{"id":423,"date":"2005-12-12T13:53:48","date_gmt":"2005-12-12T11:53:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=423"},"modified":"2009-12-28T13:57:07","modified_gmt":"2009-12-28T11:57:07","slug":"vom-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/12\/12\/vom-glueck\/","title":{"rendered":"Vom Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>1997 baute ich das erste Mal eine Website zum Thema <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/glueck\">Gl\u00fcck<\/a>. Ich schrieb einen langen Artikel, bekam tief sch\u00fcrfende Lesermail, der ich (h\u00e4ndisch!) neben dem Text Platz einr\u00e4umte, gestaltete das Ganze m\u00f6glichst mystisch und investierte jede Menge Herzblut in die vielen Details  &#8211; was f\u00fcr eine nette Erinnerung an bewegte Netz-Zeiten, als noch nicht jede Seite eines Projekts aussehen musste wie die andere! <br \/>Inhaltlich aber entlockt mir das meiste, was ich damals schrieb, heute ein gro\u00dfes G\u00e4hnen. Ganz nett, recht unterhaltend, stellenweise geistreich und philosophisch, letztlich aber reine Zeitverschwendung: abstraktes Geplaudere \u00fcber dies und das, wie es sowieso aus allen Medien quillt. Da wird viel spekuliert, was Gl\u00fcck bedeuten k\u00f6nnte oder auch nicht: ein fester Arbeitsplatz, Reichtum, Ruhm und Ehre, Konsum und Erfolge? In pseudo-objektivem, fast journalisitschen Stil und im Duktus eines wolkigen &#8222;wir&#8220; schreitet der Text voran, bzw. m\u00e4andert recht ziellos von Gegenstand zu Gegenstand, um schlie\u00dflich das Thema &#8222;Gl\u00fcck&#8220; zugunsten anderer interessanter Themen ganz zu verlassen, ohne dies irgendwie zu rechtfertigen. <\/p>\n<h2>Das Abenteuer<\/h2>\n<p>Letzteres war mein Gl\u00fcck! Das echte, wahre, gelebte Gl\u00fcck der freien Entfaltung im  Augenblick: Zum ersten Mal wagte ich es damals, einen Text zu beginnen, ihn auch auszustellen und um Kommentare zu bitten, von dem ich zu Beginn und \u00fcber weite Strecken nicht wusste, wohin mich all diese Gedanken f\u00fchren w\u00fcrden. Das war neu, f\u00fcr mich geradezu revolution\u00e4r, die ich doch gewohnt war, zuerst zu denkerischen Ergebnissen zu kommen, um dann abzuw\u00e4gen, ob sie f\u00fcr &#8222;die Welt&#8220; geeignet seien. Wie es dem Publizieren im Druck eben entspricht: man schreibt einen Artikel und bewertet dann, ob er die Ver\u00f6ffentlichung wert ist &#8211; Unsicherheiten w\u00e4hrend der Erstellung, mangelnde Stringenz der eigenen Meinungen und allerlei weitere Stolpersteine werden gemeistert, BEVOR man sich mit seinem Werk einer \u00d6ffentlichkeit aussetzt.<\/p>\n<p><b>Mit  &#8222;Gl\u00fcck&#8220; verlie\u00df ich diese ausgetretenen, gesicherten  Pfade<\/b> und f\u00fchlte mich wie auf dem Hochseil! Ich agierte ohne den Schimmer einer Ahnung, ob &#8222;Gl\u00fcck und mehr &#8211; work in progress&#8220; ein katastrophaler Flop werden w\u00fcrde oder ein geniales Textlabyrinth, das alle faszinieren und zum Mitschreiben anregen w\u00fcrde, die damit in Ber\u00fchrung k\u00e4men. Ich reihte S\u00e4tze aneinander, ohne etwas Bestimmtes sagen zu wollen und freute mich, dass es sich dann doch sinnvoll anh\u00f6rte: weltkundig, f\u00e4hig, beschlagen, sympathisch. Ich lernte, dass ich mich auf die allm\u00e4hliche Entstehung der Gedanken beim Schreiben  verlassen konnte, egal, um welchen Gegenstand es sich handelte. &#8222;Gl\u00fcck&#8220; im allgemeinen interessierte mich n\u00e4mlich nicht die Bohne, es ging einzig ums experimentieren, ums publizieren im neuen Medium Internet, in dem ENDLICH jeder selber machen konnte, was er wollte (ja, damals war das noch so!).  DAS war der Hammer, das gro\u00dfe Abenteuer, das neue Spiel &#8211; und &#8222;Work in Progress&#8220;  das aktuelle Wagnis, der Schritt weiter auf noch unbekannten Pfaden, in  dem ich g\u00e4nzlich aufging &#8211; mein Gl\u00fcck eben!<\/p>\n<p>Und das ist es auch heute noch: wenn das Leben nicht einfach so seinen gewohnten Gang geht, wenn ich NICHT fortw\u00e4hrend im Halbschlaf der Routinen agiere, sondern der unergr\u00fcndliche, abenteuerliche, manchmal auch abgr\u00fcndig-absurde Charakter dessen, was ist, sp\u00fcrbar wird: DAS macht mich gl\u00fccklich! Weil es dem Mysterium entspricht, dem Staunen dar\u00fcber, dass etwas ist und nicht nichts, wie es die Philosophen in Worte fassten. <\/p>\n<h2>Entsprechen<\/h2>\n<p>Im Wort &#8222;entsprechen&#8220; liegt vielleicht der Schl\u00fcssel zum Gl\u00fcck, wie ich es heute verstehe. Es entspricht nicht den Erfordernissen, mir irgend etwas auszudenken, was ich sein, werden oder besitzen sollte, um dann damit gl\u00fccklich (oder auch nur zufrieden) zu sein. Sondern ich will im &#8222;Akt des Daseins&#8220; aufgehen, mit meinen Talenten und F\u00e4higkeiten an passender Stelle das Not-wendige tun &#8211; ob es meine Not, deine Not oder unser aller Not ist: egal! Diese Unterscheidungen und Trennlinien sind sowieso reine Einbildung: wie k\u00f6nnte ich gl\u00fccklich sein, wenn alle um mich her leiden??  Wir sind Primaten und werden uns niemals vollst\u00e4ndig vom Wohl und Wehe der &#8222;Horde&#8220; lossagen k\u00f6nnen. Schon der Versuch zeigt an, dass etwas nicht stimmt, dass etwas Wesentliches aus dem Gleichgewicht geraten ist, n\u00e4mlich die innere Balance zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Aspekt. <\/p>\n<p><b>Wie finde ich nun das, was entspricht?<\/b> Indem ich hinsehe, was gebraucht wird, und hinsp\u00fcre, ob ich mich im Tun wohl, bzw. gut und richtig f\u00fchle. Es macht mir zum Beispiel Freude, Webseiten zu bauen, neue Projekte zu entwickeln, sie bekannt zu machen und wachsen zu lassen &#8211; das ist kein blasser theoretischer Gedanke, sondern gesichertes Wissen aus vielfachem Erleben und fortdauernder Freude an der Arbeit. Wie steht es aber mit der Frage nach dem Inhalt der zu gestaltenden Webprojekte?? Anstatt da nun viel zu gr\u00fcbeln und abzuw\u00e4gen, was denn von allgemeiner N\u00fctzlichkeit und Wichtigkeit sein k\u00f6nnte (vielleicht &#8222;Gl\u00fcck&#8220;? Das will doch eigentlich jeder&#8230; oder nicht?), f\u00e4nde sich die Antwort vergleichsweise leicht in der Serverstatistik. Da steht sehr konkret, was die Welt haupts\u00e4chlich sucht, wenn sie auf meine Seiten zugreift, n\u00e4mlich:<\/p>\n<ul>\n<li>Porno f\u00fcr Frauen\n\t<\/li>\n<li>Tietze-Syndrom\n\t<\/li>\n<li>Sinn des Lebens\n\t<\/li>\n<li>Bondage-Geschichten\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Seit Jahr und Tag landen Menschen mit diesen Bed\u00fcrfnissen auf dem Klinger-Web und werden doch nur marginal zu ihrem Wunschthema bedient &#8211; mal die Frage nach dem &#8222;Sinn des Lebens&#8220; ausgenommen, die durch das Gesamtprojekt ausreichend beantwortet wird (n\u00e4mlich so: in Sachen &#8222;Sinn des Lebens&#8220; sind wir nicht  Fragende, sondern geben durch unser Leben t\u00e4glich selber Antwort).<br \/>\nBleiben noch &#8222;Porno f\u00fcr Frauen&#8220;, &#8222;Tietze-Syndrom&#8220; und &#8222;Bondage-Geschichten&#8220; &#8211; warum an selbst erdachten Themen  eigenwillig festhalten, wenn es doch so klare W\u00fcnsche gibt? <br \/>F\u00fcr den Moment ist diese Betrachtung nur ein Beispiel f\u00fcrs &#8222;Ensprechen&#8220;, doch morgen schon k\u00f6nnte ich  in die Arbeit an diesen Themen versunken und restlos gl\u00fccklich sein! <\/p>\n<h2>Das &#8222;passive&#8220; Gl\u00fcck<\/h2>\n<p>Was macht noch gl\u00fccklich au\u00dferhalb des flie\u00dfenden Werkens und Wirkens, das eine kreative Arbeit bietet?  Neben dem Gl\u00fcck in der Aktivit\u00e4t gibt es den anderen Pol: das Gl\u00fcck des Beobachters, bzw. das Gewahrsein und bewusste Genie\u00dfen dessen, was gerade ist. Dazu braucht es die F\u00e4higkeit, die geistige Kupplung zu treten und den inneren Monolog zu stoppen. Mir gelingt das am leichtesten durch kurze Konzentration auf eine physische Sensation: ein und ausatmen, den K\u00f6rper sp\u00fcren &#8211; und schon bin ich gl\u00fccklich, dass es um mich her so angenehm warm ist!   Ich genie\u00dfe die vielgestaltigen Farben und Formen der Umgebung, freue mich, dass gerade keinerlei Schmerzen die Aufmerksamkeit b\u00fcndeln, gerate gelegentlich in nahezu ekstatische Zust\u00e4nde und f\u00fchle unendliche Dankbarkeit, dass ich hier und heute in Frieden und schierem \u00dcberfluss lebe.<\/p>\n<p>Der aktive und der passive Zugang zum Gl\u00fcck steht mir zu jeder Zeit offen,  doch ist Gl\u00fcck seiner Natur nach nichts Stabiles: mehr oder weniger schnell verwandelt es sich wieder in Richtung Ungl\u00fcck und Leiden. W\u00e4re dem nicht so, k\u00f6nnten wir weder das eine noch das andere wahrnehmen:  es ist das Wesen der Polarit\u00e4t, dass es immer nur BEIDE Seiten der Medaille gibt. Oh wie sch\u00f6n, wenn der Schmerz nachl\u00e4sst &#8211; im Grunde ist alles Gl\u00fcck eine Variante dieses Erlebens. (Das gr\u00f6\u00dfte &#8222;gef\u00fchlte Ungl\u00fcck&#8220; findet sich denn auch in Gesellschaften, die \u00e4u\u00dferlich ein reiches und rundum abgesichertes Leben bieten &#8211; das Leid kann hier kaum  mehr von au\u00dfen kommen, sondern muss als psychisch-geistige Krankheit von innen an der Seele nagen).<\/p>\n<p>Um die nat\u00fcrliche Fl\u00fcchtigkeit gl\u00fccklicher Zust\u00e4nde zu wissen, ihre strukturelle Notwendigkeit zu akzeptieren (es fragt uns eh keiner!), ergibt noch einmal ein tieferes &#8222;Gl\u00fcck&#8220;: Gelassenheit gegen\u00fcber der st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderung, innere Unabh\u00e4ngigkeit, Freiheit vom Stress des Strebens, Frieden und ein heiteres Gem\u00fct. <\/p>\n<h2>Gl\u00fcckbringende Zweisamkeit?<\/h2>\n<p>Und wo bleibt  der Mitmensch? Das vielbesungene Liebesgl\u00fcck??  Zweisamkeit, Familie, Gesellschaft?  Wer das Gl\u00fcck beim Andern sucht, sitzt einer Illusion auf und richtet sich damit mehr als das \u00fcbliche Quantum Ungl\u00fcck an. Dass es gewiss die attraktivste der g\u00e4ngigen Illusionen ist, noch dazu im Fall der Verliebtheit k\u00f6rperchemisch heftig unterst\u00fctzt, \u00e4ndert nichts am grunds\u00e4tzlich illusion\u00e4ren Charakter der Vorstellung, unser N\u00e4chster sei Gl\u00fccksgarant oder Lieferant. So zu denken, sich so zu verhalten, bedeutet die Begr\u00fcndung einer (vermeintlichen) Abh\u00e4ngigkeit und das Abw\u00e4lzen von Verantwortung f\u00fcr den eigenen Seelenzustand auf andere. Irgendwann wachsen wir aus dieser Erwartung heraus oder wir versteinern und verbittern, der Welt ewig b\u00f6se, weil das Gew\u00fcnschte nicht zu erreichen ist.<\/p>\n<p>Dass die Natur zu Zwecken der Fortpflanzung und Kinderaufzucht das Verlangen nach dem Geschlechtspartner (als erotischer Gespiele, nicht als Beute!) entwickeln und etablieren musste, zwangsl\u00e4ufig mitsamt dem Gef\u00fchl der Einsamkeit und Unvollst\u00e4ndigkeit, wenn gerade keiner greifbar ist, bedeutet ja nicht, dass das &#8222;gewitzte Tier&#8220;, das wir geworden sind, das Spiel nicht eines Tages durchschaut.  Nicht unbedingt in jungen Jahren (das w\u00e4re eher kontraproduktiv), sondern eher in vorger\u00fccktem Alter, wenn Wahrnehmen und Erkennen gegen\u00fcber Handeln und K\u00e4mpfen auf dem Vormarsch sind. <\/p>\n<p>Wenn ich mich mal des Abends allein zuhause ein paar Augenblicke unruhig und einsam f\u00fchle, dann stell&#8216; ich mir gerne vor, wie es jetzt w\u00e4re, wenn dieser oder jener Freund meines Herzens anwesend w\u00e4re. Dann wird mir sogleich klar, dass die vorgestellte Zweisamkeit auch eine negative Seite hat:  F\u00fcr A bin ich eine andere als f\u00fcr B oder C, mit jedem Gegen\u00fcber lebt sich ein etwas anderer Teilbereich dessen aus, was ich bin. GANZ bin ich nur mit mir alleine, in der Potenzialit\u00e4t ohne Verwirklichung bin ich der Vollst\u00e4ndigkeit am n\u00e4chsten, bin bei mir zuhause &#8211; wie sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Seit ich das nicht nur wei\u00df, sondern allein und in jedem Zusammensein auch sp\u00fcre, empfinde ich keinen Mangel mehr, was andere Menschen angeht. Der Wegfall des Haben-M\u00fcssens nimmt einen Stress weg, dessen Abwesenheit auch der Mitmensch wohltuend sp\u00fcrt. Gl\u00fcckliches allein sein ergibt ein fr\u00f6hlich entspanntes Miteinander &#8211; ich kann es nur empfehlen!<\/p>\n<p>Gl\u00fcck &#8211; nun hab&#8216; ich einen ganzen Vormittag mit der Meditation dieses &#8222;Schreibimpulses&#8220; verbracht! Zu Weihnachten hin schlie\u00dfe ich so manche Brotarbeit ab und hab&#8216; wieder etwas mehr Zeit f\u00fcr &#8222;geplante Themen&#8220; und andere Kreativ-Arbeit  &#8211;  was f\u00fcr ein Gl\u00fcck!!! <\/p>\n<p>Wenn es mit dem Spruch &#8222;Only bad news are good news&#8220; etwas auf sich hat, wird dieser Diary-Beitrag zu den langweiligsten und \u00fcberfl\u00fcssigsten geh\u00f6ren, die je geschrieben wurden!<\/p>\n<p>Macht aber nichts &#8211;  macht mich nur gl\u00fccklich! <\/p>\n<p style=\"border: 1px solid gray; padding: 8px; font-size: 11px; margin-top: 30px; line-height: 16px;\">Dieser Artikel w\u00e4re vielleicht nur eine Idee geblieben, h\u00e4tte ihn nicht ein Diary-Leser unterst\u00fctzt! 1000 Dank! Ich habe die mir so geschenkte &#8222;Schreibzeit&#8220; sehr genossen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1997 baute ich das erste Mal eine Website zum Thema Gl\u00fcck. 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