oder es gibt sie nicht. Das Recht, Knoten zu kn\u00fcpfen und Inhalte auszutauschen ist heute die Freiheit, die es zu verteidigen gilt, ist &#8222;erste B\u00fcrgerpflicht&#8220;. Dar\u00fcber hinaus gibt es nichts von vorne herein &#8222;Gemeinsames&#8220;, sondern jede Gemeinsamkeit m\u00fcssen wir selber durch aktives Setzen attraktiver Verbindungen erst herstellen.<\/p>\n<p>Und das geht doch heute leichter denn je! Etwas Eigenes neben das F\u00fcr-schlecht-befundene stellen, war noch nie so einfach, so billig zu veranstalten, so GEFRAGT wie neuerdings, wo sich der mediale Mainstream zum Minderheitenprogramm f\u00fcr Fitness-Center-Kunden verengt. Da\u00df unsere &#8222;Formate&#8220; nicht ankommen, m\u00fcssen wir nicht f\u00fcrchten: schlie\u00dflich sind wir eine zahlungskr\u00e4ftige Mehrheit&#8230;. Wir m\u00fcssen blo\u00df die Scheuklappe unserer Generation absetzen, die uns auf &#8222;die Gesellschaft&#8220; verpflichtet und unsere Contents oft so \u00f6de macht. Kehren wir zum eigentlichen Sinn von Kommunikation zur\u00fcck: dem TOD, dem Nichts, der Sinnlosigkeit etwas entgegensetzen &#8211; nicht &#8222;dem Mainstream&#8220; oder irgend einer anderen \u00dcbermacht, die uns vermeintlich vom Leben abh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Und nur keine Angst vor der Technik! Zur Not gibt es da diese jungen flexiblen Menschen, immer bereit, auf dem Zahnfleisch zu gehen&#8230;. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juh schrieb in der Mailingliste Netzliteratur: &#8222;Ich finde, entw\u00fcrdigend bei Big Brother und auch einigen anderen Spektakeln ist weniger, da\u00df ganz individuelle Menschen entw\u00fcrdigt werden, sondern da\u00df dies f\u00fcr uns alle entw\u00fcrdigend ist, weil es zeigt, wozu Menschen f\u00e4hig sind, wenn sie nur Geld daf\u00fcr kriegen. 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