{"id":4229,"date":"2000-02-06T11:22:44","date_gmt":"2000-02-06T10:22:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4229"},"modified":"2024-02-04T11:29:32","modified_gmt":"2024-02-04T10:29:32","slug":"die-universale-maschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/02\/06\/die-universale-maschine\/","title":{"rendered":"Die universale Maschine"},"content":{"rendered":"<p>Die &#8218;Referenzliste&#8216; des Webhits-Z\u00e4hlers listet einige Links auf, die aus den Weiten des Web auf dieses Diary zeigen. Als ich gestern mal wieder reinsah, fand ich eine Seite, auf der J\u00f6rg (ohne Nachname) meinen Text &#8222;<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/09\/23\/wir-koennen-nicht-dienen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir k\u00f6nnen nicht dienen?<\/a>&#8220; liebevoll gestaltet und ausgestellt hat. Sowas freut mich! Und gelesen hab&#8216; ich ihn auch nochmal: es ist eine heftige Anklage gegen die Dominanz der Ger\u00e4te, die sich zwischen Mensch und Mensch schieben und zunehmend unsere Zeit und Energie auffressen.<!--more--><\/p>\n<h2>Jedem sein Ger\u00e4t<\/h2>\n<p>Ein Aspekt, der in dieser Rede vergessen wurde, ist die Tatsache, da\u00df auch jeder sein EIGENES Ger\u00e4t braucht &#8211; nicht nur der PERS\u00d6NLICHE Computer, auch das eigene TV, das eigene Auto, der eigene Rasenm\u00e4her, die eigene Waschmaschine, zum Heimwerken die eigene Bohrmaschine, Stichs\u00e4ge, Kreiss\u00e4ge&#8230;. und nat\u00fcrlich liegt alles die meiste Zeit ungenutzt herum. Kurzum, die Wirtschaft basiert zum gro\u00dfen Teil auf der Unf\u00e4higkeit zu teilen, uns abzusprechen, unsere Bed\u00fcrfnisse miteinander in Einklang zu bringen, zu verhandeln und Kompromisse zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Als ich ungef\u00e4hr sieben Jahre alt war, schaffte unsere Family einen Fernseher an. Ab da sa\u00dfen wir abends im Halbkreis vor dem Ger\u00e4t und guckten manchmal bis zum &#8222;Sendeschlu\u00df&#8220; (sowas gabs damals noch!). Das war nicht etwa schlecht, keineswegs ein Verlust an famili\u00e4rem Miteinander &#8211; im Gegenteil, ich war wirklich froh, da\u00df meine Eltern dadurch weniger auf uns Kinder konzentriert waren. Im Nachhinein erscheint es mir als der Gipfel famili\u00e4rer Geborgenheit: alle vergessen sich selbst und schauen gemeinsam auf etwas Drittes, erleben dasselbe und k\u00f6nnen sogar dar\u00fcber reden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war damit auch \u00c4rger verbunden: Wir konnten uns nicht immer auf ein Programm einigen und ich fand vieles unglaublich \u00f6de, was ich mir da so ansah, ohne es zu verstehen. Mein Vater hatte nicht vor, Demokratie zu wagen: er war (fast) unumschr\u00e4nkter Herrscher \u00fcber die Programmwahl und als die Fernbedienung aufkam, war das nat\u00fcrlich SEIN Ding.<\/p>\n<p>In heutigen Familys hat oft jedes Kind einen eigenen Fernseher (&#8222;Geh doch r\u00fcber!&#8220;). Ich bin angenehm \u00fcberrascht, wenn ich Freunde besuche und treffe sie mit den Kids vor der Glotze an &#8211; und es l\u00e4uft sogar das Programm, das die Kinder sehen wollen! Aber das ist die Ausnahme, der Trend geht zum Eigenger\u00e4t und ich vermute, bald sitzen wir alle lebenslang jeder f\u00fcr sich in v\u00f6llig abgeschirmten R\u00e4umen, umgeben von Kommunikationsapparaten, vermeintlich unabh\u00e4ngig von Zeit und Raum und vor allem vom nervigen Mitmenschen, der allermeist gerade etwas anderes will. Soll er doch, kann er haben, hat ja sein eigenes Equipment!<\/p>\n<h2>Nur der Kopf wird noch gebraucht<\/h2>\n<p>Und weil ich gerade so sch\u00f6n dabei bin: noch eine andere Entwicklung ver\u00e4ndert uns. So ein Leben, das haupts\u00e4chlich daraus besteht, Informationen aus Medien aufzunehmen und selber daraus neue Informationen zu schaffen, um sie wieder in Medien einzugeben &#8211; so ein Leben nutzt nur einen kleinen Teil unserer F\u00e4higkeiten, unseres Potentials. Haupts\u00e4chlich der Kopf wird gebraucht, wenn ich z.B. ein Bild von einem Baum bearbeite oder einen Text \u00fcber Kastanien schreibe. Aus der Erinnerung m\u00f6gen dabei noch ein paar Gef\u00fchle aufkommen (schlie\u00dflich bin ich in einer medienarmen Zeit aufgewachsen) doch bei vielen Themen und den meisten Arbeiten sind Gef\u00fchle eher kontraproduktiv. Wichtiger noch: Die BASIS, auf der Gef\u00fchle sich entwickeln, der K\u00d6RPER, ist kaum mehr beteiligt an dem, was f\u00fcr mein Leben in der Info-Gesellschaft wichtig ist. Und das hat Folgen:<\/p>\n<p>Schon in der Gutenberg-Galaxis hat es den Typus des &#8222;zerstreuten Professors&#8220; gegeben. Einer, der nur in Texten lebt und deshalb mit der Gegenstandswelt immer weniger zurecht kommt, ja, v\u00f6llig hilflos ist. Genau dieser Typus wird zum Mainstream werden, da wette ich drauf! Denn unser Ged\u00e4chtnis, unsere Konzentrations- und Wahrnehmungsweise ver\u00e4ndert sich entsprechend den Anforderungen des Daily Life. Der Umgang mit den Medien lehrt uns auf einer wenig bewu\u00dften Ebene Stunde um Stunde eines: Das, was ich hier tue, hat nur Folgen innerhalb von Medien&#8230;.. (auch der Blick auf das Bankkonto ist im hier gemeinten Sinne nur eine Mediennutzung!). Zwar WISSEN wir, da\u00df das nicht auf allen Gebieten gilt, aber wir nehmen die Gewohnheit an, weil es die MEISTE ZEIT stimmt, in Stunden \u00fcber den Tag betrachtet.<\/p>\n<p>Und so kommt es, da\u00df ich in die K\u00fcche gehe, einen Kaffee aufsetze, dann wieder an den PC zur\u00fcckkehre und erst ein brenzliger Geruch erinnert mich daran, da\u00df die Espressokanne \u00fcberl\u00e4uft und der Milchtopf seinen Inhalt \u00fcber die fast gl\u00fchenden Platten ergie\u00dft&#8230;. Oder ich werfe die W\u00e4sche in die Maschine und erinnere erst abends: Ach, die liegt ja noch immer drin! Auf das, was ich gerade arbeite, kann ich mich verdammt gut konzentrieren, doch ansonsten zappt die Aufmerksamkeit ins Beliebige. Die Erfahrungen bei der Arbeit werden ja nicht im K\u00f6rper verankert, nicht im Unbewu\u00dften zu automatisierten Verhaltensweisen &#8222;verdatet&#8220;, bzw. nur auf einer sehr beschr\u00e4nkten mentalen Ebene. Das hat durchaus Vorteile: Weil die Arbeit nur diesen Schmalspurbereich belegt, kann ich sie auch leicht wechseln. Es ist ja kaum noch ein (nicht-mediales) Erleben anderer Menschen, anderer R\u00e4ume und Dinge damit verbunden, switchen ist also einfach: ich bin die flexible Info-Arbeiterin, die die Welt braucht: Heute hier, morgen schon im n\u00e4chsten Projekt&#8230;.<\/p>\n<p>Und was das Kaffee-Kochen angeht: Wo die Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch, sagte H\u00f6lderlin. Schlie\u00dflich wird auf Hochtouren am &#8222;Digital Home&#8220; gearbeitet: vernetzte Ger\u00e4te werden uns alles abnehmen, bzw. daran erinnern, wenn ein Proze\u00df unser Eingreifen erfordert. Wir m\u00fcssen uns ja auch nicht mehr &#8222;auskennen&#8220; und keine Landkarten mehr lesen k\u00f6nnen, weil uns das GPS-System verl\u00e4\u00dflich sagt, wo es lang geht.<\/p>\n<p>Wenn ich solche Entwicklungen beschreibe, frage ich mich manchmal: Was geht da vor? WER bestimmt, wohin sich das alles entwickelt? Hat das irgend jemand gewollt, gew\u00fcnscht, gewu\u00dft? Doch da ist niemand, es organisiert sich selbst. Individuell ist es nat\u00fcrlich m\u00f6glich, Nischen zu finden, kleine Fluchten zu veranstalten &#8211; unbemommen, vielleicht Gl\u00fcck bringend f\u00fcr Einzelne, doch f\u00fcrs Ganze irrelevant.<\/p>\n<p>Vielleicht geht es uns einfach wie GOTT. Als ER den Menschen nach seinem Bilde schuf, wu\u00dfte er nicht, da\u00df er damit das eigene Verschwinden anzettelte. Und wir haben die universale Maschine geschaffen, nach unserem Bild, wie wir gerne w\u00e4ren, den Idealen der Aufkl\u00e4rung entsprechend: gerechter, rationaler, verl\u00e4\u00dflicher, optimal funktionierend, niemals korrumpiert durch Gef\u00fchle und Hormone. Unser Verschwinden hat begonnen&#8230;.<\/p>\n<p>Michael rief mich gestern an, v\u00f6llig entnervt. Sein System ist zusammengebrochen, die Festplatte im Chaos versackt, Windows startet nicht mehr, Norton Utilities gaben der Sache den Rest.<br \/>\nHaaaaa! Gestern noch hatte er mein ganzes Mitgef\u00fchl &#8211; jetzt aber, nach diesem Artikel, erf\u00fcllt mich das Ereignis mit diebischer Freude!!!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8218;Referenzliste&#8216; des Webhits-Z\u00e4hlers listet einige Links auf, die aus den Weiten des Web auf dieses Diary zeigen. Als ich gestern mal wieder reinsah, fand ich eine Seite, auf der J\u00f6rg (ohne Nachname) meinen Text &#8222;Wir k\u00f6nnen nicht dienen?&#8220; liebevoll gestaltet und ausgestellt hat. Sowas freut mich! 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