{"id":4227,"date":"2000-02-03T11:11:37","date_gmt":"2000-02-03T10:11:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4227"},"modified":"2024-02-04T11:22:35","modified_gmt":"2024-02-04T10:22:35","slug":"wer-bin-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/02\/03\/wer-bin-ich\/","title":{"rendered":"Wer bin ich?"},"content":{"rendered":"<p>Als ich vor einigen Jahren den Text <a href=\"http:\/\/home.snafu.de\/klinger\/mediwer.htm\">&#8222;Wer bin ich&#8220;<\/a> ins <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/mediwer.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Web stellte<\/a>, glaubte ich schon lange nicht mehr ernsthaft daran, da etwas &#8222;Substanzielles&#8220; zu finden. Die Kindergeschichte von der Seele, die im K\u00f6rper wohnt und nach dem Tod in Himmel oder H\u00f6lle &#8222;weiterlebt&#8220;, hat mich allenfalls bis zur Einschulung in Angst und Schrecken versetzt (offenbar hielt ich es intuitiv f\u00fcr unm\u00f6glich, in den Himmel zu kommen!). Immerhin war sie ein Gedankenbild, das ein St\u00fcck von dem lieferte, zu dem ich &#8222;Ich&#8220; sagen lernte.<!--more--><\/p>\n<p>Je \u00e4lter ich werde, desto besser erkenne ich, wie wenig &#8222;ich&#8220; existiert. Mir scheint, die Welt ist ein Gewebe aus ganz verschiedenen Kr\u00e4ften und Einfl\u00fcssen, mehr oder weniger materieller Art. Dabei ist z.B. ein politischer Skandal ebenso ein Einflu\u00df wie ein Gewitter, ein Unternehmen ebenso eine kraftvolle Wesenheit wie ein Feuchtbiotop, und die Verdauung siegt manchmal \u00fcber philosophische Gedankengeb\u00e4ude von gro\u00dfer \u00c4sthetik. &#8222;Ich&#8220; bedeutet mitten in alledem nur eine gewisse Tr\u00e4gkeit, ein Sammelsurium von Gewohnheiten, mehr nicht. Gie\u00dft man Wassser auf einen gleichm\u00e4\u00dfig runden Erdhaufen, so flie\u00dft das Wasser irgendwo herunter, ganz zuf\u00e4llig. Doch gie\u00dft man \u00f6fter, flie\u00dft es immer wieder an derselben Stelle, gr\u00e4bt sich sein Bett und hei\u00dft auf einmal &#8222;Flu\u00df&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist unverzichtbar, Gewohnheiten zu entwickeln, erfolgreiche Erfahrungen &#8222;abzuspeichern&#8220; und bei Gelegenheit zu widerholen &#8211; schlie\u00dflich kann ich nicht jeden Tag aufstehen und die Welt neu erlernen: Ohhhhhhhhh, wie wunderbar: der BAUM!!!! Oh, wie faszinierend, wie erschreckend und wunderbar: ein MENSCH! Nein, ich mu\u00df mich schlie\u00dflich ohne gro\u00dfes Vorspiel an den PC setzen k\u00f6nnen und meinem Tagwerk nachgehen &#8211; wie sollte ich anders meine Miete zahlen?<\/p>\n<p>Leben ist das aber nicht, dieses &#8222;funktionieren&#8220;. Wer darin ganz verschwindet, ist so gut wie tot. Mit zunehmendem Alter werden mehr und mehr Erfahrungen abgespeichert, st\u00e4rker und fester werden die Gewohnheiten, man wei\u00df, &#8222;wo es lang geht&#8220;, man geht keine Risiken mehr ein, ja, man kommt garnicht mehr in ihre N\u00e4he, denn schon vorher w\u00e4hlt man den sicheren, den bew\u00e4hrten Weg. Und wei\u00df nat\u00fcrlich alles besser.<\/p>\n<p>Junge Menschen haben zwar noch mehr Bezug zu echter Lebendigkeit, doch es n\u00fctzt ihnen fast nichts. Der Drang nach Anerkennung &#8211; zuerst beim anderen Geschlecht, dann auf der beruflich-gesellschaftlichen Ebene &#8211; ist derart stark, da\u00df sie fast alles tun, um JEMAND zu sein, um anerkannt zu werden, im Guten und wenn das nicht gleich klappt, auch im B\u00f6sen: als Held oder Anti-Held, egal.<\/p>\n<p>Kann ich irgend etwas tun, um diese Verl\u00e4ufe zu unterbrechen? Haben wir irgend eine Chance, etwas zu \u00e4ndern, den \u00fcblichen Lauf der Dinge zu konterkarieren? Das frag&#8216; ich mich mein ganzes Leben schon immer wieder neu. Mit 20 glaubte ich fest daran, ich h\u00e4tte einen freien Willen, k\u00f6nnte mich immer frei entscheiden und vor der Entscheidung sinnvoll \u00fcberlegen, was das beste ist. Das hat sich als Irrtum herausgestellt, denn: Was sind die Ziele? Die Ziele, f\u00fcr die ich meine Gedanken, mein ganzes Hirnschmalz und meinen Willen jeweils einsetzte, sind ja gerade geboren aus diesem \u00fcblichen Spiel der Kr\u00e4fte, SIND diese Kr\u00e4fte!<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht sage ich: es ist m\u00f6glich, einfach still zu halten und alles zu beobachten. Das hei\u00dft nicht, nichts zu tun, sondern genau das \u00dcbliche weiter zu tun, dabei aber darauf zu achten, wie das so abl\u00e4uft. Welche Ursachen zu welchen Folgen f\u00fchren, welche Anst\u00f6\u00dfe mich zu welchen Handlungen verleiten, welche Kr\u00e4fte mich in Bewegung setzen und welche mich matt und eniergielos machen. Dann sehe ich, was ich oben schon andeutete: es sind jeweils Einfl\u00fcsse, die mit der &#8222;Sache&#8220;, um die es vordergr\u00fcndig geht, selten etwas zu tun haben. Und es sind sehr viele unterschiedliche Einfl\u00fcsse auf ganz verschiedenen Ebenen: Psyche, K\u00f6rper, Gedanken, &#8222;\u00e4u\u00dfere&#8220; Einfl\u00fcsse, Natur, Kultur, Mitmenschen&#8230;..<\/p>\n<p>Je mehr und je \u00f6fter ich das beobachte, desto gelassener werde ich. (Kein Spruch!) Fr\u00fcher h\u00e4tte es mich z.B. in Angst versetzt, wenn ich mehrere Tage hintereinander nicht die richtige Arbeitsenergie aufbringe f\u00fcr die anliegende Brotarbeit. Sondern statt dessen dies und jenes mache oder \u00fcberhaupt nichts &#8222;n\u00fctzliches&#8220;. Heute kann ich das locker so stattfinden lassen, denn da ist das Vertrauen (die Erfahrung!), da\u00df sich das Arrangement der Einfl\u00fcsse mit Sicherheit wieder dahin \u00e4ndert, da\u00df ich in die Laune zum &#8222;B\u00e4ume ausreissen&#8220; gerate. Und wenn ich damit mal anfange, bin ich so produktiv, da\u00df die H\u00e4ngertage ausgeglichen werden. Nicht nur das: die Arbeit gewinnt sogar durch die faulen Phasen, denn in dieser Zeit entsteht ohne Bem\u00fchen &#8211; ich wei\u00df auch nicht, wie &#8211; die Empfindung, was gut ist und was nicht. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor einigen Jahren den Text &#8222;Wer bin ich&#8220; ins Web stellte, glaubte ich schon lange nicht mehr ernsthaft daran, da etwas &#8222;Substanzielles&#8220; zu finden. 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