{"id":4231,"date":"2000-02-10T11:31:47","date_gmt":"2000-02-10T10:31:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4231"},"modified":"2024-02-04T11:34:39","modified_gmt":"2024-02-04T10:34:39","slug":"verwahrlosung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/02\/10\/verwahrlosung\/","title":{"rendered":"Verwahrlosung"},"content":{"rendered":"<p>Kennt Ihr diese alten Fabrikgeb\u00e4de aus der Gr\u00fcnderzeit? Rote Backsteinbauten, an sich reine Zweckgeb\u00e4ude, doch immer finden sich auch dekorative Elemente, S\u00e4ulen, Friese, schmiedeeisernes Kunsthandwerk. Als ich das zum ersten Mal sah, war ich erstaunt \u00fcber diesen Willen, neben reiner N\u00fctzlichkeit immer auch Sch\u00f6nheit anzustreben.<!--more--><\/p>\n<p>Ich wohnte zeitlebens in Altbauten, R\u00e4ume mit hohen Decken, gro\u00dfen Zimmern und manchmal Stuck. Wenn ich Freunde in Neubauten besuchte, f\u00fchlte ich mich &#8222;gedr\u00fcckt&#8220;, denn die Decken sind deutlich niedriger, man hat so ein Schuhschachtelgef\u00fchl.<br \/>\nUm alle St\u00e4dte stehen mittlerweile riesige Schuhschachteln herum, Kaufcontainer auf der gr\u00fcnen Wiese, bar jeder \u00c4sthetik, schnell gebaut, schnell abgerissen, wenn es nicht mehr l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Einige Jahre erlebte ich in Berlin intensiv die Sanierung eines Altbau-Viertels &#8211; und stellte fest, da\u00df der ganze neue Kram, den sie einbauen, recht schnell kaputt geht. Gerade mal die Gew\u00e4hrleistungsfrist \u00fcberstehen die neuen Fassaden, dann bl\u00e4ttert die Plastik-artige Farbe ab und das Ganze sieht bald furchtbarer aus als vorher.<\/p>\n<h2>Armut der Moderne<\/h2>\n<p>Die ganze Welt der Gegenst\u00e4nde geht schnellstm\u00f6glich in M\u00fcll \u00fcber, und so etwas wie Manufaktum (&#8222;Es gibt sie noch, die guten Dinge&#8220;) ist nichts als eine nostalgische Fu\u00dfnote zum Mainstream, zudem ein Privileg der Besserverdienenden.<\/p>\n<p>Warum ist das so? Warum sind wir faktisch \u00e4rmer als die Gesellschaft der Jahrhundertwende, die sich offenbar leisten konnte, einem Haus nur 5 Stockwerke zu geben mit viel freiem Raum \u00fcber dem Kopf? Niemals waren wir so &#8222;reich&#8220; wie heute, wenn man vom Umsatz, vom Bruttosozialprodukt, von den Einkommen, von der Gesundheit und der Lebenserwartung ausgeht. Doch bei n\u00e4herer Betrachtung sind wir eine M\u00fcll-Gesellschaft, die ihre reale Umgebung verkommen l\u00e4\u00dft und sich in den Medien verliert.<\/p>\n<p>N\u00e4chsten Monat wird hier ein Chip-gesteuertes M\u00fcll-Entsorgungsverfahren eingef\u00fchrt: Jeder zahlt entsprechend seinem M\u00fcll-Aufkommen. H\u00f6rt sich sinnvoll an, hat aber in anderen Gemeinden bereits zur Verm\u00fcllung der Umgebung gef\u00fchrt: Die Leute werfen so wenig wie m\u00f6glich in die eigene Tonne und fahren den Rest &#8222;irgendwohin&#8220;. Schon jetzt liegt in den kleinen W\u00e4ldchen jede Menge Abfall, die Gemeinden bauen lieber neue Stra\u00dfen und f\u00e4llen &#8222;st\u00f6rende&#8220; B\u00e4ume, als mal ein paar Sammelaktionen zu organisieren.<\/p>\n<p>In den 70gern konnte man noch an den &#8222;Ausstieg&#8220; glauben: irgendwohin, auswandern oder einen \u00d6ko-Hof aufziehen. Vorbei! Heute wissen wir, da\u00df die Mega-M\u00fcll-Maschine bis an den hinterletzten Ort der Erde vorgedrungen ist, there is no way out. Und &#8222;\u00f6ko&#8220; ist auch out, liest man immer wieder, als sei das eine Frage der Mode.<\/p>\n<p>Zwei Jahre war ich in Berlin Projektleiterin f\u00fcr Energiesparkampagnen im Auftrag des Umweltsenats, des Umweltbundesamtes und \u00e4hnlicher Institutionen. Stets mu\u00dften wir dar\u00fcber gr\u00fcbeln, wie wir das Thema mit &#8222;positiven Werten&#8220;, mit Fun und Lifestyle verkaufen k\u00f6nnten. Um Himmels Willen, blo\u00df nicht von Verzicht sprechen! Nein, das hie\u00df &#8222;effiziente Energienutzung&#8220;. Und wenn ich den Aufwand \u00fcberdachte, der erforderlich war, z.B. einen Wohnblock voller Mieter mittels Mitmachaktionen, Gewinnspielen und Festen dazu zu bewegen, den Energieverbrauch um 3% zu senken, kam mir echt das Kotzen! Und nat\u00fcrlich war kurze Zeit sp\u00e4ter alles wie gehabt&#8230;.<\/p>\n<p>Im BTX f\u00fchrte ich damals eine Umfrage durch, interessehalber, ganz f\u00fcr mich allein. Ich fragte: Wieviel Deines Geldes k\u00f6nntest du sparen, wenn du nur das kaufst, was du wirklich brauchst? Was &#8222;wirklich brauchen&#8220; bedeutet, durfte jeder f\u00fcr sich selber definieren. Die Antworten schwankten zwischen 20 und 80%. Da verschwand bei mir auch der letzte Rest von Motivation, mich daf\u00fcr zu engagieren, irgendwelchen Energieverbrauch um minimale Prozente zu senken&#8230;.<\/p>\n<p>Bei alledem kann man leicht zum Menschenhasser werden, deswegen denke ich nur noch selten dar\u00fcber nach. Ich m\u00f6chte die Welt und die Leute nicht verachten, m\u00f6chte auch mich selbst nicht verachten, denn ich bin ja keineswegs eine &#8222;gr\u00fcne Heilige&#8220;. Und mehr, als es mir immer mal wieder von der Seele zu schreiben, f\u00e4llt mir dazu nicht mehr ein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennt Ihr diese alten Fabrikgeb\u00e4de aus der Gr\u00fcnderzeit? Rote Backsteinbauten, an sich reine Zweckgeb\u00e4ude, doch immer finden sich auch dekorative Elemente, S\u00e4ulen, Friese, schmiedeeisernes Kunsthandwerk. 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