{"id":4233,"date":"2000-02-17T11:46:35","date_gmt":"2000-02-17T10:46:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4233"},"modified":"2024-02-04T11:51:57","modified_gmt":"2024-02-04T10:51:57","slug":"zeit-und-geld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/02\/17\/zeit-und-geld\/","title":{"rendered":"Zeit und Geld"},"content":{"rendered":"<p>Techno-Musik war nie mein Fall, wenn es auch manches beeindruckende und mitreissende St\u00fcck gibt. Doch &#8222;St\u00fcck&#8220; ist bereits ein falsches Wort, Techno hat normalerweise keinen Anfang und kein Ende, ist nur ein Sound, den man auf- und abdreht. Ein Sound allerdings, der nur zum geringsten Teil melodisch daherkommt, sondern der sein Wesen aus der Maschine bezieht: Mit so-und-so-viel SCHL\u00c4GEN pro Sekunde peitscht Techno vorw\u00e4rts&#8230;. aber wohin? Wozu? Gerade das soll und will der Tanzende vergessen.<!--more--><\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt diese Musik ein, weil ich gerade einem altbekannten Geschehen ausgesetzt bin: Ein gr\u00f6\u00dferes Projekt, inhaltlich wirklich GUT &amp; SCH\u00d6N, ger\u00e4t in die N\u00e4he der Finanzierbarkeit: Geld soll fliessen, die Beisterung der Macher beginnt die M\u00e4chte des Venture Capitals zu interessieren. Und sofort wird aufgedreht! Da die Inhalte und die Notwendigkeiten qualitativ guter Arbeit auf jener Ebene nicht interessieren, soll auf einmal die H\u00e4lfte der urspr\u00fcnglich vorgesehenen Zeit gen\u00fcgen, um etwas ins Werk zu setzen, zu dessen Verwirklichung hunderte Menschen (MENSCHEN, nicht Maschinen) kooperieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es versteht sich fast von selbst, da\u00df es nat\u00fcrlich nicht darum geht, einen bereits vorliegenden exakten Plan &#8217;nur&#8216; abzuwickeln &#8211; nein, das Projekt wird im Prinzip konkretisiert, w\u00e4hrend es verwirklicht wird. Gegen Learning by Doing ist nichts einzuwenden, das wird heute mehr und mehr zum Standard. Jedoch: Der Teufel steckt immer im Detail und jedes Just-In-Time-Management agiert in hohem Ma\u00dfe mit Versuch und Irrtum. Wenn dann nicht einmal Zeit bleibt, den bereits bekannten Teil der Abl\u00e4ufe und Arbeiten entsprechend vorhandener ERFAHRUNGEN zu timen, um Wachheit, Energie und Ressourcen auf das Neue, das bisher Nicht- Dagewesene zu konzentrieren, dann wei\u00df ich nicht, wie das gehen soll.<\/p>\n<p>Falsch, ich weiss es doch: es geht nicht! Man gew\u00f6hnt sich nur allzu schnell eine kompatible, unscharfe Sprechweise an und wenn ich nicht aufpasse, stehe ich eines Tages mit dem Gedanken aus dem Bett auf: &#8222;Und wieder ist es uns gelungen, einen gro\u00dfen Schritt in die richtige Richtung zu machen!&#8220;<\/p>\n<p>Kurioserweise ist gerade das oben erw\u00e4hnte &#8222;Neue&#8220;, das Herzblut der Begeisterung aktiver und kreativer Menschen, die Ressource, mittels der das Kapital sich vermehren m\u00f6chte. Doch kaum findet die ersehnte Ber\u00fchrung, der hoffnungsvolle Handshake zwischen Geist und Geld, statt, setzt sofort der hektische Rythmus der Maschine ein und beginnt, die menschlichen Potenziale zu verbrauchen, anstatt sie zu bef\u00f6rdern, das seltene Herzblut echten Engagements auf dem heissen Stein des rasenden Stillstands zu verdampfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es trotzdem hier und da Ergebnisse und Realisierungen, doch ich nenne das &#8222;Ergebnisse als ob&#8220;: alles ist mehr schlecht als recht hingerotzt, unz\u00e4hlige Fehler werden von schmucken Oberfl\u00e4chen verdeckt (im Baugeschehen genauso wie im WWW!), es entsteht eine Welt der Fassaden und Potemkinschen D\u00f6rfer, dahinter und darunter ist nichts als gut verpackter M\u00fcll.<\/p>\n<p>Das schlimmste daran ist nicht die Welt-als-ob, die so entsteht, sondern der Selbst-Verschleiss der Menschen: Im Versuch, unter steter gro\u00dfer Anspannung dem Rythmus der Maschine zu entsprechen, f\u00e4llt die eigene Leiblichkeit, die Gesamtheit aus Gef\u00fchl, Gedanke und K\u00f6rperempfindungen, immer mehr auseinander (die Beziehungen sowieso!) &#8211; und jegliches Bem\u00fchen um Harmonie, um Vereinheitlichung dieser Ebenen wirkt dann wie ein schlechter utopistischer Witz.<\/p>\n<p>Sehe ich zu schwarz? Weil ich das nicht f\u00fcr alle Zeiten ganz genau wei\u00df, trete ich gelegentlich den beschriebenen Realit\u00e4ten n\u00e4her, lasse mich aufs Neue ein St\u00fcck weit ein: man gibt ja der Welt immer mal wieder eine Chance&#8230;.<\/p>\n<p>Gut zu wissen, da\u00df ich nicht MUSS. Das n\u00e4mlich war der gro\u00dfe Irrtum meiner ersten Lebensh\u00e4lfte und ich will hier nicht ausbreiten, was er mich gekostet hat, doch hat es sich gelohnt: heute lebt in mir ein psycho-physisch tief eingegrabenes Kosten\/Nutzen-Kalk\u00fcl, da\u00df sich gerade NICHT nur auf Geld, Sicherheit, Ruhm &amp; Ehre (oder gar &#8222;Weltrettung&#8220;) konzentriert, sondern andere Werte hoch ansetzt: Gelassenheit, gute menschliche Beziehungen, Entspannung, Freude im Hier &amp; Jetzt. Damit ausgestattet, wage ich es ab und zu, gr\u00f6\u00dfere Projekte kommen zu lassen &#8211; wissend, da\u00df ich gut ohne sie leben und mit h\u00fcbschen kleinen Br\u00f6tchen gl\u00fccklich sein kann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Techno-Musik war nie mein Fall, wenn es auch manches beeindruckende und mitreissende St\u00fcck gibt. Doch &#8222;St\u00fcck&#8220; ist bereits ein falsches Wort, Techno hat normalerweise keinen Anfang und kein Ende, ist nur ein Sound, den man auf- und abdreht. Ein Sound allerdings, der nur zum geringsten Teil melodisch daherkommt, sondern der sein Wesen aus der Maschine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9,7,231],"tags":[1098,1096,1097,1100,1101,1099],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4233"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4233"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4233\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}