{"id":4236,"date":"2000-02-28T12:05:29","date_gmt":"2000-02-28T11:05:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4236"},"modified":"2024-02-04T12:06:51","modified_gmt":"2024-02-04T11:06:51","slug":"form-ist-leere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/02\/28\/form-ist-leere\/","title":{"rendered":"Form ist Leere"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;Leere ist Form. \u00dcber diese Weisheit aus dem Herz-Sutra denke ich manchmal nach. Gew\u00f6hnlich verstehe ich es als Beispiel bedingten Entstehens: ohne Leere keine Form! Was w\u00e4re der Topf ohne die Leere, die er umschlie\u00dft?<!--more--><\/p>\n<p>Mir ist das gerade eingefallen, denn ich wollte ins Tagebuch schreiben, ohne noch zu wissen, was. Warum mach&#8216; ich das dann? Weil diese Form eine Disziplin ist, die u.a. den Sinn hat, mich geistig wach zu halten, zumindest gelegentlich den Kopf \u00fcber alle Tellerr\u00e4nde zu erheben &#8211; auch, wenn da garnicht viel zu sehen ist, gerade dann. Schon \u00f6fter ist mir aufgefallen, da\u00df Motive und W\u00fcnsche nur noch &#8222;stotternd&#8220; mein Leben begleiten. Kaum irgend ein Begehren h\u00e4lt so lange vor, da\u00df damit die ganze Strecke zwischen Idee und Verwirklichung zu \u00fcberbr\u00fccken w\u00e4re. Bei Konsumw\u00fcnschen ist das besonders n\u00fctzlich: noch bevor ich wirklich etwas kaufe, geht der Wunsch in ganz anderen Impulsen unter, er verschwindet einfach wieder und wenn ich es bemerke, bemerke ich die Leere. Und habe Geld gespart!<\/p>\n<p>Schwieriger ist es bei Vorhaben und Projekten aller Art. Immer schon war mir der Anfang, der Aufbau, Konzept &#038; Planung die interessanteste Phase. Geht etwas dann in Routine \u00fcber, verabschiede ich mich und breche zu neuen Ufern auf. (Web-Arbeit ist daf\u00fcr wie geschaffen, da ist alles st\u00e4ndig im Aufbau&#8230;). Doch auch hier begegne ich mehrfach am Tag der Leere. Ich kann mir nicht mehr vormachen, irgend etwas, was ich tue, sei von ganz besonderer Bedeutung f\u00fcr die Welt oder auch nur f\u00fcr mich. Dieses dringlich-bedeutungsvolle &#8222;Weltrettungsgef\u00fchl&#8220;, eine verschleierte Form eigener Geltungssucht, hatte mich in der ersten Lebensh\u00e4lfte im Griff und es geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten Erfahrungen, da\u00df es verschwunden ist. Ersatzlos gestrichen &#8211; doch diese Abwesenheit erzeugt das Gef\u00fchl der Leere, wann immer ich einen Moment inne halte. Da m\u00fc\u00dfte doch etwas sein, denke ich dann irritiert &#8211; und wenn es mir gerade psychophysisch nicht gut geht, kann ich daran depressiv werden. Gl\u00fccklicherweise h\u00e4lt auch das nie lange vor.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise ist meine Arbeit viel besser geworden, seit ich nicht mehr glauben kann, es l\u00e4ge darin eine &#8222;Rettung&#8220;. Auf einmal ist eine gewisse Beharrlichkeit kein Problem mehr, ich kann relativ diszipliniert die Dinge von Anfang bis Ende durchziehen und bin &#8211; anders als die fr\u00fchere, vom Ehrgeiz Getriebene &#8211; durchaus ein stabiler Faktor im Geschehen. Ist das nicht paradox? Leere ist Form, hei\u00dft es, und vielleicht meint das auch: ERST IN DER LEERE kann eine FORM sein. Vorher ist alles nur herumwirbelnder Matsch.<\/p>\n<p>Leider klebe ich nun manchmal zu sehr an der Form: da jenseits davon &#8217;nur&#8216; die Leere ist, hafte ich im Alltag an meinen Vorstellungen vom Tagesablauf. Ein unangemeldeter Besuch kann mich &#8222;aus dem Gleis&#8220; werfen, es f\u00e4llt mir schwer, von jetzt auf gleich &#8218;umzuschalten&#8216; und mich v\u00f6llig unbeschwert dem Augenblick zu \u00f6ffnen. Das wird noch durch die Arbeit \u00fcbers Netz verst\u00e4rkt, die daran gew\u00f6hnt, alles immer nur &#8222;auf Mausklick&#8220; zu erleben: Erst, wenn ich beschlie\u00dfe, jetzt Mail abzurufen, \u00f6ffne ich mich den aktuellen Anliegen anderer. Erst, wenn ich in den Ordner &#8222;Mailingliste Netzliteratur&#8220; schaue, trete ich in eine soziale Arena. Das &#8222;Mitmensch on Demand-Leben&#8220; erm\u00f6glicht eine ungeheure Bandbreite sozialer Kontakte, die im &#8222;Real Life&#8220; kaum zu verkraften w\u00e4re. Das ist ein gro\u00dfer Gewinn, sicher, doch ist er BEDINGT durch das &#8222;on demand&#8220;. Derzeit kann ich das nur feststellen, nicht etwa \u00e4ndern. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;Leere ist Form. \u00dcber diese Weisheit aus dem Herz-Sutra denke ich manchmal nach. Gew\u00f6hnlich verstehe ich es als Beispiel bedingten Entstehens: ohne Leere keine Form! 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