{"id":424,"date":"2009-12-30T15:14:06","date_gmt":"2009-12-30T13:14:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=424"},"modified":"2009-12-30T18:54:10","modified_gmt":"2009-12-30T16:54:10","slug":"jahresendbesinnung-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/12\/30\/jahresendbesinnung-2009\/","title":{"rendered":"Jahresendbesinnung 2009"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich nach den Themen gehe, die per E-Mail-Spam in meine Mailboxen schwappen, so bewegte in diesem Jahr der Wunsch nach &#8222;Abnehmen&#8220; und &#8222;mehr Stehkraft im Bett&#8220; die Menschen wie nichts anderes. Das war nicht immer so: es gab Jahre der Penisverl\u00e4ngerung und solche der immer billigeren Hypothekenkredite, wobei letztere eine weltweite Wirtschaftskrise ausl\u00f6sten. H\u00e4tte man den Spam damals richtig interpretiert, h\u00e4tte man sie voraus gesehen!<\/p>\n<h2>Lacan: &#8222;Das Begehren begehrt das Begehren des Anderen&#8220;<\/h2>\n<p>Was sagt nun dieser massive Wunsch nach einem schlankeren K\u00f6rper, der zudem sexuell Olympia-f\u00e4hig sein soll? Mir scheint, es geht um eine weitere Drehung der Spirale in Richtung Privatisierung und Vereinzelung der Individuen: jeder soll gef\u00e4lligst sein Gl\u00fcck selber schmieden, sich marktf\u00f6rmig (jung, schlank, straff, superpotent) zurichten und so die &#8222;Nachfrage&#8220; nach dem Produkt dieser Bem\u00fchungen steigern. Begehrt werden w\u00e4re dann die Erf\u00fcllung &#8211; solange man es schafft, die geforderte Fitness und &#8222;Beauty&#8220; aufrecht zu erhalten.<!--more--><\/p>\n<p>Bezeichnend an dieser Art Gl\u00fccksversprechen ist, dass man es ganz alleine schaffen kann: durch Konsum, Kasteiung und &#8222;\u00fcben, \u00fcben, \u00fcben&#8220; soll ein supergesunder \u00dcbermensch entstehen, der keine Gemeinschaft mehr ben\u00f6tigt, sondern nur noch Bewunderer. Genie\u00dfen wird er sein hart erarbeitetes &#8222;Gl\u00fcck&#8220; allerdings nicht k\u00f6nnen: schon bald zeigt sich eine neue Falte im Gesicht, jede kleine Trainingspause l\u00e4sst die hart erarbeiteten Muskeln erschlaffen. &#8222;Fit for fun&#8220; ist eine L\u00fcge, denn f\u00fcr den &#8222;Fun&#8220; bleibt keine Zeit, man muss immer weiter &#8222;an sich arbeiten&#8220;, um nicht raus zu fallen aus dem anstrengenden Spiel. <\/p>\n<p>2009 hab&#8216; ich drei Kilo zugenommen und eine Kleidergr\u00f6\u00dfe zugelegt. Komischerweise f\u00fchl ich mich gut, gefalle mir im Spiegel und kann \u00fcber mangelnde &#8222;Nachfrage&#8220; nicht klagen. Gl\u00fccklich macht mich vor allem gelingender Austausch mit meinen N\u00e4chsten und den Ferneren, online und offline. Je mehr ich von mir absehe und mich f\u00fcr Andere und die Welt da drau\u00dfen interessiere, desto unproblematischer f\u00fchlt sich das eigene Leben an. Daf\u00fcr wird das Mitf\u00fchlen intensiver, manchmal auch die Wut und die Traurigkeit \u00fcber all das, was die Menschheit so treibt, als gehe es darum, den Planeten m\u00f6glichst schnell in die Tonne zu treten.<\/p>\n<h2>Bluuuuumengie\u00dfen&#8230;. !<\/h2>\n<p><em>&#8222;Fern in Asien passiert ein Drama, in Velutschistan marschiert ein Heer. Doch ich geh Bluuuuumen gie\u00dfen, Bluuuuumen gie\u00dfen, Herz, was willst du noch mehr!&#8220;<\/em> sang einst Georg Kreisler. Mittlerweile kann ich das gut verstehen, denn nichts wirkt so ausgleichend und harmonisierend wie ein <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/\">Garten<\/a>, in dem man sich mit ganz irdischen Dingen besch\u00e4ftigt. 2009 war mein erstes &#8222;ganze Jahr&#8220; im neuen Garten &#8211; ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass es sogar in einer &#8222;spie\u00dfigen&#8220; Kleingartenanlage so sch\u00f6n sein kann. Jetzt fehlt mir nur noch das passende Netbook, dann kann ich von da aus auch gleich recherchieren und bloggen! :-)<\/p>\n<p>Und \u00fcberhaupt:  die politische Dimension deprimiert ja nicht nur, sie ist auch sehr spannend! In diesem Jahr hat sich dank <strong>&#8222;Zensursula&#8220;<\/strong> endlich mal wieder richtig was bewegt. Die dilettantischen <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/pvinternet100.html\">Herangehensweisen eher netzferner Politiker<\/a> haben junge (und auch ein paar \u00e4ltere) Menschen motiviert, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Der Auftritt der Piratenpartei auf der politischen B\u00fchne hat weit mehr bewirkt, als die 0,9% Stimmen vermuten lassen. Mittlerweile sind viele Netzthemen auf der Agenda, die alten M\u00e4chte, denen ihre traditionellen Gesch\u00e4ftsmodelle wegbr\u00f6ckeln, entfalten ihre Kampfkraft, treffen aber auch auf breiten Widerstand. \u00dcberwachung, Datennutzung, Urheberrecht, &#8222;Kultur des Kostenlosen&#8220; und vieles mehr werden breit diskutiert &#8211; und es ist nicht mehr ganz einfach, so &#8222;von oben&#8220; mal eben etwas aufzuzwingen. Ich bin gespannt, wie all diese Themen sich weiter entwickeln werden, wobei ich aufs Sch\u00e4rfste hoffe, dass sich die Unvernunft, die das freie Verlinken und Zitieren mittels eines &#8222;Leistungsschutzrechts&#8220; unterbinden will, NICHT durchsetzt. <\/p>\n<p>Die &#8222;gro\u00dfe Politik&#8220; erscheint im \u00fcbrigen mehr und mehr als seltsames, den realen Problemen kaum mehr zugewandtes Schauspiel: <a href=\"http:\/\/hor.de\/am-25-dezember-alte-nachrichten.html\">eine Koalition<\/a>, deren erstes Gesetz (das mit den Steuersenkungen inmitten katastrophaler Haushaltslage) nur deshalb noch durchgewunken bzw. erkauft werden muss, damit sie nicht &#8222;das Gesicht verliert&#8220;, macht einen verdammt unf\u00e4higen Eindruck! Die von Merkel so oft zitierte &#8222;schw\u00e4bische Hausfrau&#8220; kann da nur mit dem Kopf sch\u00fctteln &#8211; sofern sie nicht Hotel-Managerin ist und von der neuen Subvention profitiert. Und wenn der Klimagipfel (Floppenhagen) etwas <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/12\/19\/klimakonferenz-desaster-kopenhagen-falsches-format\/\">gezeigt hat<\/a>, dann dass die Regierenden der Welt nicht im Stande sind, \u00fcber ihren nationalen Horizont hinaus zu schauen -wohl wissend, dass Erde und Himmel, Atmosph\u00e4re und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/53\/Oeko-Essay\">Klima<\/a> keine solchen Grenzen kennen. <\/p>\n<h2>Jahr 2 der Finanz- und Wirtschaftkrise<\/h2>\n<p>Aber wir haben ja sowieso &#8222;Krise&#8220;. Als deren Wirkung ist das Wachstum und die gesamte Produktion Ende 2008 mal eben um 20 bis 25 Prozent gekappt worden. Anstatt diesen in vieler Hinsicht positiven &#8222;D\u00e4mpfer&#8220; aber 2009 zu nachhaltigen Umstrukturierungen zu nutzen (z.B. Abbau von \u00dcberkapazit\u00e4ten, Verteilung der verbliebenen Arbeit, Beschr\u00e4nkung spekulativer Finanzgesch\u00e4fte), m\u00fcht sich unsere Regierung, mittels immer h\u00f6herer Verschuldung ein &#8222;wieder so&#8220; und &#8222;weiter so&#8220; zu gew\u00e4hrleisten. Wenn irgend etwas mit Fug und Recht PERVERS genannt werden darf, dann ist es ein solches Vorgehen! <\/p>\n<p>WER ist es aber, der das so will? Schlie\u00dflich kann man Politikern nicht vorwerfen, zu tun, was das Volk mehrheitlich w\u00fcnscht. Was aber wird tats\u00e4chlich gew\u00fcnscht? Einerseits demonstrierten viele mit den bedrohten Opel-Arbeitern, andrerseits wurde ein bis dahin unbekannter Minister zu Guttenberg in den politischen Himmel gehoben, weil er dem Unmut \u00fcber die St\u00fctzung eines Mega-Konzerns deutlich Ausdruck verlieh. Je mehr die Wirkungen der Krise am eigenen Leib und Lebensstil sp\u00fcrbar werden, desto mehr Einverst\u00e4ndnis gibt es offenbar mit der Verschuldungspolitik. <\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re das anders, zumindest ansatzweise, wenn es eine echte Diskussion \u00fcber Alternativen g\u00e4be &#8211; nicht nur in kleinen Blogger-Gemeinden und sektenartigen Randgr\u00fcppchen, sondern getragen von den gew\u00e4hlten Politikern und den Mainstreammedien. Bei den letzteren konnte man ja in der hei\u00dfen Phase der Krise tats\u00e4chlich Artikel lesen, die allen Ernstes die Systemfrage stellten &#8211; eine Anwandlung, die allerdings schnell wieder im Business as usual versackte. <\/p>\n<p>2009 war insgesamt ein sehr bewegtes Jahr, das uns in mancher Hinsicht die Grenzen unseres aktuellen Lebensstils aufgezeigt hat. Ob und wie wir den ver\u00e4ndern, ob wir das k\u00f6nnen bzw. \u00fcberhaupt &#8222;wollen k\u00f6nnen&#8220;, wird 2010 zeigen. (Auf &#8222;gr\u00fcnen Strom&#8220; bin ich immerhin schon umgestiegen&#8230; aber reichen wird das bei weitem nicht!).<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche allen einen guten Rutsch!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich nach den Themen gehe, die per E-Mail-Spam in meine Mailboxen schwappen, so bewegte in diesem Jahr der Wunsch nach &#8222;Abnehmen&#8220; und &#8222;mehr Stehkraft im Bett&#8220; die Menschen wie nichts anderes. Das war nicht immer so: es gab Jahre der Penisverl\u00e4ngerung und solche der immer billigeren Hypothekenkredite, wobei letztere eine weltweite Wirtschaftskrise ausl\u00f6sten. 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